Und überhaupt: Weihnachten…
Das große Kind fieberte gestern etwas und blieb daher heute zu Hause. Und plötzlich war ich mittendrin in der Erläuterung von Fragen wie “Warum heißt der Freitag ‘Freitag’, wenn man da gar nicht frei hat?” (Weil vor der Ankunft der Christen hier an ganz andere Götter geglaubt wurde - an Freya zum Beispiel.) oder “Was hat der Tannenbaum mit Jesus zu tun?” (Überhaupt gar nichts, weil er eigentlich ein Rest eines viel älteren Festes ist. Der Wintersonnenwende nämlich.) Und es kam, wie es bei einem einigermaßen logisch denkenden Kind kommen mußte: Die Tochter begann sich zu fragen, woher die Leute denn wissen können, ob nun Freya, Jesus oder sonstwer der “richtige” Gott ist.
Wer weiß - morgen nehmen wir dann Religionskriege und ihre Ursachen und Folgen durch? ^^
Petition “Medizinische Sicherheit für Kinder” - neuer Anlauf
Nachdem meine Petition vom März aufgrund einer sehr zweifelhaften rechtlichen Einschätzung (Seite 1 / Seite 2) dem Petitionsausschuß vorenthalten wurde, ist nun auch mein Einspruch gegen diese Entscheidung offiziell abgelehnt worden. Dies bedeutet, daß weder der Ausschuß noch der Bundestag zumindest auf diesem Weg überhaupt je von der Petition erfahren oder gar eine Entscheidung fällen kann.
Ganz davon abgesehen, daß dies meinem Demokratieverständnis zuwider läuft: Beim deutschen Heilpraktikergesetz handelt es sich um einen Mißstand in unserem Gesundheitswesen, der meines Erachtens dringend beseitigt werden muß. Daher habe ich die Petition im selben Wortlaut wie damals auf einem anderen Server veröffentlicht, der jedem Interessierten eine Mitzeichnung ermöglicht:
=> “Medizinische Sicherheit für Kinder”
Ich beabsichtige, die Liste der Mitzeichner direkt an den Bundestag zu schicken, um diesen erstens auf die Problematik an sich aufmerksam zu machen und zweitens aufzuzeigen, wieviel Widerstand sich mittlerweile in der Bevölkerung gegen diesen Mißstand regt. Ich persönlich möchte mir selbst sagen können, daß ich für die medizinische Sicherheit der Kinder alles mir Mögliche getan habe. Es mag der inoffizielle Weg sein, aber an diesem Punkt habe ich bzw. haben wir nichts mehr zu verlieren. Im Gegenteil. Daher von mir eine herzliche Bitte um Mitzeichnung!
Die Gesellschaft, dein Feind und Helfer.
Und es begab sich auf Twitter, daß sich eine Debatte entspann um Behinderung. [Editiert, damit die Diskussion nicht abdriftet]
Letztendlich ging es aber um die Frage, inwieweit “die Gesellschaft” die Behinderung eines Individuums “wettmachen” könne und müsse.
Die These einer Teilnehmerin scheint - wenn ich das richtig verstanden habe - zu lauten, daß die Gesellschaft sich nur genug Mühe geben muß, und die Behinderung wird egal und der Behinderte kann exakt genau so leben wie alle anderen auch. Oder anders formuliert: “Behindert ist man nicht, behindert wird man.”
Meine These, von der ich noch immer überzeugt bin: Jede Behinderung wird in erster Linie verursacht durch ein körperliches oder geistiges Defizit des Individuums, nicht durch “die Gesellschaft”. Es wird immer Dinge und Bereiche geben, die “die Gesellschaft” bei aller Mühe, die sie sich gibt, nicht wettmachen kann und schon erst recht nicht verursacht hat. Ein Blinder wird zum Beispiel einen Film im Fernsehen niemals genau so wahrnehmen wie ein Sehender, egal wie gut die Audiokommentare oder auch die Beschreibungen desjenigen sind, der den Film sehend kommentiert. Nie wird er den genauen Gesichtsausdruck, Blickaustausch, Gestik etc. wahrnehmen. Während ich anerkenne, daß Integrationsbemühungen auch von Seiten der Nichtbehinderten kommen müssen, halte ich diesen Satz für überzogen und für einen echten, gleichberechtigten Dialog absolut kontraproduktiv. Im Prinzip heißt jener Satz nämlich nichts weiter als “An jedem Nachteil, der mir durch meine Behinderung entsteht, seid immer nur Ihr anderen schuld.” Der Nichtbehinderte wird quasi zum Feind, den es zu besiegen und zu zähmen gilt, bis er demütig begriffen hat, wo sein Platz ist und was er gefälligst zu leisten hat. Ich finde es gegenüber Nichtbehinderten unfair, sie derart unter Druck zu setzen und das Bild zu vermitteln, Behinderte seien grundsätzlich das Opfer der sie umgebenden, un- oder gar böswilligen Gesellschaft.
