Tja nun,...

... das ist wieder mal und immer noch so eine Sache mit dem Bloggen. Wenn ich mein Archiv von hinten bis vorne so querlese, stelle ich fest, daß dieses Blog immer unpersönlicher wird und ich eigentlich mehr über “Externes” aus den Medien oder über Fundstücke etc. blogge, denn über die Dinge, die hier so vorgehen und/oder mich beschäftigen.

Das liegt zum einen daran, daß sich seit meinem ersten Blogeintrag vor mittlerweile fast 11 Jahren die Leserschaft geändert hat. Im Gegensatz zu damals weiß heute praktisch mein gesamtes Umfeld von meinem Blog.

Da wird z.B. von einer Seite das Blog regelmäßig nach ganz bestimmten Infos gescannt. Die hier aber nichts zu suchen haben und die hier also schlicht nicht auftauchen werden. Soll diese Angelegenheit doch bitte die Zeit erledigen, nicht ich.

Und da wird von zig anderen Seiten die Entwicklung meiner Kinder mitverfolgt, während mich meinerseits bei immer mehr Kinderthemen die Gewißheit überkommt, daß auch sie nicht für jedermann bestimmt sind, sondern höchstens für den engsten Familien- und Freundeskreis. Nicht, weil sie Schlimmes über meine Kinder beinhalten, sondern weil schlicht nicht jeder alles wissen muß. Das Kinderblog werde ich daher demnächst schützen oder offline nehmen müssen. Spätestens, wenn Saskia in ein paar Monaten in die Schule kommt und nicht mehr absehbar ist, welche ihrer Kameraden hier bald mitlesen können.

Eigentlich ist diese zunehmend unpersönliche Art von Blog nicht das, was ich selbst gerne hätte und womit ich angefangen habe. Das hier war mal so eine Art virtuelles Zuhause für mich. Inzwischen ist es eigentlich nur noch ein virtueller Vorgarten.

Also nur noch Aquarien- und Nähmaschinenblog behalten? Ich weiß noch nicht recht… Nach so langer Zeit würde mir doch etwas fehlen. Aber vielleicht wäre das dann nur der vorübergehende Entzug von etwas, das man eigentlich nicht mehr so wirklich

braucht

gebrauchen kann?


Ich kann’s nicht mehr hören.

Zitat aus einem Forum:

“... spiegelt für mich tatsächlich eine Haltung unserer Gesellschaft wieder, die ich sehr bedauerlich finde: zunehmende Ungeduld, Unwillen, sich in andere hineinzufühlen, von den anderen grundsätzlich etwas Negatives denken.

Zu Hülf’, das Abendland geht unter!

Ähm, ja… Der Schreiber jener unreflektiert eine ganze Gesellschaft verurteilenden Zeilen hält sich selbst aber garantiert für den reinsten Philantrophen. Für einen Ausbund an Wohlwollen, den Sonnenstrahl inmitten des gesellschaftlichen Dunkels, die labende Quelle in der mitmenschlichen Wüste. Schon klar.

“Ja, teurer Freund, du hast sehr recht
Die Welt ist ganz erbärmlich schlecht.
Ein jeder Mensch ein Bösewicht -
Nur du und ich natürlich nicht.”
(Paul Baehr, 1855 - 1929)

Kulturpessimisten gehen mir auf den Senkel! Aber sowas von!


Und überhaupt: Weihnachten…

Das große Kind fieberte gestern etwas und blieb daher heute zu Hause. Und plötzlich war ich mittendrin in der Erläuterung von Fragen wie “Warum heißt der Freitag ‘Freitag’, wenn man da gar nicht frei hat?” (Weil vor der Ankunft der Christen hier an ganz andere Götter geglaubt wurde - an Freya zum Beispiel.) oder “Was hat der Tannenbaum mit Jesus zu tun?” (Überhaupt gar nichts, weil er eigentlich ein Rest eines viel älteren Festes ist. Der Wintersonnenwende nämlich.) Und es kam, wie es bei einem einigermaßen logisch denkenden Kind kommen mußte: Die Tochter begann sich zu fragen, woher die Leute denn wissen können, ob nun Freya, Jesus oder sonstwer der “richtige” Gott ist.

