“Elternmacht bremst Integration”

Dieser Artikel macht gerade auf Twitter, Facebook & Co. die Runde: http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,809671,00.html

Kurzfassung: Die Bemühungen, Immigrantenkindern bessere Sprachkenntnisse angedeihen zu lassen, scheitern an den Eltern der deutschen Kinder, die selbige lieber in Kindergärten mit geringerem Ausländeranteil stecken, um eine möglichst gute sprachliche (Weiter)Entwicklung zu gewährleisten.

Die Analyse mag ja objektiv betrachtet korrekt sein. Aber was mir mal wieder übel aufstößt, ist der Tenor des Artikels. Überspitzt formuliert wird hier den deutschen Eltern mit der Moralkeule vor den Kopf gehauen, weil sie für ihren Nachwuchs nach ihren eigenen Überzeugungen handeln. Statt diese Eltern mal mit ihren Sorgen und Bedenken wahrzunehmen, wird ihnen Egoismus und unterschwellig auch Rassismus vorgeworfen. Als seien ihre Zweifel und Bedenken durchweg das Resultat purer Dummheit und Boshaftigkeit.

Liebe Bildungspolitiker, reden wir mal Tacheles: So wird das nix. Ihr habt es mit Eltern zu tun. Menschen, die quer durch alle Kulturen in den allermeisten Fällen lieber selber hungern und frieren und auf jegliche Vergnügung verzichten würden, damit es ihrem Nachwuchs gut geht. Ihr habt es hier mit Eltern zu tun, die nicht nur das Recht, sondern nach euren eigenen Gesetzen auch die Pflicht haben, ihren Kindern nach bestem Wissen und Gewissen den bestmöglichen Start ins Leben und auch in die Bildung zu ermöglichen. Und daraus konstruiert ihr jetzt einen Vorwurf? Welche Eltern gehen denn bitte hin und sagen sich: “Jou, wir können zwar nicht abschätzen, welche Nachteile unser Kind in diesem Kindergarten evtl. erleiden muß, aber als brave Staatsbürger opfern wir seine Interessen selbstverständlich dem Allgemeinwohl.”

Keine Mutter und kein Vater wird sein Kind in einen gemischten Kindergarten mit womöglich auch noch zweifelhaftem Ruf im Stadtteil stecken, solange eurerseits immer nur einseitig darauf herumgeritten wird, wie wichtig die deutschen Kinder für die ausländischen sind. Fast so, als handle es sich um ein Medikament, welches den Immigrantenkindern zusteht, ihnen aber von den fiesen deutschen Eltern vorenthalten wird.

Welche Eltern fragen sich denn bitte nicht in erster Linie, was das eigene Kind am Ende selber davon hat? Erklärt ihnen das doch mal! Oder fällt Euch da außer vagem Gemurmel wie “Toleranz und so…” nichts ein? Das wäre aber mal schlecht! Ist doch logisch, daß durch eure ewig einseitige Argumentation bei den Eltern die Befürchtung aufkommt, das eigene Kind könnte im Kindergarten als geistiger Organspender betrachtet werden, dessen eigene Bedürfnisse und Entwicklung womöglich ständig zweitrangig wären. Ob diese Befürchtung berechtigt ist oder nicht, spielt dabei gar keine Rolle. Es reicht, daß sie überhaupt vorhanden ist, um den Kurs der Eltern zu bestimmen!

Liebe Bildungspolitiker, solange ihr nicht in der Position seid, die Eltern zur Integration zu zwingen, gleichzeitig aber auch nicht willens oder fähig, sie zu überzeugen, werden diese Eltern weiterhin mit den Füßen abstimmen. Deren Zweifel, Bedenken und Sorgen schafft man nicht durch Vorwürfe und Fußaufstampfen aus der Welt, sondern nur durch Überzeugungsarbeit. Und davon habe ich bisher verdammt wenig bemerkt. Mit der Moralkeule ist es jedenfalls nicht getan.

Ach ja, liebe Bildungspolitiker, eine Frage hätte ich abschließend auch noch: In was für Kindergärten gehen denn eigentlich eure eigenen Kinder?


Von nix kommt nix. Daher:

(Eingereicht am 24. Dezember. Vom Ausschuß zur Prüfung angenommen am 2. Januar.)

Gegenstand der Petition:
Der Landtag des Bundeslandes NRW möge beschließen, daß der Erlaß des Kultusministers v. 13. April 1965, II B 2.31 - 40/0 Nr. 537/65, Abl. KM. NW. 1965, S. 101 sinngemäß um folgenden Passus ergänzt wird: “Eltern und Schüler sind mit jeder Einladung zu einem Schul- oder Schülergottesdienst darauf hinzuweisen, daß der Besuch eines solchen für alle Schüler freiwillig ist.”