Im Zuge der Debatte versuchte ich, die andere Teilnehmerin darauf hinzuweisen, daß von der ach so bösen und unwilligen Gesellschaft und auch von Lebenspartnern, Kindern etc. der Betroffenen schon unendlich viel geleistet wird, um Behinderte zu integrieren. Leider hatte ich in dem Gespräch aber den Eindruck, daß dies nicht anerkannt und gewürdigt wird, sondern nur die noch immer verbleibenden Defizite gesehen werden, neue Forderungen gestellt werden. Wenn irgendetwas nicht geht, meinte diese Person, dann liege das nur daran, daß derjenige nicht genug nachgedacht, sich nicht genug Mühe gegeben hätte.
Doch damit nicht genug: Als ich erklärte, daß es für Sehende zum Beispiel eindeutig einen Qualitäts- und Spaßverlust bedeutet, Audiokommentare für Blinde zu einem Film mit anzuhören, schlug mir Empörung entgegen. Jedoch: Es ist nun mal Fakt. Da quasselt jemand dazwischen mit Informationen, die für uns Sehende völlig redundant sind. Gleiches gilt erst recht für diejenigen, die ihrerseits für einen Blinden einen Film live kommentieren. Während sie A noch erklären müssen, verpassen sie vom Dialog Teil B. Daß man dies als Sehender natürlich in Kauf nimmt und im Leben nicht auf die Idee käme, sich deshalb beim Blinden zu beklagen, steht auf einem ganz anderen Blatt und wurde von mir auch deutlich klargestellt. Es ging mir lediglich darum, mal generell aufzuzeigen, daß die Hilfe, die geleistet wird, auch für den Helfenden einen Preis hat und nicht nur der Behinderte das “Opfer” ist.
Gestern schien es jedoch zu genügen, das überhaupt einmal anzusprechen und aufzuzeigen, um von meiner (blinden) Gesprächspartnerin direkt übelst verbal angegriffen zu werden. Ich solle aufhören, Behinderte weiter zu sanktionieren
(WIE BITTE?), ich müsse wohl krank und ausgebrannt sein (von was?) und sollte mal zum Arzt gehen, wenn mir die Person weniger wert sei als ein Film. (Vorher nicht zugehört?) Und überhaupt sei das alles typisch deutsch. (Gut, damit wäre dann wohl geklärt, daß ein Arzt das wohl auch nicht richten kann…^^)Das war für mich dann allerdings auch das sofortige Ende der Diskussion.
Mal Klartext: Was seitens solcher Leute gefordert wird, läuft auf generelle und emotionale Erpressung hinaus. Da wird die Verantwortung ausschließlich auf die Seite der Nichtbehinderten übertragen. Bei allem, was für den Behinderten schiefgeht oder nicht erreichbar ist, sind nur die anderen schuld. Was für ein herrlich einfaches Weltbild! Daß die geleistete Hilfe durchaus auch für die Nichtbehinderten erhebliche Einschränkungen und Beeinträchtigungen mitbringt, die auch weit über einen zugequasselten Film hinausgehen, soll gefälligst nicht nur totgeschwiegen werden - nein! Noch besser: Man hat all das gefälligst auch noch jederzeit gerne zu tun und jegliches Empfinden einer eigenen Einschränkung vollkommen zu unterdrücken. Eigene Freiräume sind nicht erlaubt, die eigenen Bedürfnisse müssen jederzeit und permanent denen des Behinderten untergeordnet werden. Tut man das nicht, ist man böse, egoistisch und unwillig. Auf jeden Fall hat man einen schweren Charakterfehler oder ist eben krank. Da kann ich nur sagen: Danke fürs Gespräch und auf Nimmerwiedersehen.
Jemand, der permanent mit derart überzogenen Forderungen bedrängt wird und dessen bisherige Bemühungen nicht nur für selbstverständlich gehalten, sondern sogar ignoriert oder gar negiert werden, wird irgendwann gar nicht mehr helfen wollen und sich abwenden. Da wird Unmögliches verlangt. Dem kann man als Nichtbehinderter nicht gerecht werden, und man muß es auch gar nicht. Auch wir sind nicht allmächtig und nicht unfehlbar. Auch wir haben eigene Bedürfnisse, Sorgen und Probleme und keine endlosen Kräfte, keine endlose Geduld. Und das ist auch unser gutes Recht.