Wer weiß - morgen nehmen wir dann Religionskriege und ihre Ursachen und Folgen durch? ^^


Petition “Medizinische Sicherheit für Kinder” - neuer Anlauf

Nachdem meine Petition vom März aufgrund einer sehr zweifelhaften rechtlichen Einschätzung (Seite 1 / Seite 2) dem Petitionsausschuß vorenthalten wurde, ist nun auch mein Einspruch gegen diese Entscheidung offiziell abgelehnt worden. Dies bedeutet, daß weder der Ausschuß noch der Bundestag zumindest auf diesem Weg überhaupt je von der Petition erfahren oder gar eine Entscheidung fällen kann.

Ganz davon abgesehen, daß dies meinem Demokratieverständnis zuwider läuft: Beim deutschen Heilpraktikergesetz handelt es sich um einen Mißstand in unserem Gesundheitswesen, der meines Erachtens dringend beseitigt werden muß. Daher habe ich die Petition im selben Wortlaut wie damals auf einem anderen Server veröffentlicht, der jedem Interessierten eine Mitzeichnung ermöglicht:

=> “Medizinische Sicherheit für Kinder

Ich beabsichtige, die Liste der Mitzeichner direkt an den Bundestag zu schicken, um diesen erstens auf die Problematik an sich aufmerksam zu machen und zweitens aufzuzeigen, wieviel Widerstand sich mittlerweile in der Bevölkerung gegen diesen Mißstand regt. Ich persönlich möchte mir selbst sagen können, daß ich für die medizinische Sicherheit der Kinder alles mir Mögliche getan habe. Es mag der inoffizielle Weg sein, aber an diesem Punkt habe ich bzw. haben wir nichts mehr zu verlieren. Im Gegenteil. Daher von mir eine herzliche Bitte um Mitzeichnung!


Die Gesellschaft, dein Feind und Helfer.

Und es begab sich auf Twitter, daß sich eine Debatte entspann um Behinderung. [Editiert, damit die Diskussion nicht abdriftet]
Letztendlich ging es aber um die Frage, inwieweit “die Gesellschaft” die Behinderung eines Individuums “wettmachen” könne und müsse.

Die These einer Teilnehmerin scheint - wenn ich das richtig verstanden habe - zu lauten, daß die Gesellschaft sich nur genug Mühe geben muß, und die Behinderung wird egal und der Behinderte kann exakt genau so leben wie alle anderen auch. Oder anders formuliert: “Behindert ist man nicht, behindert wird man.”

Meine These, von der ich noch immer überzeugt bin: Jede Behinderung wird in erster Linie verursacht durch ein körperliches oder geistiges Defizit des Individuums, nicht durch “die Gesellschaft”. Es wird immer Dinge und Bereiche geben, die “die Gesellschaft” bei aller Mühe, die sie sich gibt, nicht wettmachen kann und schon erst recht nicht verursacht hat. Ein Blinder wird zum Beispiel einen Film im Fernsehen niemals genau so wahrnehmen wie ein Sehender, egal wie gut die Audiokommentare oder auch die Beschreibungen desjenigen sind, der den Film sehend kommentiert. Nie wird er den genauen Gesichtsausdruck, Blickaustausch, Gestik etc. wahrnehmen. Während ich anerkenne, daß Integrationsbemühungen auch von Seiten der Nichtbehinderten kommen müssen, halte ich diesen Satz für überzogen und für einen echten, gleichberechtigten Dialog absolut kontraproduktiv. Im Prinzip heißt jener Satz nämlich nichts weiter als “An jedem Nachteil, der mir durch meine Behinderung entsteht, seid immer nur Ihr anderen schuld.” Der Nichtbehinderte wird quasi zum Feind, den es zu besiegen und zu zähmen gilt, bis er demütig begriffen hat, wo sein Platz ist und was er gefälligst zu leisten hat. Ich finde es gegenüber Nichtbehinderten unfair, sie derart unter Druck zu setzen und das Bild zu vermitteln, Behinderte seien grundsätzlich das Opfer der sie umgebenden, un- oder gar böswilligen Gesellschaft.