Wortlaut der Petition:
Wie der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten e.V (IBKA) sowie der Humanistische Pressedienst und weitere Organisationen bereits mehrfach aufgezeigt haben, werden Einladungen zum Schulgottesdienst extrem häufig so formuliert, daß Eltern und Schüler davon ausgehen müssen, es handle sich um eine Pflichtveranstaltung für ausnahmslos alle Schüler. (s. Anm. 1)

Lt. Art. 140 GG ist dies jedoch keineswegs der Fall. Selbst wenn ein Schüler / eine Schülerin am Religionsunterricht (=Religionslehre) teilnimmt, steht ihm / ihr die Teilnahme oder Nichtteilnahme am Gottesdienst (=Religionsausübung) in jedem Einzelfall immer wieder frei.

Der IBKA hat in den vergangenen Jahren bereits mehrere Rundbriefe an Schulen verschickt und um sachgerechte Aufklärung der Eltern- und Schülerschaften gebeten. Die Resonanz war jedoch entmutigend bis niederschmetternd. In völliger Mißachtung oder auch Unkenntnis des Grundgesetzes agieren Rektoren und Lehrer in einer beachtlichen Anzahl von Fällen als Erfüllungsgehilfen der Kirchen und unterschlagen bzw. verfälschen weiterhin die Informationen bzgl. der tatsächlichen Rechtslage.

Es ist z.B. die Ansicht unter Lehrern und Schulleitern verbreitet, wer zum Religionsunterricht angemeldet sei - ob nun Kirchenmitglied oder nicht -, müsse auch an allen Gottesdiensten teilnehmen. Umgekehrt hört man die Forderung, wer nicht am Gottesdienst teilnehmen wolle, müsse dann auch vom Religionsunterricht abgemeldet werden. Eine weitere Aussage lautet, da der Schüler / die Schülerin bereits an einem Gottesdienst teilgenommen habe, müsse er / sie nun auch alle weiteren besuchen, denn die Schule könne an dieser Stelle keine Willkür zulassen.

Es findet in umfassendem Stil eine aktive Desinformation bzw. Informationsunterschlagung zugunsten kirchlicher Belange und persönlicher religiöser Überzeugungen statt. Dies ist inakzeptabel.

In Anbetracht der steigende Zahl der Konfessionslosen und Andersgläubigen in Deutschland (s. Anm. 2) muß sichergestellt werden, daß sich die Schulen in diesen Belangen auf dem Boden des Grundgesetzes bewegen.

————————-
Anm. 1: Dies äußert sich z.B. in Formulierungen wie “Am ... werden wir mit allen Kindern ab X:XX Uhr einen Gottesdienst in… feiern.” - kombiniert mit der Tatsache, daß für evtl. Nichtteilnehmer an Ganztagsschulen von vornherein keine alternative Betreuungsmöglichkeit erwähnt / angeboten wird.

Anm. 2: Lt. Bildungsreport 2007 sind in den Städten ca. 18% aller Schüler konfessionslos und ca. 11% muslimisch. Das ist insgesamt inzwischen fast ein Drittel der gesamten Schülerschaft. Tendenz steigend. Die aktuellen Zahlen dürften bereits etwas höher sein.”


De mortuis…

Saskia und Tobias wissen schon lange, daß ihre Oma nicht Opas erste Frau ist und daß ich eigentlich “aus dem Bauch einer anderen Frau” kam. Dem meiner ersten Mutter nämlich. Daß die irgendwann gestorben ist und Opa wieder geheiratet hat - die Oma nämlich -, haben sie bisher am Rande zur Kenntnis genommen; weiter interessiert hat es sie jedoch nicht.

Inzwischen mehren sich die Fragen nach der “toten Oma”. Warum ist sie gestorben? (Krebs) Wie alt war ich damals? (13) Wie war das für mich?

Die letzte dieser Fragen ist die, über die ich stolper(t)e. Ich habe meiner Mutter bis heute noch keine Träne hinterhergeweint. Ihr Tod hat Unsicherheit für mich bedeutet, aber auch eine Befreiung. Wir kamen so überhaupt gar nicht miteinander klar. Eine Mutter, die ihre eigene Einstellung zum Kind so treffend mit dem Satz zusammenfaßt: “Wenn ich noch ein anderes Kind hätte, das ordentlicher ist als du, dann hätte ich das viel lieber als dich.” - eine solche Mutter hält man sich zur eigenen emotionalen Sicherheit lieber schon als Kind vom Leib. Aber wie erklärt man das zwei Kindern von 5 und 6 Jahren, für die der Tod eines Elternteils nach eigener Aussage das Schlimmste ist, das sie sich vorstellen können?

