War ja klar.
Tja, mit wem redet man, wenn niemand da ist? Richtig, mit dem Tagebuch. Es ist mitten in der Nacht, eigentlich sollte ich längst schlafen, aber das funktioniert sowieso nicht. Wie ich es mir schon dachte, wird aus dem Trip nach Liverpool am Donnerstag wohl nichts werden. Zweimal hatte ich P. letzte Woche gefragt, ob seine Einladung noch gilt oder nicht. Donnerstag hat er dann hier angerufen und eine Nachricht hinterlassen, er sei am Wochenende in Deutschland, so daß wir telefonieren könnten. Er würde noch einmal anrufen. Daß das nicht geschehen ist, muß ich wohl nicht weiter erwähnen. Daß ich blöd genug war, ihm die selbe Frage zum dritten Mal (per SMS) zu schicken, wohl auch nicht. Und erst recht nicht, daß auch darauf keine Antwort erfolgt ist. Wobei hier wohl zweifellos der alte Spruch zum Tragen kommt, keine Antwort sei auch eine Antwort.
Daß man eine Einladung aus irgendwelchen Gründen absagen will oder muß, kann vorkommen. Aber dann muß die Absage auch ausgesprochen werden, verdammt noch mal! Wenigstens das ist er mir schuldig, schließlich muß ich auch planen! Und es muß ihm ja wohl klar sein, daß ich jetzt 300,- DM für den Flug in den Sand gesetzt habe! Davon sollte ich ihm eigentlich die Rechnung schicken… Wieso hat er nicht am Donnerstag schon auf der Mailbox gesagt, was Sache ist? Ist es nun Feigheit oder Gleichgültigkeit? Und wie konnte es so weit kommen, daß P. meint, mich derart behandeln zu können?
Eine neue Leidenschaft *g*
Oh je, nun ist es mir doch noch passiert, obwohl ich mich so lange so standhaft gewehrt habe: Ich bin dem Harry-Potter-Fieber verfallen! Am Freitag hatte ich mir Band 1 gekauft, momentan bin ich am Ende von Band 3 angelangt und habe schon Band 4 auf dem Nachttischchen bereitliegen. Es ist wie eine Sucht, man kann einfach nicht mehr aufhören! Ob ich vielleicht anschließend eine Website…? *grins*
Ja, schön war’s, das Wochenende, mit Lesen, Leute anrufen, Eltern besuchen… Gestern abend war ich gerade mal eine Stunde wieder zu Hause in Essen, als es plötzlich an der Tür klingelt. Oh, prima, denke ich, muß wohl St. oder Du. sein, die noch auf einen Tee reinschauen! Von wegen! Vor der Tür stehen meine Erzeuger; sie hatten mich noch zur Straßenbahn gebracht, dann einen Spaziergang durch die Nachbarschaft in Dortmund veranstaltet und zum guten Schluß festgestellt, daß sie ihre Schlüssel nicht dabeihatten und die Nachbarn auch nicht zu Hause waren. LOL! Also mußten sie sich bei anderen Nachbarn Geld für die S-Bahn borgen und haben noch einen kleinen Trip nach Essen unternommen, um sich meine Ersatzexemplare ihrer Schlüssel auszuleihen. *ggg* Bloß gut, daß ich noch nicht in Brüssel wohne, meinte ich nur. Naja, so gegen halb elf waren sie dann wieder glücklich in ihrer warmen Wohnung. ;o)
Was war heute los? Eigentlich nichts, wenn man mal davon absieht, daß mein zukünftiger Chef heute im Hause war und mir im Büro einen kleinen Besuch abgestattet hat. Ich glaube, ich werde ganz gut mit ihm auskommen, er macht einen ziemlich ruhigen Eindruck, wie jemand, der weiß was er will, dabei aber nicht über Leichen geht. Sowas gefällt mir.
Tja, ich hoffe, Ihr nehmt’s mir nicht übel, aber Hogwarts ruft. Ich muß jetzt einfach rausfinden, was es mit Hermione’s Katze auf sich hat und wer dieser Black ist, der Harry’s Eltern an You-Know-Who verriet. Aber macht Euch keine Hoffnungen, hier wird nix verraten! ;o)
Gaudeamus Igitur!