Im Zuge der Debatte versuchte ich, die andere Teilnehmerin darauf hinzuweisen, daß von der ach so bösen und unwilligen Gesellschaft und auch von Lebenspartnern, Kindern etc. der Betroffenen schon unendlich viel geleistet wird, um Behinderte zu integrieren. Leider hatte ich in dem Gespräch aber den Eindruck, daß dies nicht anerkannt und gewürdigt wird, sondern nur die noch immer verbleibenden Defizite gesehen werden, neue Forderungen gestellt werden. Wenn irgendetwas nicht geht, meinte diese Person, dann liege das nur daran, daß derjenige nicht genug nachgedacht, sich nicht genug Mühe gegeben hätte.

Doch damit nicht genug: Als ich erklärte, daß es für Sehende zum Beispiel eindeutig einen Qualitäts- und Spaßverlust bedeutet, Audiokommentare für Blinde zu einem Film mit anzuhören, schlug mir Empörung entgegen. Jedoch: Es ist nun mal Fakt. Da quasselt jemand dazwischen mit Informationen, die für uns Sehende völlig redundant sind. Gleiches gilt erst recht für diejenigen, die ihrerseits für einen Blinden einen Film live kommentieren. Während sie A noch erklären müssen, verpassen sie vom Dialog Teil B. Daß man dies als Sehender natürlich in Kauf nimmt und im Leben nicht auf die Idee käme, sich deshalb beim Blinden zu beklagen, steht auf einem ganz anderen Blatt und wurde von mir auch deutlich klargestellt. Es ging mir lediglich darum, mal generell aufzuzeigen, daß die Hilfe, die geleistet wird, auch für den Helfenden einen Preis hat und nicht nur der Behinderte das “Opfer” ist.

Gestern schien es jedoch zu genügen, das überhaupt einmal anzusprechen und aufzuzeigen, um von meiner (blinden) Gesprächspartnerin direkt übelst verbal angegriffen zu werden. Ich solle aufhören, Behinderte weiter zu sanktionieren

(WIE BITTE?)

, ich müsse wohl krank und ausgebrannt sein

(von was?)

und sollte mal zum Arzt gehen, wenn mir die Person weniger wert sei als ein Film.

(Vorher nicht zugehört?)

Und überhaupt sei das alles typisch deutsch.

(Gut, damit wäre dann wohl geklärt, daß ein Arzt das wohl auch nicht richten kann…^^)

Das war für mich dann allerdings auch das sofortige Ende der Diskussion.

Mal Klartext: Was seitens solcher Leute gefordert wird, läuft auf generelle und emotionale Erpressung hinaus. Da wird die Verantwortung ausschließlich auf die Seite der Nichtbehinderten übertragen. Bei allem, was für den Behinderten schiefgeht oder nicht erreichbar ist, sind nur die anderen schuld. Was für ein herrlich einfaches Weltbild! Daß die geleistete Hilfe durchaus auch für die Nichtbehinderten erhebliche Einschränkungen und Beeinträchtigungen mitbringt, die auch weit über einen zugequasselten Film hinausgehen, soll gefälligst nicht nur totgeschwiegen werden - nein! Noch besser: Man hat all das gefälligst auch noch jederzeit gerne zu tun und jegliches Empfinden einer eigenen Einschränkung vollkommen zu unterdrücken. Eigene Freiräume sind nicht erlaubt, die eigenen Bedürfnisse müssen jederzeit und permanent denen des Behinderten untergeordnet werden. Tut man das nicht, ist man böse, egoistisch und unwillig. Auf jeden Fall hat man einen schweren Charakterfehler oder ist eben krank. Da kann ich nur sagen: Danke fürs Gespräch und auf Nimmerwiedersehen.