Mich gruselt bei der Vorstellung, daß diese Person, mit der ich mich gestern unterhalten habe, offenbar auch Öffentlichkeitsarbeit macht und Behinderte gegenüber Nichtbehinderten repräsentiert. Solche Leute reißen trampeltierartig mit dem Hintern um, was andere mit den Händen im Dialog mit Nichtbehinderten aufgebaut haben. Wäre sie die erste Blinde gewesen, mit der ich mich unterhalten habe, ich würde nie wieder einen von ihnen ansprechen. Mit der Person von gestern will ich jedenfalls nichts mehr zu tun haben. Und erst recht möchte ich ihr niemals helfen müssen.
Religionsfreiheit = Narrenfreiheit?
Als ich heute mal nach dem Endstand einer bestimmten Petition schauen wollte, bin ich dabei über eine andere gestolpert und in deren Diskussionsforum hängengeblieben.
Gefordert wird ein Gesetz, das es den Arbeitgebern vorschreibt, Gläubigen gleitende Pausenzeiten für ihre vorgeschriebenen Gebete, rituellen Waschungen etc. zuzugestehen.
Leider ist die Diskussion bereits geschlossen, sonst hätte ich gerne noch meinen Senf dazugegeben, wie es ja nun mal meine Art ist. *g*
Ganz davon abgesehen, daß manche Arbeitsabläufe nicht nach Belieben unterbrochen werden können, ist meines Erachtens das Problem nicht irgendein Paragraph des Grundgesetzes. Meiner Meinung nach ist das Hauptproblem ein ganz anderes. Nämlich daß der Petent nicht nachweisen kann, inwiefern ihm denn tatsächlich ein Nachteil entsteht, wenn seine Gebetszeiten nicht berücksichtigt werden. Eine angeblich zu erwartende Strafe Gottes dürfte jedenfalls keinen Arbeitsrichter beeindrucken. Denn der Glaube an einen wie auch immer gearteten Gott, dessen angeblichen Willen noch dazu jede Religion anders interpretiert, kann in seiner Natur und Ausprägung durchaus der kindlichen Einbildung eines imagnären Freundes gleichgesetzt werden, wie ja auch jemand in der Diskussion um diese Petition erwähnt. (Bei Kindern jedoch zieht man irgendwann einen Psychologen zurate, wenn diese Phase zu lange dauert.) Daraus folgt, daß es objektiv gesehen völlig wurscht ist, ob und wann jemand betet, weil ohnehin nicht wirklich eine Entität dahintersteht, die bei Auslassung der Gebete Sanktionen verhängen könnte. Daraus wiederum folgt, daß der Wunsch nach flexiblen Pausenzeiten für Gebete durch keine echte, sondern nur durch eine eingebildete Notwendigkeit zu rechtfertigen ist. Und somit Rücksicht auf etwas gar nicht Existentes gefordert wird.
Aufgrunddessen sind auch Vergleiche mit Sonderregelungen für z.B. stillende Mütter nicht sinnvoll. Da besteht immerhin ein nachweisbares, physisches Bedürfnis der Mutter bzw. des hungrigen Säuglings, für den Muttermilch medizinisch belegt die beste verfügbare Nahrung ist. Sich aber an bestimmten Gebetszeiten festklammern zu wollen, gleicht jedoch eher dem inneren Drang bei einer Zwangshandlung. Genau wie jemand, der sich zwanghaft ständig die Hände wäscht, sich einbildet, er würde todsterbenskrank, wenn er das Waschen unterläßt, bildet der betroffene Gläubige sich ein, all die Gebete seien unbedingt nötig, um seinem imaginären Gott zu gefallen. Natürlich halten sowohl der Zwangswascher als auch der Gläubige ihren jeweiligen Glauben für völlig real. Einen Beweis dafür können sie aber nicht erbringen. Diesem Bedürfnis entgegenzukommen wird daher von Nichtgläubigen als Zumutung betrachtet, da es unter bestimmten Umständen ihren Arbeitsalltag beeinträchtigt und überdies der Willkür Tür und Tor öffnet. Religionen könnte man sich schließlich quasi über Nacht ausdenken und nach Gutdünken irgendwelche Regeln erfinden, auf deren Einhaltung und Tolerierung man dann gegenüber der Gesellschaft beharrt. Hier wird schlicht die Verhältnismäßigkeit nicht mehr gewahrt.