Ich habe mich für Offenheit entschieden. Den Kindern erklärt, daß auch Eltern und Kinder sich eben nicht immer lieben und man das auch nicht erzwingen kann. Mag sein, daß es den einen oder anderen schockiert, aber ich halte das immer noch für gesünder als das übliche “Es ist doch aber schließlich die Mutter!” Das hat für mich was von emotionaler Erpressung. Als ob Mutter-Sein automatisch jede seelische Grausamkeit wieder gutmachen würde, nur weil man auch mal irgendwann die Windeln des Kindes gewechselt hat.

Oft genug hat das Umfeld auch nur die charmante, elegante Frau kennengelernt, nicht aber die erdrückende Mutter und ihr Verhalten gegenüber Abhängigen, wenn niemand dabei ist: Drohungen, Geliebtes zu zerstören, wenn das Kind nicht spurt. Erpressung mit Krokodilstränen. Schläge für Versehen. Tagelanges Schweigen als Strafe für beschädigtes Spielzeug. Strafen für nie begangene Taten. Und nie auch nur ein einziges Wort der Entschuldigung. Ich war ihr nie gut genug. Wer bekommt das schon mit? Am Ende macht das Kind sich dann noch Vorwürfe und glaubt, mit ihm würde etwas nicht stimmen, weil es diese angeblich doch so tolle Mutter nicht lieben kann.

Dieser gesellschaftliche Druck, diese Erwartung des Umfeldes, daß am Ende gefälligst immer ein wohlwollendes Fazit zugunsten der Mutter zu stehen hat, ist in meinen Augen zerstörerisch. Und deshalb fange ich lieber gar nicht erst damit an.


Alles nicht so einfach.

Insgesamt habe ich von der Schule, auf die Saskia ab Donnerstag gehen wird, einen recht guten Eindruck. Saskia geht ja nun seit zwei Wochen dort in die Ferienbetreuung, hat dort schon vieles erlebt, gespielt, gebastelt, eine neue Freundin gefunden (und so ganz nebenbei die Betreuer informiert, daß unser Nachname auf dem Schild an ihrem Spind nicht richtig geschrieben ist. *g*) und ist generell fröhlich und zufrieden, wenn ich sie dort abhole.

Am zweiten Tag allerdings kam sie mit der Bemerkung um die Ecke, am Folgetag müßte sie aber auf jeden Fall das Tischgebet mitsprechen können. Ich war etwas verblüfft. Mir ist zwar bekannt, daß der Träger der OGS für die Nachmittagsbetreuung evangelisch ist, aber “müssen”? Wenn die Schule selbst an sich staatlich ist? Also nahm ich mein Kind in einer ruhigen Minute abends beiseite und erklärte, daß Beten immer freiwillig ist. Zur Sicherheit schrieb ich ihr am folgenden Morgen auch noch einen Zettel mit einer Erinnerung an diese Tatsache und legte ihn obenauf auf ihren Proviant für den Tag: “Liebe Saskia, denk dran: Beten ist immer freiwillig. Deine Mama”

Nachmittags kam die Betreuerin auf mich zu, wie denn dieser Zettel gemeint gewesen sei. Ich erklärte ihr, was Saskia mir am Vortag berichtet hatte und bekam eiligst versichert, es würde sich ja gar nicht um ein Gebet handeln, da käme gar nichts mit Gott drin vor, sondern nur etwas mit Spaghetti und Tomatensauce und das Ganze diene nur dazu, daß die Kinder vor dem Essen etwas Ruhe einkehren lassen. Nun gut.

Mittlerweile hat mir Saskia den zu lernenden Spruch aufgesagt:
“Für Spaghetti lang und schlank | Sag’ ich meinem Schöpfer Dank. | Ebenso für die famose, | leckere Tomatensosse”
Aha? “Schöpfer”? Entweder kannte also die Betreuerin den Spruch selbst nicht richtig, oder… Nun ja, ich will da nichts unterstellen. Evtl. betreut diese Dame die Kinder beim Essen ja gar nicht und wußte wirklich nicht, wie der Spruch genau lautet.

Interessanterweise hatte Saskia jedoch auch gar nicht begriffen, daß mit “Schöpfer” ein wie auch immer gearteter Gott gemeint sein sollte. Diese Reime scheinen für sie so eine Art halbdadaistisches Gedicht zu sein. Ich habe ihr also die eigentliche Bedeutung erläutert, und Saskia hat beschlossen, daß ihr der Spruch immer noch gefällt* und sie ihn aufsagen will. Gut, kein Problem, solange es denn wirklich ihre eigene Entscheidung ist.