Jemand, der permanent mit derart überzogenen Forderungen bedrängt wird und dessen bisherige Bemühungen nicht nur für selbstverständlich gehalten, sondern sogar ignoriert oder gar negiert werden, wird irgendwann gar nicht mehr helfen wollen und sich abwenden. Da wird Unmögliches verlangt. Dem kann man als Nichtbehinderter nicht gerecht werden, und man muß es auch gar nicht. Auch wir sind nicht allmächtig und nicht unfehlbar. Auch wir haben eigene Bedürfnisse, Sorgen und Probleme und keine endlosen Kräfte, keine endlose Geduld. Und das ist auch unser gutes Recht.

Mich gruselt bei der Vorstellung, daß diese Person, mit der ich mich gestern unterhalten habe, offenbar auch Öffentlichkeitsarbeit macht und Behinderte gegenüber Nichtbehinderten repräsentiert. Solche Leute reißen trampeltierartig mit dem Hintern um, was andere mit den Händen im Dialog mit Nichtbehinderten aufgebaut haben. Wäre sie die erste Blinde gewesen, mit der ich mich unterhalten habe, ich würde nie wieder einen von ihnen ansprechen. Mit der Person von gestern will ich jedenfalls nichts mehr zu tun haben. Und erst recht möchte ich ihr niemals helfen müssen.


Religionsfreiheit = Narrenfreiheit?

Als ich heute mal nach dem Endstand einer bestimmten Petition schauen wollte, bin ich dabei über eine andere gestolpert und in deren Diskussionsforum hängengeblieben.

Gefordert wird ein Gesetz, das es den Arbeitgebern vorschreibt, Gläubigen gleitende Pausenzeiten für ihre vorgeschriebenen Gebete, rituellen Waschungen etc. zuzugestehen.

Leider ist die Diskussion bereits geschlossen, sonst hätte ich gerne noch meinen Senf dazugegeben, wie es ja nun mal meine Art ist. *g*

Ganz davon abgesehen, daß manche Arbeitsabläufe nicht nach Belieben unterbrochen werden können, ist meines Erachtens das Problem nicht irgendein Paragraph des Grundgesetzes. Meiner Meinung nach ist das Hauptproblem ein ganz anderes. Nämlich daß der Petent nicht nachweisen kann, inwiefern ihm denn tatsächlich ein Nachteil entsteht, wenn seine Gebetszeiten nicht berücksichtigt werden. Eine angeblich zu erwartende Strafe Gottes dürfte jedenfalls keinen Arbeitsrichter beeindrucken. Denn der Glaube an einen wie auch immer gearteten Gott, dessen angeblichen Willen noch dazu jede Religion anders interpretiert, kann in seiner Natur und Ausprägung durchaus der kindlichen Einbildung eines imagnären Freundes gleichgesetzt werden, wie ja auch jemand in der Diskussion um diese Petition erwähnt. (Bei Kindern jedoch zieht man irgendwann einen Psychologen zurate, wenn diese Phase zu lange dauert.) Daraus folgt, daß es objektiv gesehen völlig wurscht ist, ob und wann jemand betet, weil ohnehin nicht wirklich eine Entität dahintersteht, die bei Auslassung der Gebete Sanktionen verhängen könnte. Daraus wiederum folgt, daß der Wunsch nach flexiblen Pausenzeiten für Gebete durch keine echte, sondern nur durch eine eingebildete Notwendigkeit zu rechtfertigen ist. Und somit Rücksicht auf etwas gar nicht Existentes gefordert wird.