Vielleicht ist es nur mein subjektiver Eindruck. Vielleicht hängt es mit den “Gleichgesinnten” zusammen, mit denen ich mich hauptsächlich umgebe, aber ich habe den mir nicht ganz unwillkommenen Eindruck, daß in unserer Gesellschaft Religion zwar aus alter Tradition toleriert, aber inhaltlich immer weniger für voll genommen wird. Zumindest werden die Forderungen Gläubiger sehr viel kritischer und logischer unter die Lupe genommen, bevor sie erfüllt werden. Das Fähnchen mit der Aufschrift “Gläubig” hochzuhalten, reicht schon lange nicht mehr aus, um in den Genuß einer gesellschaftlichen Carte Blanche zu kommen. Religiöses Denken stirbt in den aufgeklärten Gesellschaftsformen ganz langsam und leise aus, zugunsten umfassender, neutralerer Wertestrukturen wie z.B. dem Humanismus.
Ich denke jedenfalls nicht, daß diese Petition von Erfolg gekrönt sein wird. Und ich bin der Ansicht, das ist auch gut so.
Der Osterhase und die Säkularisierung
Im Rahmen der gestrigen Twitter-Debatte fiel die Frage, warum denn in einem Staat mit Religionsfreiheit eine Kanzlerin nicht die Säkularisierung beklagen darf, und was denn wäre, wenn wir einen atheistischen Kanzler hätten. Ob der denn dann die Säkularisierung begrüßen dürfte.
Nun… Nehmen wir als Beispiel einen Schwank aus meiner Jugend: Als ich ca. 10 Jahre alt war, habe ich in einem Österreichurlaub die ca. 5-jährige Tochter des Hotelbesitzers darüber aufgeklärt, daß es keinen Osterhasen gibt und die Eltern bzw. die Oma die Eier und Süßigkeiten verstecken. Nicht, um dem Mädel eins auszuwischen, sondern es ergab sich einfach so im Spiel, und ich war auch selbst nicht im Glauben an irgendwelche Märchenfiguren erzogen worden. Die Kleine schien diese Erläuterung auch klaglos als glaubwürdig hinzunehmen und das Thema war offensichtlich durch. Am nächsten Tag stellte sich heraus, daß sie des Abends die neue Erkenntnis samt Quelle umgehend an ihre Eltern weitergegeben hatte…
Was soll ich sagen: Perfekt passen würde der englische Ausdruck “They came down on me like a ton of bricks.” Man hat mich behandelt, wie einen Schwerverbrecher. Sowohl das Hoteliersehepaar und deren Söhne (älter als ich) als auch meine Verwandten, mit denen ich damals im Urlaub war, haben mindestens eine Stunde lang übelst auf mir herumgehackt, bis ich mich heulend bei dem Mädchen entschuld(?)igte und unter Androhung von Repressalien gezwungen(!) wurde in ihrer Gegenwart zu behaupten, es gebe doch einen Osterhasen. Ich wurde wortwörtlich als bösartig bezeichnet, weil ich dem armen kleinen Mädchen seinen süßen Glauben zerstört hätte. Und das, obwohl alle Anwesenden außer der Fünfjährigen ganz genau wußten, daß sie selbst die Kleine jahrelang zum eigenen Spaß und wider besseres Wissen angelogen hatten. Daß ich also recht hatte und die Wahrheit ohnehin irgendwann demnächst herauskommen würde.
Kurz und gut: Mir ist schietegal, ob der Kanzler meines Landes selber an den Osterhasen glaubt. Aber ich möchte ganz sicher nicht in einem Land leben, in dem ich wie damals heucheln muß, daß der Glaube an den Osterhasen der einzig Wahre ist, obwohl dies inzwischen hinlänglich widerlegt ist. Ich möchte auch nicht in einem Land leben, in dem es als Quelle der Amoral verteufelt wird, gar keinem Glauben anzuhängen, wie Merkel, Seehofer & Co das mit ihren Aussagen implizieren. Somit möchte ich erst recht nicht in einem Land leben, in dem die Existenz von Nicht- oder Andersgläubigen seitens der Regierung öffentlich bedauert und mit Besorgnis angesehen wird, wie vorgestern geschehen.