Von diesem Gebet abgesehen scheint Kirche & Religion bei der Betreuung keine Rolle zu spielen, soweit ich das bisher beurteilen kann. Aber müssen die Kinder nun mitbeten, oder müssen sie nicht? Ein komisches Gefühl bleibt da doch noch zurück bei mir. Zumindest fürs Erste.



————-
*Zitat Saskia: “Ich denk’ mir dann jetzt eben einfach immer, daß Papa und du mich gemacht habt. Du machst ja auch das Essen, was ich dabei habe!”
LOL


Brief einer Mutter an Frau Koch-Mehrin

Werte Frau Koch-Mehrin,

sagen Sie mal, finden Sie es eigentlich in Ordnung, mir dermaßen in die Erziehung meiner Kinder reinzupfuschen?

Wie? Sie kennen meine Kinder gar nicht, wenden Sie ein? Das spielt keine Rolle, fürchte ich. Ich weiß nicht, ob Ihnen klar ist, daß es Nachrichtensendungen extra für Kinder gibt. Und daß Kinder auch gerne mal mitbekommen, was so nebenher im Radio läuft. Auch wenn Sie also meine Kinder nicht kennen, haben diese hingegen sehr wohl schon von Ihnen gehört. Und seitdem stecke ich in einem Dilemma.

Wissen Sie, ich versuche meinen beiden nämlich unter anderem zwei Dinge beizubringen:

Erstens, daß man nicht klaut. Ich begründe das unter anderem damit, daß sie es ja selber auch nicht toll finden, wenn ihnen jemand ohne zu fragen etwas wegnimmt und behauptet, es gehöre ihm. Oder sich für eine Idee loben läßt, die aber eigentlich eines von ihnen selbst hatte. Das ältere Kind hat inzwischen auch schon ab und zu Internetkontakt, und auch da muß ich ihm klarmachen, daß man sich dort nicht jedes nette Bildchen einfach nehmen und auf die eigene Homepage setzen darf - auch wenn der andere das ja erstmal gar nicht merkt. Ich erkläre meinen Kindern auch, daß jemand, der klaut - egal wo-, dafür bestraft wird. Und tut er es auf der Arbeit, verliert er noch dazu seinen Job und kann kein Geld mehr verdienen. Weil keiner ihm mehr traut.

Zweitens versuche ich meinen Kindern beizubringen, daß man zu dem stehen soll, was man angerichtet hat. Weil nur so ein Neuanfang möglich ist und einem die Leute sonst bald nicht mehr glauben und vertrauen.

Tja. Und nun kommen Sie daher, Frau Koch-Mehrin. In Kindernachrichtensendungen und auch dem normalen Rundfunk wird erklärt, warum man Ihren Namen in letzter Zeit so oft hört. Weil Sie Ideen geklaut haben. Und nicht dazu stehen, sondern auch noch trotzig behaupten, es hätten doch wohl diejenigen Schuld, die Ihre Verfehlungen nicht rechtzeitig bemerkt haben. Das ist ungefähr so, als würde z. B. meine Tochter in einem Kaufhaus eine CD klauen und aus der Tatsache, daß der Hausdetektiv das nicht mitbekam, einen legitimen Besitzanspruch ableiten. Soll ich Ihnen mal was sagen? Selbst mein Nachwuchs begreift, daß das so nicht richtig sein kann.

Was mache ich denn nun, frage ich Sie? Wie erkläre ich meinem Nachwuchs, daß sich für Sie nur der Text auf Ihrem Personalausweis ändert, und sonst nichts? Wie mache ich meinen Kindern klar, daß Sie eben keineswegs ihren Job verlieren, sondern sich in der selben Firma einfach einen anderen aussuchen dürfen, auf dem Sie nicht mehr ganz so sehr auffallen, aber immer noch genausoviel Geld verdienen? Und schlimmer noch: Wie soll ich meinen Kindern begreiflich machen, daß Sie nicht nur irgendeinen Job haben, sondern in der Politik sind? Sprich, daß ausgerechnet Sie nach alledem sogar immer noch mitbestimmen dürfen, nach welchen Regeln die restlichen Bürger Europas leben sollen?

Oder mal ganz anders gefragt: Wie erklären Sie all das eigentlich Ihren eigenen Kindern?

Verständnislos,

Ute Gerhardt


Antwort an Andrea

An Thalia hatte ich vor ein paar Tagen eine Mail geschickt und meinem Bedauern Ausdruck verliehen, daß die “Hasenfest”-Werbung nach dem teils doch sehr polemisch-aggressiven Protest der Kirchen gehorsam durch den Begriff “Ostern” ersetzt wurde. Als Antwort kam erst eine Eingangsbestätigung und einen Tag später ein 08/15-Textbaustein. Religiöse Gefühle nicht verletzen und so weiter blabla. Nun gut. Die Gefühle und Rechte Nichtreligiöser, die sich von den Kirchen willkürlich gegängelt fühlen, sind also weniger wert. Interessant, aber nicht ganz unerwartet. Sowas Ähnliches hatten wir doch nach den Mohammed-Karikaturen schon mal. Damals zwar von anderen Religionsführern, aber im Grunde scheint da kein so großer Unterschied zu sein.