Aufgrunddessen sind auch Vergleiche mit Sonderregelungen für z.B. stillende Mütter nicht sinnvoll. Da besteht immerhin ein nachweisbares, physisches Bedürfnis der Mutter bzw. des hungrigen Säuglings, für den Muttermilch medizinisch belegt die beste verfügbare Nahrung ist. Sich aber an bestimmten Gebetszeiten festklammern zu wollen, gleicht jedoch eher dem inneren Drang bei einer Zwangshandlung. Genau wie jemand, der sich zwanghaft ständig die Hände wäscht, sich einbildet, er würde todsterbenskrank, wenn er das Waschen unterläßt, bildet der betroffene Gläubige sich ein, all die Gebete seien unbedingt nötig, um seinem imaginären Gott zu gefallen. Natürlich halten sowohl der Zwangswascher als auch der Gläubige ihren jeweiligen Glauben für völlig real. Einen Beweis dafür können sie aber nicht erbringen. Diesem Bedürfnis entgegenzukommen wird daher von Nichtgläubigen als Zumutung betrachtet, da es unter bestimmten Umständen ihren Arbeitsalltag beeinträchtigt und überdies der Willkür Tür und Tor öffnet. Religionen könnte man sich schließlich quasi über Nacht ausdenken und nach Gutdünken irgendwelche Regeln erfinden, auf deren Einhaltung und Tolerierung man dann gegenüber der Gesellschaft beharrt. Hier wird schlicht die Verhältnismäßigkeit nicht mehr gewahrt.

Vielleicht ist es nur mein subjektiver Eindruck. Vielleicht hängt es mit den “Gleichgesinnten” zusammen, mit denen ich mich hauptsächlich umgebe, aber ich habe den mir nicht ganz unwillkommenen Eindruck, daß in unserer Gesellschaft Religion zwar aus alter Tradition toleriert, aber inhaltlich immer weniger für voll genommen wird. Zumindest werden die Forderungen Gläubiger sehr viel kritischer und logischer unter die Lupe genommen, bevor sie erfüllt werden. Das Fähnchen mit der Aufschrift “Gläubig” hochzuhalten, reicht schon lange nicht mehr aus, um in den Genuß einer gesellschaftlichen Carte Blanche zu kommen. Religiöses Denken stirbt in den aufgeklärten Gesellschaftsformen ganz langsam und leise aus, zugunsten umfassender, neutralerer Wertestrukturen wie z.B. dem Humanismus.

Ich denke jedenfalls nicht, daß diese Petition von Erfolg gekrönt sein wird. Und ich bin der Ansicht, das ist auch gut so.


Der Osterhase und die Säkularisierung

Im Rahmen der gestrigen Twitter-Debatte fiel die Frage, warum denn in einem Staat mit Religionsfreiheit eine Kanzlerin nicht die Säkularisierung beklagen darf, und was denn wäre, wenn wir einen atheistischen Kanzler hätten. Ob der denn dann die Säkularisierung begrüßen dürfte.

Nun… Nehmen wir als Beispiel einen Schwank aus meiner Jugend: Als ich ca. 10 Jahre alt war, habe ich in einem Österreichurlaub die ca. 5-jährige Tochter des Hotelbesitzers darüber aufgeklärt, daß es keinen Osterhasen gibt und die Eltern bzw. die Oma die Eier und Süßigkeiten verstecken. Nicht, um dem Mädel eins auszuwischen, sondern es ergab sich einfach so im Spiel, und ich war auch selbst nicht im Glauben an irgendwelche Märchenfiguren erzogen worden. Die Kleine schien diese Erläuterung auch klaglos als glaubwürdig hinzunehmen und das Thema war offensichtlich durch. Am nächsten Tag stellte sich heraus, daß sie des Abends die neue Erkenntnis samt Quelle umgehend an ihre Eltern weitergegeben hatte…