So, seit gestern bin ich wieder Studentin. Meine Immatrikulationsbescheinigung von der Fernuni Hagen lag im Postkasten. Tja, da bin ich aber mal gespannt, was jetzt so alles auf mich zukommt.
Es waren überhaupt zwei recht interessante Tage… Erstaunlich, wie sehr einen doch manchmal Entwicklungen überraschen, die einen eigentlich gar nicht mehr überraschen dürften, wenn man besser auf sein Gefühl gehört hätte. Zwei Menschen leben fast 5 Jahre als Paar zusammen, und dann findet der eine heraus, daß er den anderen eigentlich nie wie einen Partner geliebt hat, sondern nur freundschaftlich. Und jetzt die Trennung. Irgendwie hatte ich’s gespürt, daß bei den beiden etwas “fehlt”, mir aber eingeredet, ich würde mir das nur einbilden. Offenbar stimmte es aber wohl doch.
Was dabei wohl in dem Partner vorgeht, der so vor den Kopf geschlagen wird? Ich wünschte ich wüßte es, hätte irgendetwas tröstendes, hilfreiches sagen können. Aber diese Art von Verletzung muß wohl selbst heilen, da kann ein Außenstehender nicht viel machen, schätze ich. Sie war so ruhig—hätte ich gar nicht gedacht. Was mich allerdings auch nachdenklich gemacht hat, ist die Tatsache, daß ihr erster Gedanke nach eigener Auskunft war, sie könnte dann ja auch nach Brüssel gehen. Als was? Und ohne Französischkenntnisse? Womöglich noch eine Wohngemeinschaft mit mir eröffnen. Ähhh… Nö. Not really… Wobei sich mir mal wieder die Frage stellt, wie weit Freundschaft, sogar beste Freundschaft eigentlich gehen soll und muß? Klar, daß jemand, der in Schwierigkeiten ist, gerne auch mal eine Weile bei mir wohnen kann, hatten wir alles schon. Auch klar, daß ich jemanden, von dem ich weiß, daß es ihm mies geht, auch öfter anrufe und besuche als andere. Aber hat irgendjemand, auch die beste Freundin, das Recht von mir zu erwarten, daß ich mein eigenes Leben komplett umkrempele, meine Unabhängigkeit und meine Lebensgewohnheiten langfristig aufgebe? Ich will keine Wohngemeinschaft, um keinen Preis, das hatte ich als Studentin lange genug. Aber der Gedanke, daß das so sein könnte, ist ihr offenbar gar nicht erst gekommen.
Was läuft da schief? Wie kommt sie dazu, sich solche Dinge einfach so auszudenken und in Gedanken gewissermaßen über mich zu verfügen? Ist das ein “wenn du wirklich meine Freundin bist, dann tust Du das und das…”? Oder ist es für sie selbstverständlich, daß beste Freundinnen auch automatisch zusammen leben wollen? Bin ich mal wieder zu eigenbrötlerisch, wenn sich mir beim Thema “Wohngemeinschaft” automatisch die Nackenhaare sträuben? Oder war ihre Idee doch nur eine Art Panik-Reaktion, um das Loch zu füllen, das ihr Ex-Freund gerade gerissen hat?
Ich finde es immer noch und immer wieder verdammt schwierig, die Balance zwischen Hilfsbereitschaft und meiner Privatsphäre zu finden. Zu oft habe ich mir schon einreden lassen, daß ich diejenige bin, die alles falsch sieht und habe es hinterher bitter und wütend bereut, daß ich mich so manipulieren ließ. Vielleicht erscheine ich mittlerweile vielen viel härter als vorher, aber zumindest lasse ich mich von niemandem mehr herumschubsen und finde mein Leben wieder schön und gut für mich. Klar, daß da einige sauer oder zumindest verblüfft sind—weil es für sie selbst unbequemer geworden ist, seit ich mich nicht mehr ausnutzen lasse.