Nun hat sich Andrea Juchem, eine gläubige Christin, auf ihrem Blog ebenfalls mit der Thalia-Werbung auseinandergesetzt. Aus diversen Gründen möchte ich meinen zweiten und dritten Kommentar zu ihrem Blogeintrag auch hier veröffentlichen. (Zum Besseren Verständnis liest man am besten auch den ersten direkt bei Andrea.)

Da kann ich mich Herrn oder Frau Dankeschön über mir nur anschließen.

Ist Dir, Andrea, schon mal in den Sinn gekommen, daß Thalia nicht das Fest der Christen in den Dreck ziehen wollte, sondern ganz einfach nur der Tatsasche Rechnung tragen, daß dieses Fest eben für einen beachtlichen Teil der Bevölkerung eher mit Frühling, schönem Wetter, Spaß beim Eiersuchen etc. in Verbindung gebracht wird? Für die meisten Kinder ist es halt das Fest mit dem Hasen, und für einen Großteil der Eltern dementsprechend auch. Was ist denn daran so schlimm?

Wenn Thalia mit einem karikierten Jesus am Kreuz geworben oder statt des Hasen ein auf der Spitze stehendes Pentagramm samt unflätiger Sprache benutzt hätte, könnte ich den Wirbel ja noch verstehen, aber so? Sie haben eben auf den Aspekt des Festes abgezielt, der in der vom Glauben oder Nichtglauben her heterogenen Bevölkerung die größte Resonanz erwarten ließ. Hier will niemand irgendwas „in den Dreck ziehen“. Das schließe ich schon alleine aus der Tatsache, daß ein Symbol benutzt wurde, welches auch für Christen und insbesondere deren Kinder fast unumstößlich zu diesem Fest gehört: der Hase. Den kennen alle, den mögen alle, der stand noch nie im Verdacht, inakzeptabel zu sein.

Daß dies nicht Jesus und Ostern im christlichen Sinn sind, mag der eine oder andere empörend finden, aber dann sollte man sich vielleicht mal nach den Ursachen fragen. An den immer böser und gleichgültiger werdenden Menschen liegt es wohl eher nicht. Ich habe da eher die Kirchen im Verdacht, die dem Alltag des 21. Jahrhunderts in der Praxis oft nicht mehr gewachsen scheinen. Und es liegt sicher auch an der Tatsache, daß in Deutschland immer mehr Religionen vertreten sind, für deren Anhänger ein nettes, glaubensunabhängiges Frühlingsfest mit Schokolade und Familienfreizeit vermutlich einer der wenigen gemeinsamen Nenner darstellt. Ich finde aufgrunddessen Deine implizite Argumentation erstaunlich, daß man um diese Jahreszeit gefälligst entweder mit Ostern im christlichen Sinn oder gar nicht zu werben habe. Übrigens: Hast Du Deinen Kindern nie Schokoladenhasen zu Ostern geschenkt? Oder (hast Du) sie ihnen empört weggenommen, wenn sie sie von jemand anders bekamen? Kann ich mir nicht vorstellen.

Was Passah, die Kelten etc. angeht: Weihnachten liegt auf der alten Wintersonnwende und Ostern auf dem alten Frühlingsfest. Ein neuer Glaube ist eben leichter zu verbreiten, wenn er sich in gewissem Maß dem anpaßt, was schon da ist. Man läßt der Bevölkerung ihre alten, gewohnten Feste und schraubt eben nach und nach an der Bedeutung. Ist nun mal so. Menschlich. Pragmatisch. Nicht von der Hand zu weisen, was den Ursprung des Festes angeht. Ich kann verstehen, daß Du mir nicht glaubst, denn ich bin keine Historikerin. Daher schlage ich vor, einen solchen zu fragen.

Beim von Dir erwähnten Pessachfest ist es interessanterweise übrigens so, daß Konstantin I auf dem Konzil von Nicäa im Jahr 325 beschloss, daß Ostern und Passah nie auf den selben Zeitpunkt fallen dürfen. Tun sie es rechnerisch doch, wird Ostern auf den Sonntag nach Pessach verschoben. Im Jahr 2000 wurde das z.B. gemacht. Müßte es bei Deiner Argumentation nicht genau andersherum sein?