Was soll ich sagen: Perfekt passen würde der englische Ausdruck “They came down on me like a ton of bricks.” Man hat mich behandelt, wie einen Schwerverbrecher. Sowohl das Hoteliersehepaar und deren Söhne (älter als ich) als auch meine Verwandten, mit denen ich damals im Urlaub war, haben mindestens eine Stunde lang übelst auf mir herumgehackt, bis ich mich heulend bei dem Mädchen entschuld(?)igte und unter Androhung von Repressalien gezwungen(!) wurde in ihrer Gegenwart zu behaupten, es gebe doch einen Osterhasen. Ich wurde wortwörtlich als bösartig bezeichnet, weil ich dem armen kleinen Mädchen seinen süßen Glauben zerstört hätte. Und das, obwohl alle Anwesenden außer der Fünfjährigen ganz genau wußten, daß sie selbst die Kleine jahrelang zum eigenen Spaß und wider besseres Wissen angelogen hatten. Daß ich also recht hatte und die Wahrheit ohnehin irgendwann demnächst herauskommen würde.

Kurz und gut: Mir ist schietegal, ob der Kanzler meines Landes selber an den Osterhasen glaubt. Aber ich möchte ganz sicher nicht in einem Land leben, in dem ich wie damals heucheln muß, daß der Glaube an den Osterhasen der einzig Wahre ist, obwohl dies inzwischen hinlänglich widerlegt ist. Ich möchte auch nicht in einem Land leben, in dem es als Quelle der Amoral verteufelt wird, gar keinem Glauben anzuhängen, wie Merkel, Seehofer & Co das mit ihren Aussagen implizieren. Somit möchte ich erst recht nicht in einem Land leben, in dem die Existenz von Nicht- oder Andersgläubigen seitens der Regierung öffentlich bedauert und mit Besorgnis angesehen wird, wie vorgestern geschehen.

Ich möchte in einem Land leben, in dem eine religionsneutrale Verfassung* allen Einwohnern garantiert, daß sie ausschließlich nach ihrem Handeln be- und ggf. verurteilt werden. In einem Land, in dem Morde aus selbstgefällig und kritiklos ausgelegtem, angeblich religiösen “Ehrgefühl” ebensowenig toleriert oder als strafmildernd betrachtet werden wie die Einmischung eines verbiesterten und weltfremden alten Vatikanbewohners in Fragen der Medizin und Fortpflanzung. Es mag den einen oder anderen überraschen, aber genau diese Neutralität ist Grundvoraussetzung für Religionsfreiheit. Und Religionsfreiheit umfaßt übrigens auch das Recht, überhaupt keiner Religion hinterherzulaufen, wie gestern auf Twitter jemand so schön sagte.

Eigentlich hat Deutschland eine solche Verfassung. Eigentlich! Und somit lautet die Antwort auf die obige Frage: Ja, ein atheistischer Kanzler darf sehr wohl Säkularisierung begrüßen. Weil er sich damit im Gegensatz zu Frau Merkel verfassungskonform verhält.

Ansonsten: Danke, Jörg.
Nachtrag: Kluge Worte von der FDP. Es geschehen noch Zeichen und Wunder.


*(oder von mir aus auch “Grundgesetz”, für die Korinthenkacker)


Nachtrag zur Schuldebatte

Wer die elitären “Bildungsbürgertumeltern” dafür verantwortlich machen will, daß Migranten und Kinder aus armen Haushalten weniger oft Abitur machen, dem sei dieser Artikel über die Vorgehensweise der Arbeitsagentur ans Herz gelegt:

Zitat:
“Wie weit dürfen Jobcenter gehen? Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen kontrollieren sie die Zeugnisse von Schülern mit Hartz-IV-Eltern - und drohen mit Sanktionen, teils ohne Rechtsgrundlage. 16-Jährige fühlen sich bedrängt, eine Ausbildung zu beginnen. Dabei wollen sie weiter zur Schule gehen.”