Naja, schauen wir erst mal, ob sich das Thema Wohngemeinschaft nicht ohnehin im Sande verläuft, wovon ich ja ausgehe. Wenn nicht, werde ich allerdings etwas sagen müssen, Hilfsbereitschaft hin oder her. Meinen “Eine-Frau-Haushalt” gebe ich nur für einen Partner oder für meine Eltern auf, und für sonst niemanden. Punkt.
Tja, Brüssel… Die Reaktionen sind ja doch ausgesprochen unterschiedlich. Freude, Neid, Gleichgültigkeit—OK, das verstehe ich ja alles noch irgendwie. Aber eines verstehe ich nicht: Warum aber mein ehemaliger Englischlehrer meint, seinen gesammelten Sarkasmus und Zynismus über mir ausgießen zu müssen, im Tenor, daß ich ja nun im Kinderschänderland bei einem Rüstungskonzern Karriere mache. (Knallkopf! Der soll sich erst mal unser aktuelles Produktprogramm ansehen, bevor er so einen antiquierten Tinnef von sich gibt!) Was sollte das? Und dann noch diese bestußte Bemerkung, er selber würde ja lieber im Land der ungebildeten aber unschuldigen Amis unterrichten. Nun, ich habe entsprechend zurückgeblafft und ihm gesagt, daß ich ihm, dem Steuerzahler, trotz oder gerade wegen meiner moralisch unverantwortbaren Tätigkeit zumindest nicht als Arbeitslose auf der Tasche liegen würde und mir auch erst noch überlegen müßte, ob es tatsächlich besser wäre, in einem Land Pauker zu werden, in dem Lehrer von ihren Schülern und Schüler von ihren Mitschülern regelmäßig erschossen werden. Bin mal gespannt, was ihm dazu einfällt.
Ich hasse es, wenn einer versucht, mir meine Errungenschaften mieszumachen und erst einmal alles Negative aufzählt, spottet, nur um sich selbst die eigene Kritikfähigkeit zu beweisen und zu zeigen, wie gut er doch informiert ist. Kann er von mir aus im stillen Kämmerlein oder im Kollegium machen, aber wenn er mir einen solchen Mist ins Gesicht sagt, muß er mit Gegenwehr rechnen.
Besuch
Mir schwirren heute viele Gedanken im Kopf herum, unter anderem auch der, daß ich nicht mehr jeden Tag hier einen Eintrag hinterlassen kann, wie in einem Papier-Tagebuch, das man abends mitsamt Stift noch eben mit ins Bett nehmen kann, um zu schreiben. Es macht mich irgendwie ganz kribbelig, daß ich neuerdings jeden Tag im Internet bin, und sei es auch nur, um den neuesten Eintrag hochzuladen. Immer öfter habe ich das Gefühl, dadurch Zeit zu verplempern—tippen, speichern, ASCII-Umlaute einsetzen, kopieren, Korrektur lesen… Wie oft denke ich mittlerweile: “In der Zeit hättest Du gemütlich noch ein Lied oder zwei hören können…” Tja, so geht das nicht weiter, das muß ich stoppen, bevor das Online-Tagebuch noch zur lästigen Pflicht wird. Ab sofort werde ich also nur noch dann die neuen Einträge abtippen und hochladen, wenn ich ohnehin im Net wäre. Dann aber eben alle gleichzeitig.
Saubermachen muß ich auch noch, morgen kommt A. zu Besuch. Da gäb’s dann sowieso schon mal keinen Eintrag im Web-Tagebuch. Ich freu’ mich ja, daß sie kommt, nur wäre es mir lieber, wenn’s nicht ausgerechnet ein Wochentag gewesen wäre, nach der Arbeit, vor der Arbeit. Aber ewig kann und will ich ja auch nicht nein sagen.