Und dann hätten wir da noch die Diskrepanz des Oster-Datums zwischen der orthodoxen, der anglikanischen und der westlichen Kirche. Auch hier regieren doch rein menschlich-pragmatische Überlegungen. Und doch feiern sie alle „ihr“ Fest nach ihren Riten, Überzeugungen und Daten, ohne sich die Köpfe einzuschlagen und den jeweils anderen zu verunglimpfen. Kann das nicht bitte auch bei einem Frühlings- oder Hasenfest für Nicht- und Andersgläubige der Fall sein?
——-
PS: Ich kann verstehen, daß Du an den alten Traditionen hängst und an den Werten, die Du damit verbindest. Und daran soll Dich auch nie jemand hindern dürfen. Ganz klar. Da gibt es wohl keinen Diskussionsbedarf.

Aber ich fürchte, man kann diese Traditionen nicht künstlich am Leben erhalten und anderen gegen ihren Willen überstülpen. Und man sollte auch nicht den Fehler begehen, andere des Verlustes der o.g. Werte zu bezichtigen, nur weil das Bekenntnis dazu inzwischen anders und abseits der christlichen Religion stattfindet.

Lebensweisen und Überzeugungen wandeln sich eben. Genausowenig kann man daher das Entstehen neuer Traditionen verhindern, wenn man nicht Unterdrückung und Gewalt anwenden will. Ich finde, hier ist wenn schon keine Akzeptanz so doch wenigstens Toleranz von beiden Seiten gefragt.

Ich wünsche Euch ein schönes Osterfest und hoffe, Du nimmst es mir nicht übel, daß ich und viele andere es eben nicht (mehr) so feiern, wie es die Kirchen jahrhundertelang vorschrieben.”

Ich hätte eine neue Tradition “Hasenfest” eigentlich ganz schön gefunden. Sie hätte allen Religionsgruppen und auch den Nichtgläubigen in Deutschland ein gemeinsames, verbindendes Fest geschenkt. Eines, dessen Anlaß (Frühling, es wird wieder warm, Jungtiere werden geboren, alles blüht - einfach schön!) keinen Glauben erfordert und bei dem es niemand übel nimmt, wenn man vielleicht doch nicht mitfeiern möchte. Aber wer weiß: Vielleicht war ja gerade der Protest gegen das “Hasenfest” das Zünglein an der Waage, das eine Neuorientierung angestoßen hat. In ein paar Jahrzehnten werden wir es wissen.


Generalspaßverbot

Tabus fallen langsam. Aber sie fallen. Wie die Ladenschlußzeiten. Erinnert sich noch jemand an den empörten Aufschrei beim sogenannten “langen Donnerstag”? Und heute? Juckt das noch wen - außer der jeweiligen Spätschicht -, daß man alle Tage bis spätabends einkaufen kann? Kaum.

Daher ist mir auch das folgende Anliegen der Grünen NRW sehr sympathisch:

Anne Lütkes (Grüne), Chefin der Bezirksregierung in Düsseldorf, hatte die Kommunen und Kreise in einem Schreiben daran erinnert, dass an dem hohen kirchlichen Feiertag laut Feiertagsgesetz keine Unterhaltungsveranstaltungen durchgeführt werden dürfen.

Sven Lehmann, Parteichef der Grünen in NRW, setzt sich jetzt dafür ein, dass die Regel geändert wird. Jeder solle den Karfreitag “nach seiner Fasson begehen”, sagte Lehmann im Gespräch mit unserer Redaktion. “Es kann nicht sein, dass die Minderheit der Leute, die christlichen Glauben aktiv praktiziert, der Mehrheit vorschreibt, wie sie den Tag zu verbringen hat, und ihr durch das Verbot bestimmter Veranstaltungen den Abend vermiest”, sagte der Parteivorsitzende. Solche Vorschriften passten “nicht mehr in unsere Zeit und sollten abgeschafft” werden.
(...)
Als verbotene Unterhaltung gilt jede Veranstaltung, “die angenehmen Zeitvertreib, Geselligkeit sowie Erholung und Entspannung vermitteln soll”, heißt es in dem Schreiben der Bezirksregierung. Zulässig seien nur Veranstaltungen religiöser oder weihevoller Art oder sonst ernsten Charakters, die dem besonderen Wesen des Feiertags entsprächen.

Quelle: http://www.rp-online.de/landtagswahl/Gruene-wollen-Karfreitagsruhe-aufheben_aid_987454.html


Wo er recht hat… Das ist schlicht Gängelei. Und mit welcher Berechtigung bitte? Kämen andere Religionsgruppen mit einem derartigen Anliegen, würden sie bestenfalls hochgezogene Augenbrauen ernten. Das hat nicht einmal etwas mit Respekt vor Religion und Glauben zu tun. Sondern mit “leben und leben lassen” sowie mit der Tatsache, daß Religionsausübung in diesem Land frei ist. Ihre Nichtausübung aber ebenso.