Ja, am System muß sich was ändern. Aber das Schulsystem scheint mir da doch eher weniger betroffen. Denn das, was da oben beschrieben wird, kann auch keine Gesamtschule vom Kindergarten bis zum Doktortitel richten. Ebensowenig wie eine Gesamtschule die Vorurteile gegenüber Ausländern aus so manchem Lehrerkopf rausbekommen wird. Die da über die weiterführende Schule entscheiden dürfen, ohne sich abstimmen oder gar rechtfertigen zu müssen.


Hamburg

Ich gebe - falls das überhaupt noch nötig ist - ganz offen zu, daß mich der Ausgang des Volksentscheids in Hamburg mit Genugtuung erfüllt. Die Reaktionen der Linksgerichteten zeigen mir hingegen nur eins: Sie haben nicht mal ansatzweise kapiert, warum die Eltern so entschieden haben, wie sie entschieden haben. Gut, ein Teil wird einfach froh gewesen sein, dem Senat eins auszuwischen, unabhängig von den Inhalten des Volksentscheids. Der größte Teil jedoch dürfte aufgrund eigener Erfahrungen mit seinen eigenen Kindern und aus seiner eigenen Kindheit gehandelt und abgestimmt haben. Eine Entscheidung gegen längeres gemeinsames Lernen ist in erster Linie die Entscheidung für das eigene Kind, nicht gegen die anderen. Den Eltern jedoch umgehend die niedrigstmöglichen Beweggründe inklusive Rassismus und asozialem Denken vorzuwerfen, wird den Graben auf dem Bildungssektor nur noch weiter vertiefen. Stattdessen wäre es angebracht, sich auch mit den Sorgen und Wünschen dieser Eltern mal gründlicher zu befassen und sie ernst zu nehmen, statt sie mit sozialromantisch eingefärbten Ideologien beiseite zu wischen und zu verurteilen.

Ich kann die Gedankengänge der Hamburger Eltern gut verstehen. Sie mach(t)en sich Sorgen, daß die leistungswilligen und -fähigen Kinder als Hilfslehrer mißbraucht worden wären (Modebegriff “soziales Lernen” - und das dann auch noch zwei Jahre länger als bisher). Daß sie mit den Schwächeren Stoff hätten durchkauen müssen, den sie selbst längst beherrschen. Und somit daran gehindert worden wären, sich selbst etwas Neues nach ihren eigenen Fähigkeiten zu erarbeiten. Sie machen sich Sorgen, daß auf dem Rücken ihrer Kinder Grabenkämpfe der Bildungs- und Sozialpolitik ausgetragen werden, deren Konsequenzen noch gar nicht absehbar sind. Sie machen sich Sorgen, daß der gesunde Menschenverstand ignoriert wird, der einem sagt, daß eine Kette immer nur so stark ist wie ihr schwächstes Glied. Spielt jemand von den Grünen oder gar der SPD “Das Schwarze Auge”? Wie lautet dort die Regel für die Reisegeschwindigkeit einer Gruppe? Die Gruppe kann immer nur so schnell voran kommen, wie ihr langsamstes Mitglied. Warum wohl? Aha.

Das hat auch nichts mit Rücksichtslosigkeit zu tun. Rücksichtslos wäre, wenn die besseren Schüler absichtlich den Unterricht stören, damit die schwächeren noch weniger mitbekommen. Es ist nur dummerweise meist genau umgekehrt. Rücksichtslos wäre es aber auch, wenn ein System umgesetzt würde, welches den Leistungsfähigeren real existierende Chancen nimmt, nur um anderen eine Chance zu geben, deren Existenz noch gar nicht erwiesen ist. Noch dazu, obwohl es auch anders ginge - wenn man denn wollte. Aber das würde ja Geld kosten.