Da sie einen Schlüssel zu meiner Wohnung hat und schon vor dem Berufsverkehr kommen will, wird sie wohl abends vor mir da sein, was bedeutet, daß ich an dem Tag bis zur Schlafenszeit keine einzige Sekunde für mich alleine haben werde. Dabei hätte ich noch jede Menge zu tun und ich bin ohnehin diese Woche so müde. Wohl fühle ich mich nicht dabei, und bis in die Nacht quatschen wird wohl auch nicht gehen. Ich muß am Donnerstag um sechs wieder raus und dabei fit sein, aber A. versteht das irgendwie nicht so ganz, sie hat noch nie Vollzeit gearbeitet. Naja, lieb ist sie—und wie!
Nun fehlt bloß noch, daß morgen mal wieder der Zug am Abend eine Stunde Verspätung hat. Na, wird schon schiefgehen.
Oma
Also entweder bin ich jetzt so langsam reif für die Klapsmühle, oder aber ich bin bereits drin und weiß es nur noch nicht!
Mit vielem hätte ich ja gerechnet, aber bestimmt nicht damit, daß die Mutter eines über 50-jährigen sich Sorgen macht, weil sie ihn und seine Frau (sprich: Meine Eltern!) Sonntag abends und Montag nachmittags nicht erreichen kann, und mich deswegen voller Panik auf der Arbeit anruft! WAAAAAAAAH! Es ist in der ganzen Familie bekannt, daß meine alten Herrschaften oft kreuz und quer durch die Gegend reisen und manchmal selbst von einem Tag auf den anderen noch nicht wissen, wo sie gerade sein werden. Oma ist ja lieb, aber sollen Paps und Margarete sich jetzt jeden Tag in HD bei der lieben (Schwieger)Mutter melden, wie zwei Sträflinge auf Bewährung? Ich fasse es einfach nicht! Vor allen Dingen begreife ich nicht, warum Oma immer besitzergreifender wird, obwohl wir sie doch oft besuchen und sie doch noch völlig klar ist im Kopf. Sie führt doch auch ihr eigenes Leben, und wir wissen nicht, wo sie und Opa wann gerade sind und was sie machen. Vermutlich würde sie sich auch ziemlich strikt dagegen verwahren, wenn wir sie selbst derartig überwachen würden, wie sie es neuerdings mit ihren Kindern versucht. Zumal das ja schon längst keine Kinder mehr sind!
Ja, klar weiß ich, wo meine Eltern gerade sind. Bei Freunden in Bonn. Aber das habe ich Oma nicht gesagt—die ist glatt noch imstande und telefoniert den beiden hinterher, wegen nichts und wieder nichts. Also erklärte ich unschuldig lächelnd, ich hätte keine Ahnung. Soll sie doch ruhig merken, daß nicht jeder immer alles über alle weiß oder wissen muß. Aber ich muß jetzt wohl doch mal meine Tante und meinen Cousin anrufen und mich mal mit denen über dieses Thema unterhalten; so langsam wird’s nämlich doch entschieden zu bunt. In diesem Sinne: Schönen Abend noch! *seufz*
J. die II.
Tja, die Sache mit J. hat sich dann wohl schon von selbst erledigt. Ich habe ja geglaubt ich lese nicht richtig, als sie sich gestern plötzlich bei mir beschwerte, warum ich mich nicht mehr bei ihr melde. Klar, so war sie’s ja auch gewöhnt. In die Ecke drängen wollte sie mich ganz offensichtlich, mir Schuldgefühle einreden. Wenn es nicht so traurig wäre, würde ich glatt darüber lachen. Nun ja, meine Antwort ist entsprechend ausgefallen - das dürfte für J. ein rüdes Erwachen geworden sein.
Beim Einkaufen gestern bin ich mal wieder an den ganzen Obdachlosen vor dem Hauptbahnhof vorbeigekommen. Oft würde ich ja gerne mal wissen, wie die Einzelnen von ihnen da gelandet sind, was sie für eine Geschichte haben. Diese unheimliche Mischung aus Aggression und Stumpfsinn, diese eigenartige Atmosphäre dort, ist erschreckend. Auf der einen Seite tun sie mir leid, auf der anderen ist mir nicht wohl, wenn ich dort vorbeigehe. Zu oft brechen Streitereien aus, in deren Verlauf dann geschubst, geschlagen und gestochen wird—und ehe man sich’s versieht, wird man angerempelt und muß noch aufpassen, daß man nicht selbst etwas abbekommt. Wann immer ich kann, vermeide ich jene Ecke eigentlich. Aber wenn ich darüber nachdenke, daß das das einzige Zuhause ist, das diese Menschen haben, wird mir ganz anders.