Zu Ostern und Weihnachten sind die ansonsten zunehmend leeren Kirchenbänke etwas besser gefüllt, aber ich frage mich, wie es wohl um die Besuchszahlen bestellt wäre, wenn die Feiertage generell abgeschafft würden und man sich für christliche Fest- und Feiertage Urlaub nehmen müßte. So wie es ja auch die Muslime, Juden, Buddhisten und Pastafarianer in Deutschland tun müssen. Warum also nicht auch die Christen? Ich denke, der inzwischen bereits verschwundene Buß- und Bettag ist ein realistischer Indikator, daß es um den Stellenwert der kirchlichen Feiertage in der Bevölkerung nicht wirklich gut bestellt ist. Oder wieviele Leute nehmen sich tatsächlich extra frei, um ihn wie früher begehen zu können? Aha. Womit die ohnehin schon fragliche Rechtfertigung eines Karfreitag-Generalspaßverbotes komplett hinfällig wäre.

Interessant wäre es ja, wenn Ostern mal mit dem jüdischen Passahfest zusammenfiele. Vor elf Jahren wäre das rein rechnerisch der Fall gewesen, soviel ich weiß. Aber dem wurde ja auf dem 1. Konzil von Nicäa schon im Jahre 325 ein Riegel vorgeschoben und Ostern zwangsweise auf den Sonntag nach Passah gelegt. Kann ja nicht sein, daß irgendjemandes Interessen und Feiertage mit denen der Christen gleich zu gewichten sind, wo kämen wir denn da hin? Auch hier schon ein Zeugnis überwältigender Toleranz gegenüber Andersdenkenden und -glaubenden. ^^

Wie heißt es doch so schön: Des einen Recht hört da auf, wo des anderen anfängt. Wer an Karfreitag kein Lustspiel besuchen will, kann es schließlich problemlos sein lassen. Daraus leitet sich aber noch lange kein Recht ab, vom gesamten Rest des Umfeldes denselben Verzicht zu fordern und eine Weigerung unverschämterweise als kulturelle Unwissenheit auszulegen. Gar noch in einem Staat, der sich Religionsfreiheit auf die Fahne schreibt!

Wie gesagt: Tabus fallen langsam. Aber sie fallen. Auch dieses, früher oder später.

——
Nachtrag, weil’s gerade hier so wunderbar paßt:

Auszug aus Paul Watzlawicks ‘‘Anleitung zum Unglücklichsein’‘:

‘‘Eine alte Jungfer, die am Flußufer wohnt, beschwert sich bei der Polizei über die kleinen Jungen, die vor ihrem Haus nackt baden. Der Inspektor schickt einen seiner Leute hin, der den Bengeln aufträgt, nicht vor dem Haus, sondern weiter flußaufwärts zu schwimmen, wo keine Häuser mehr sind. Am nächsten Tage ruft die Dame erneut an: Die Jungen sind immer noch in Sichtweite. Der Polizist geht hin und schickt sie noch weiter flußaufwärts. Tags darauf kommt die Entrüstete erneut zum Inspektor und beschwert sich: »Von meinem Dachbodenfenster aus kann ich sie mit dem Fernglas immer noch sehen!«

Man kann sich nun fragen: Was macht die Dame, wenn die kleinen Jungen nun endgültig außer Sichtweite sind? Vielleicht begibt sie sich jetzt auf lange Spaziergänge flußaufwärts, vielleicht genügt ihr die Sicherheit, daß irgendwo nackt gebadet wird. Eines scheint sicher: Die Idee wird sie weiterhin beschäftigen. Und das Wichtigste an einer so fest gehegten Idee ist, daß sie ihre eigene Wirklichkeit erschaffen kann.’’


Zukunftsweisend

Eine Debatte in einem Elternforum zum Thema “Pflege durch Angehörige”, insbesondere durch Schwiegertöchter. => Hier

Ich glaube, der Inhalt wird für die nicht allzu ferne Zukunft richtungsweisend sein. In Zeiten, wo der Pflegende seinen eigenen Job und seine eigene Altersvorsorge aufs Spiel setzen muß (ggf. sogar für eine Person, die ihn auch noch geringschätzt und schikaniert) geht eigentlich kein Weg an einer angemessenen Entschädigung vorbei. Sei es nun direkt vom Staat oder durch eine Umverteilung des Familieneinkommens sowie der Sozial-, Kranken-, Pflege- und Rentenversicherungsbeiträge des Hauptverdieners.