Besitzstandswahrung? Ja, natürlich. Oder läßt irgendeiner der geneigten Leser dieses Blogs sperrangelweit seine Haustür offen stehen, wenn er morgens zur Arbeit fährt, und gibt seinen Hausrat zur Selbstbedienung frei? Nicht? Wie asozial, elitär und ungerecht, wo doch so viele Leute nur so wenig besitzen! </ironie>

Ja, ich kann die Sorgen dieser ach so elitären, asozialen, egoistischen, faschistischen, rechtsradikalen, rassistischen (habe ich was vergessen? War keine Absicht, man verliert nur so leicht den Überblick, bei dieser bewundernswerten Vielfalt der Vorwürfe) Eltern verstehen. Denn ich bin eins der Kinder, die die Berechtigung dieser Sorgen am eigenen Leib erlebt haben. Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß die Sache mit dem längeren gemeinsamen Lernen für die (geistig) stärkeren Schüler in vielerlei Hinsicht eine Qual sein kann. Ich persönlich war bei einer ganzen Reihe von Mitschülern froh, daß ich ihnen und ihren Fäusten und Füßen nach vier Jahren nicht mehr begegnen mußte und endlich!!! einen völlig anderen Schulweg hatte als sie. Noch zwei Jahre mehr und ich weiß nicht, ob ich nicht doch an der Grundschule zerbrochen wäre. Diese Schüler - die schlechtesten der Klasse - wollten schon von der ersten Klasse an weder von mir noch von den Lehrern etwas lernen. Für sie war meine Leistung und mein Leistungwille nur ein rotes Tuch, das ihnen ihre eigenen Schwächen vor Augen führte. Im Leben würde ich nicht riskieren, meine eigenen Kinder Derartigem auszusetzen!

Wer jetzt meint, das sei die Schuld der unfähigen Lehrer, der irrt sich. Wir hatten mehrere Fach- und einen Klassenlehrer (Helmut Wittig - ein großartiger Mensch und Pädagoge!), die sich damals (1975-1979) schon sehr viel Mühe gaben, selbst den Schwächsten geduldig alles wieder und wieder zu erklären. Gleichzeitig waren sie bemüht, meine Langeweile durch Sonderaufgaben abzufangen. Wir waren übrigens seinerzeit alle(!) noch Schüler ohne Migrationshintergrund. Es ist also nicht am Lehrer gescheitert. Auch nicht am Schulsystem und erst recht nicht an den bösen angeblichen Rassisten, sondern schlicht daran, daß eine ganze Reihe von Schülern schon von Anfang an im Elternhaus vermittelt bekommt, daß Leistungswille nichts Erstrebenswertes ist und die Guten im Grunde die Bösen, zumindest aber die Dümmeren sind. Bei genauerer Betrachtung also genau die selbe Einstellung, die die Linksgerichteten gegen das sog. Bildungsbürgertum hegen. Ich gehe daher so weit zu behaupten, daß diese Einstellung durch viele Reaktionen auf die Abstimmung von gestern noch verschärft wird. Warum sollten schwache Schüler von guten lernen wollen, wenn sie mitbekommen, daß Ehrgeiz und Wissenshunger als asoziales, elitäres Strebertum abgestempelt werden?

Bleibt nur zu hoffen, daß die neue Regierung in NRW die Zeichen der Zeit noch rechtzeitig erkennt. Denn auch wenn ich ihr höchstens zweieinhalb Jahre gebe, ist der Schaden, der in dieser Zeitspanne auf dem Bildungssektor angerichtet werden kann, enorm. Hamburg hat’s gerade noch rechtzeitig verhindert. Hier bin ich leider etwas weniger optimistisch.


Liebe SPD und liebe Grüne:

Hamburg ist überall. Auch in NRW.

http://blog.zeit.de/schulblog/2010/07/18/hamburger-schulreform-primarschule-gescheitert-vernunft-hat-gesiegt/



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