Ab und an steht dort so ein Bus herum, in dem irgendeine christliche Gemeinde eine warme Mahlzeit anbietet, aber soviel ich beobachten kann, ist der Preis, den die Obdachlosen dafür zahlen müssen auch nicht ganz so harmlos: Man schwafelt ihnen etwas vor über die Güte Gottes und über sein Himmelreich und irgendein Pseudohippie singt ohne Unterlaß fromme Lieder. In Anbetracht der Situation, in der die Obdachlosen leben, erscheint es mir fast wie ein Hohn. Wäre es nicht wesentlich christlicher, einfach nur die Mahlzeit auszuteilen, ohne den Versuch der Bekehrung? Irgendwie muß ich bei jenem Bus immer an Missionare im Urwald denken… Oder glauben die Leute, die diesen Bus betreiben, tatsächlich, daß ein paar Geschichten über Gott ausreichen, um den Obdachlosen wieder Halt und eine Chance auf einen neuen Anfang zu geben? Das wäre nun allerdings reichlich naiv. Liebe Zeit, die Leute vom Bahnhofsvorplatz haben ja noch nicht einmal ein Dach öber dem Kopf oder ein Bett zum Schlafen! Wie viele da wohl überhaupt zuhören? Und bei wie vielen geht’s zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus?
Irgendwie würde ich schon gerne helfen, aber wie? Geld zu geben wäre, als ob man ein Danaidenfaß füllen wollte. Reden? Die meisten sind ständig so sturzbetrunken, daß das nicht viel Sinn haben würde, schätze ich. Arbeit habe ich auch nicht für sie, und ärztliche Hilfe kann ich ebenfalls nicht leisten. Aber was dann?
J.
Soso, unser lieber Herr Wirtschaftsminister will also immer noch eine Umsatzsteuer auf im Internet angebotene Dienste wie Software-Downloads und Bestellungen aus dem Ausland einführen. Ob der selbst einen Internet-Anschluß hat? Oder sich inzwischen wohl mal um die technische Durchsetzung eines solchen Unfugs Gedanken gemacht hat? Genausogut könnte er versuchen, einen Pudding an die Wand zu nageln. Bin ja mal gespannt, was bei der G7-Sitzung zu dem Thema herauskommt.
Ich denke immer noch darüber nach, ob ich meine “Freundschaft” mit J. einfach stillschweigend beenden oder ihr noch einen letzten Brief schreiben soll, in dem ich ihr erkläre, warum es meiner Meinung nach keinen Sinn mehr hat, länger in Kontakt zu bleiben. Denn dieser Kontakt kommt ja sowieso nur von mir. J. scheint Freundschaft für etwas zu halten, das man einmal geschenkt bekommt und dann beiseite schieben und verstauben lassen kann, bis man es mal wieder braucht. Daß man an einer Freundschaft kontinuierlich arbeiten muß, hat sie vermutlich nie kapiert. Sobald ich Unmut äußere, kommt ein dämlicher Kommentar wie “You have to understand this…!” “You have to realize that…!” Das einzige, was ich noch verstehe, ist, daß ich es einfach satt habe. Tausend Entschuldigungen, warum sie nie Zeit für ihre Freunde hat, gleichzeitig wächst ihre Homepage jedoch unaufhörlich weiter. (Aber wenn sie was will, bin ich plötzlich wieder ihre beste Freundin.) OK, jeder kann seine Prioritäten setzen. Ich eben auch, und J. gehört nicht mehr dazu. Eigentlich kann sie einem