Wenn es dem Partner ebenfalls finanziell an den Kragen geht, überlegt er sich vielleicht, ob er nicht lieber auch einen aktiven Beitrag zur Betreuung leistet, statt es sich auf Kosten des anderen bequem zu machen. Und vielleicht wächst dann auch mal das Bewußtsein dafür, was diese Frauen emotional, organisatorisch, zeittechnisch und physisch leisten und opfern. Nicht umsonst ist die Pflege von Angehörigen oft der Hauptgrund für das Scheitern einer Ehe und den Burn-Out des Pflegenden.

——
Nachtrag
Sehr schön auch das Fazit der ursprünglich Schreibenden am voraussichtlichen Ende der Diskussion:

Ich fühlte mich weniger vereinnahmt von gesellschaftlichen Normen und Wertvorstellungen, wenn ich für diese Arbeit bezahlt werden würde, denn nur dann ist sie das was sie ist, nämlich etwas, dass ich freiwillig tue und/oder aus wirtschaftlichem Zwang heraus. Es ist nur noch eine Arbeit und keine moralische Verpflichtung, die mir von Dritten aufoktroyiert ist.


Megafail

Die Atom-Ethikkommission setzt sich zusammen aus Vertretern der Regierung, Wissenschaftlern, ...  und… äh… Kirchenvertretern!? Kirchenvertretern!
ohh

Kann mir bitte jemand sagen, was zum Geier die da verloren haben? Wenn ich mich nicht völlig irre, ist Deutschland kein theokratischer Staat. Geschweige denn, daß der Klerus bei irgendeiner Wahl auf dem Wahlzettel vertreten wäre. Sie sind also weder demokratisch legitimiert, noch haben sie den nötigen Sachverstand in dieser Angelegenheit. Ich erinnere nur daran, daß sie erst 1992(!) offiziell zugegeben haben, daß Galileo (*1564) recht hatte und die Erde um die Sonne kreist, statt umgekehrt. Und die wollen in Fragen der Atomenergie mitentscheiden? Geht’s noch?

Ich empfinde es im besten Fall als gedankenlos, noch viel eher aber als bodenlose Frechheit, ausgerechnet den bei wissenschaftlichen Fragen völlig rückständigen Kirchen (siehe Reproduktionsmedizin) in solchen Angelegenheiten ein Mitspracherecht einzuräumen, das direkten Einfluß auf die Entscheidungen des Parlamentes und die zukünftige Energiepolitik des ganzen Staates hat. Vor allem, solange Umweltorganisationen wie der BUND außen vor bleiben. Unglaublich, sowas!


Karnickel schlachten und so

In mir brodelt es ja auch schon seit ein paar Tagen, wenn ich wieder und wieder über die leidige Debatte stolpere. Zum Thema “Kaninchen schlachten, wenn Kinder zusehen” nämlich. Wer sich auf einer weiterführenden Schule befindet (die Kinder waren ca. 11 Jahre alt!) und sich auf ein Projekt “Ernährung in der Steinzeit” einläßt, dem sollte mit einem winzigen Funken Verstand im Schädel klar sein, wie diese Ernährung wohl aussehen wird.

Dem ist auch mein Twitterkommentar zu verdanken, daß Kinder, die von ihren Eltern stets und ständig als hach! so sensibel bezeichnet werden, in den allermeisten Fällen nicht - wie man erwarten könnte - besonders empathisch sind. Sondern hoffnungslos überbehütet, ängstlich, verschreckt und weltfremd. Freundlich ausgedrückt. Wie Hunde auch, scheinen Kinder ganz prima die mentale Disposition ihrer Hauptbezugsperson widerzuspiegeln. Das kann und will ich den Kindern nicht vorwerfen. Aber es erschreckt mich doch manchmal erheblich. Zumal diese Überempfindlichkeit dann auch noch zur moralischen Meßlatte für den Rest der Bevölkerung hochstilisiert wird. Und da hört’s bei mir auf. Die Teilnahme war freiwillig(!), es wurde ein zuvor unbekanntes Tier geschlachtet, die Kinder wurden drei Tage lang darauf vorbereitet. Und hätte es sich um einen Fisch gehandelt - ich wette, es hätte kein solches Geschrei gegeben.

Den Rest meiner Ansicht zum Thema “Karnickelschlachtung” hat Ennomane ganz ausgezeichnet auf den Punkt gebracht. Auf jeden Fall diplomatischer als ich das je gekonnt hätte.

—-
Edit: Neuer Link zu anderem Artikel mit mehr Hintergrundinformationen



  Seite 1 von 5 Seiten  1 2 3 >  Letzte »

Neue Kommentare

Ute in Eintrag:
Parkplatzprobleme

Irene in Eintrag:
Parkplatzprobleme

Ute in Eintrag:
Parkplatzprobleme

Irene in Eintrag:
Parkplatzprobleme

NK in Eintrag:
Blumen

Rubriken

      

Archiv