leid tun. Gerade sie bräuchte meiner Ansicht nach unbedingt mehr Kontakte, vor allem dauerhafte. Aber ich fühle mich wirklich nicht zum Sozialarbeiter oder Psychotherapeuten berufen. Ich gebe und gebe und gebe, während sie nur nimmt. Dafür bin ich mir jetzt wirklich zu schade geworden. Die anderen Freunde, mit denen sie sich trifft, sind ausnahmslos nur Kollegen und/oder Freunde ihres Mannes, die sie nun als die ihren bezeichnet. Dabei ist immer E. derjenige, der diese Leute anruft, einlädt oder Einladungen annimmt. Und die Namen von J.s Online-Freunden bleiben auch nie lange die selben. Sobald sie meint, daß eine Freundschaft existiert, gibt sie sich keinerlei Mühe mehr, diese auch aufrecht zu erhalten, meint, das würde nun einfach so bleiben. Wenn dann einer von der Bildfläche verschwindet, probiert sie es halt beim nächsten und das Spiel geht von vorne los. J. verbraucht Menschen so, wie andere Leute eine Dose Cola. Sie wird sicherlich auch mich schnell ersetzen, und das macht es mir doch um einiges leichter. Du lieber Himmel, wenn ich so leben müßte… Tja, soll ich ihr nun schreiben oder nicht? Wem würde es etwas bringen? Andererseits habe ich aber auch keine Lust, eines Tages einen Anruf von ihr zu bekommen, weil sie mich mal wieder braucht, und ihr dann erklären zu müssen, daß die Freundschaft schon lange vorbei ist. Blöde Situation…
Auf Wohnungssuche
So, nun ist aber mal Schluß mit dem Gejammer! Niela hat schon ganz recht, ich sollte einfach nur froh sein, daß ich so eine Chance bekomme, kreuz und quer durch die Gegend zu gondeln.
Im Internet habe ich mich inzwischen mal ganz vorsichtig nach den gängigen Mietpreisen in Brüssel erkundigt, dabei aber fast einen Herzschlag bekommen. Diese Wohnung hier wäre z. B. nach meinem Geschmack (sogar mit offenem Kamin!), aber eben auch reichlich teuer, im Vergleich zu meiner jetzigen Bleibe. Naja, wir werden sehen. Schließlich verdiene ich demnächst ja auch ein bißchen mehr als vorher. *g*
Und wenn ich Glück habe, muß ich morgens und abends auch nicht mehr Zug fahren! Obwohl, das ist ja nicht immer soooo langweilig. Die Zeitungsleser zum Beispiel, hat auf die mal jemand geachtet? Da gibt’s ja eine richtige Typologie! Zum Beispiel der Leser, der seine Zeitung auf allerengstem Raum so zusammenfaltet, daß nur der Artikel noch sichtbar bleibt, den er selbst gerade liest. Oder derjenige, der im Gegensatz dazu die Zeitung so weit auseinanderfaltet, daß er seinem Nebenmann nicht nur die Sicht versperrt sondern auch fast noch die Zähne ausschlägt. (Ob ich irgendwann einfach mal zubeißen soll?) Dann hätten wir da noch denjenigen, der seine Zeitung komplett auseinanderrupft und zerfleddert. Da frage ich mich manchmal, ob er wohl selber noch weiß, welchen Artikel er gerade lesen wollte. Es gibt auch die, die erst weeeeeeeeeeeit ausholen, um umzublättern, dann aber ruckartig die Zeitung auf die Hälfte des Formats zusammenfalten, so daß man als Nachbar wieder freie Sicht bekommt.
Unter all diesen Typen gibt es dann die, die nur die Überschriften überfliegen, die, die nur den Sportteil lesen, die, die alles nur an- aber nichts komplett lesen, die, die jeden Artikel gründlichst lesen, die, die beim Lesen einschlafen, die, die mit grimmiger Miene nur darauf achten, daß auch ja kein anderer mitliest, und die daher selbst schon nicht mehr zum Lesen kommen… Man sollte auf Zeitungsleser wirklich mal ein paar Soziologen ansetzen. *ggg*
Fragen über Fragen
So langsam dämmert es mir erst einmal, auf was ich mich da eingelassen habe und wie viel ich in den nächsten 11 Wochen noch zu tun haben werde. Bei der neuen Wohnung fängt es schon mal an—für die Suche werde ich wohl den Urlaub im August verwenden müssen, wenn ich bis Oktober eine Bleibe haben will. Dann ein Konto eröffnen, mich erkundigen wegen der Versicherungen, Telefon beantragen, Wasser und Elektrizität, eventuell die neue Wohnung renovieren, auseinanderklamüsern, welche Ausgaben über mein deutsches Konto weiterlaufen müssen und welche über das belgische. Wie mache ich das mit der SOS-Kinderdorf-Patenschaft? Wie mit der Fernuni Hagen? Wie mit Puretec? Was mit der Kreditkarte? Dann ein Umzugsunternehmen suchen, die Sachen zusammenpacken, ausmisten, was nicht mehr gebraucht wird, evtl. den Sperrmüll bestellen. Dann die Rennerei zu den Rathäusern: Abmelden, anmelden, neuer Personalausweis. Puuuuuuuuuuuuuuh! Dem Himmel sei dank, daß mir sowohl A. als auch M. schon ihre Hilfe angeboten haben. Und was hat Belgien eigentlich für ein Fernseh-Format? PAL oder SECAM?
Brüssel ist eine tolle Stadt, aber ich werde auch hier vieles vermissen. Mit meinen Freunden fängt es schon mal an, obwohl man sich natürlich immer noch besuchen kann. Bei den kleinen gemütlichen Kneipen sieht’s da schon ein bißchen anders aus, da muß ich mir wohl ganz neue suchen. Und den kleinen Zierapfelbaum vor dem Schlafzimmerfenster sehe ich jetzt auch nicht mehr weiterwachsen. Manchmal frage ich mich, wie lange ich eigentlich noch so durch die Gegend zigeunern will. England, Frankreich, nochmal England, wieder Frankreich, dann Deutschland, jetzt Belgien. Sobald ich irgendwo fest im Sattel sitze, geht’s auch schon wieder auf und über alle Berge. Warum mache ich das eigentlich? Herausforderung, sicher. Neugier, ganz klar. Karriere, logisch. Aber kann es nicht auch sein, daß ich vielleicht vor irgendetwas davonlaufe? Vielleicht versuche, Schönes hinter mir zu lassen, bevor es mich hinter sich läßt? Oder denke ich jetzt zu kompliziert?
Ja, ich geb’s zu, ich bin momentan auch etwas traurig. Weil M. für so lange Zeit nach Japan geht. Weil P. mich ganz offenbar einfach so weggeworfen hat, es ihn nicht mehr interessiert, was ich mache und wie es mir geht. Nach einigen Anläufen habe ich dann endlich eine Mail geschrieben und ihm von dem neuen Job erzählt. Angeblich wollte er es ja unbedingt wissen. Keine Reaktion, noch nicht einmal ein kleines “Herzlichen Glückwunsch”—hätte ich mir ja denken können. Nun gut, solange ich von ihm nichts mehr höre, hört er ab jetzt auch nichts mehr von mir. Die alte Einladung für Ende Juli kann ich vermutlich mitsamt Ticket auch demnächst in den Papierkorb werfen. Hätte ich bloß gar nicht erst gebucht.
Kaputt ist auch die Freundschaft mit J., die auch wieder nur darauf wartet, daß ich mich bei ihr melde, weil ihr gar nicht der Gedanke kommt, es könnte mir wichtig sein, daß auch sie einmal etwas tut, um den Kontakt aufrecht zu erhalten. Auch von ihr kam nicht der leiseste Kommentar zum Jobwechsel, obwohl ich mich mit ihr immer über jeden noch so belanglosen Quark gefreut habe, solange es ihr wichtig war. Aber das ist wohl auch schon keine Freundschaft mehr. Eineinhalb Jahre lang war ich diejenige, die sich immer und immer wieder bemüht hat, und jetzt mag ich einfach nicht mehr. Das hat nichts mit Trotz zu tun, sondern einfach nur mit Resignation und mit dem Vorsatz, niemandem mehr hinterherzulaufen. Komischerweise trifft mich die Stille von P. und J. noch viel mehr als der Neid von Cl. Warum? Weil Neid wenigstens noch voraussetzt, daß der Neider sich mit seinem Gegenüber befaßt. Weil er den Wert dessen erkannt hat, was man erreicht hat. Für den Gleichgültigen hat man aber selbst schon gar keinen Wert mehr.
Einige Dinge, die mir wichtig sind/waren, zerbröseln einfach um mich herum, inklusive der Abteilung, in der ich bisher gearbeitet habe, und ich kann es nicht aufhalten. Da ist es vielleicht wirklich auch in dieser Hinsicht besser, ich mache einen glatten Schnitt durch alle Ebenen. Wenn sich die Gelegenheit gerade so schön bietet.
Die ungeschminkte Wahrheit
Oh weh, da hat mich der eine oder andere wohl gründlich mißverstanden. LOL! Stimmt, ich schminke mich nicht, aber ich mute meiner Umwelt auch keinen unappetitlichen Anblick zu. Es würde mir nie in den Sinn kommen, ungeduscht oder mit ungewaschenen Haaren oder schmutziger Kleidung herumzulaufen, sonst würde ich mich selbst nicht mehr wohl fühlen. Ein gewisses Maß an Hygiene und Ästhetik muß man schon einhalten, finde ich. Es ist ganz einfach auch ein Zeichen von Respekt den Mitmenschen gegenüber, eine Art zu sagen: “Eure Wertschätzung bedeutet mir etwas.” Das kann sogar sehr viel Spaß machen, nämlich dann, wenn man seine Vorzüge leicht betont und weniger Schönes dezent kaschiert. Also: Ich gebe mir durchaus Mühe, nur eine Vorspiegelung falscher Tatsachen bzw. clownhafte Auftritte sind nicht mein Ding.
Schade finde ich es bloß, wenn jemand rein äußerlich piekfein getrimmt ist und gut aussieht, und dann durch sein Verhalten wieder alles kaputt macht. Die junge Dame im Zug zum Beispiel, die ich alle paar Tage morgens sehe. Gut gekleidet, adrette Frisur, hübsch noch dazu—alles wunderbar. Bis sie sich hinsetzt. Von da an wird dann an den Händen geknibbelt, an den Fingernägeln genagt, der Kopf gekratzt, die Nase gerieben, auf der Lippe gekaut, mit den Füßen gezappelt… Die Frau ist ein einziges Nervenbündel, man mag gar nicht hinsehen.
Naja, dafür denkt der eine oder andere von mir vermutlich, daß ich eigentlich in eine Gummizelle gehöre. So, wie heute morgen zum Beispiel. Da saß so ein verschlafener Typ mit tranigem Blick mir gegenüber, der sich im krassen Gegensatz zu Frau Nervenbündel so gut wie gar nicht rührte. Und ich mußte so sehr grinsen, weil ich aus irgendeinem unerfindlichen Grund an diese eine Kurzgeschichte aus Melody’s Buch dachte… Was wäre wohl passiert, wenn ich zu Herrn Schlafmütze gegangen wäre, mich wie ein Kätzchen an ihm gerieben und die “Zauberformel” rezitiert hätte: “Alles was ich will, ist jemand, den ich liebhaben darf und der zu mir gehört…” Ob da wohl Leben in diesen Mann gekommen wäre, oder ob er so tranig da sitzen geblieben wäre? *prust*
Meine Güte, mir kann es aber auch offenbar überhaupt niemand recht machen. Denn irgendwie habe ich mich in der Geschichte schon wiedererkannt, das muß ich gestehen. Deshalb spukte sie mir vermutlich auch schon heute morgen im Kopf herum. Nun ja, es ist schon ein paar Jahre her, daß ich einer Freundin die Ohren vollgeheult habe (da war ich sinnigerweise noch verlobt), aber sonst stimmt der Grundtenor schon irgendwie. Warum ist mir niemand gut genug? Wonach suche ich eigentlich? Oder besser gesagt: Warum irre ich mich, denke, es sei der Richtige, und dann stellt sich heraus, daß das doch nicht der Fall ist? Und warum zögere ich in anderen Fällen so lange?
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