Ich möchte in einem Land leben, in dem eine religionsneutrale Verfassung* allen Einwohnern garantiert, daß sie ausschließlich nach ihrem Handeln be- und ggf. verurteilt werden. In einem Land, in dem Morde aus selbstgefällig und kritiklos ausgelegtem, angeblich religiösen “Ehrgefühl” ebensowenig toleriert oder als strafmildernd betrachtet werden wie die Einmischung eines verbiesterten und weltfremden alten Vatikanbewohners in Fragen der Medizin und Fortpflanzung. Es mag den einen oder anderen überraschen, aber genau diese Neutralität ist Grundvoraussetzung für Religionsfreiheit. Und Religionsfreiheit umfaßt übrigens auch das Recht, überhaupt keiner Religion hinterherzulaufen, wie gestern auf Twitter jemand so schön sagte.
Eigentlich hat Deutschland eine solche Verfassung. Eigentlich! Und somit lautet die Antwort auf die obige Frage: Ja, ein atheistischer Kanzler darf sehr wohl Säkularisierung begrüßen. Weil er sich damit im Gegensatz zu Frau Merkel verfassungskonform verhält.
Ansonsten: Danke, Jörg.
Nachtrag: Kluge Worte von der FDP. Es geschehen noch Zeichen und Wunder.
*(oder von mir aus auch “Grundgesetz”, für die Korinthenkacker)
Nachtrag zur Schuldebatte
Wer die elitären “Bildungsbürgertumeltern” dafür verantwortlich machen will, daß Migranten und Kinder aus armen Haushalten weniger oft Abitur machen, dem sei dieser Artikel über die Vorgehensweise der Arbeitsagentur ans Herz gelegt:
Zitat:
“Wie weit dürfen Jobcenter gehen? Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen kontrollieren sie die Zeugnisse von Schülern mit Hartz-IV-Eltern - und drohen mit Sanktionen, teils ohne Rechtsgrundlage. 16-Jährige fühlen sich bedrängt, eine Ausbildung zu beginnen. Dabei wollen sie weiter zur Schule gehen.”
Ja, am System muß sich was ändern. Aber das Schulsystem scheint mir da doch eher weniger betroffen. Denn das, was da oben beschrieben wird, kann auch keine Gesamtschule vom Kindergarten bis zum Doktortitel richten. Ebensowenig wie eine Gesamtschule die Vorurteile gegenüber Ausländern aus so manchem Lehrerkopf rausbekommen wird. Die da über die weiterführende Schule entscheiden dürfen, ohne sich abstimmen oder gar rechtfertigen zu müssen.
Hamburg
Ich gebe - falls das überhaupt noch nötig ist - ganz offen zu, daß mich der Ausgang des Volksentscheids in Hamburg mit Genugtuung erfüllt. Die Reaktionen der Linksgerichteten zeigen mir hingegen nur eins: Sie haben nicht mal ansatzweise kapiert, warum die Eltern so entschieden haben, wie sie entschieden haben. Gut, ein Teil wird einfach froh gewesen sein, dem Senat eins auszuwischen, unabhängig von den Inhalten des Volksentscheids. Der größte Teil jedoch dürfte aufgrund eigener Erfahrungen mit seinen eigenen Kindern und aus seiner eigenen Kindheit gehandelt und abgestimmt haben. Eine Entscheidung gegen längeres gemeinsames Lernen ist in erster Linie die Entscheidung für das eigene Kind, nicht gegen die anderen. Den Eltern jedoch umgehend die niedrigstmöglichen Beweggründe inklusive Rassismus und asozialem Denken vorzuwerfen, wird den Graben auf dem Bildungssektor nur noch weiter vertiefen. Stattdessen wäre es angebracht, sich auch mit den Sorgen und Wünschen dieser Eltern mal gründlicher zu befassen und sie ernst zu nehmen, statt sie mit sozialromantisch eingefärbten Ideologien beiseite zu wischen und zu verurteilen.
Ich kann die Gedankengänge der Hamburger Eltern gut verstehen. Sie mach(t)en sich Sorgen, daß die leistungswilligen und -fähigen Kinder als Hilfslehrer mißbraucht worden wären (Modebegriff “soziales Lernen” - und das dann auch noch zwei Jahre länger als bisher). Daß sie mit den Schwächeren Stoff hätten durchkauen müssen, den sie selbst längst beherrschen. Und somit daran gehindert worden wären, sich selbst etwas Neues nach ihren eigenen Fähigkeiten zu erarbeiten. Sie machen sich Sorgen, daß auf dem Rücken ihrer Kinder Grabenkämpfe der Bildungs- und Sozialpolitik ausgetragen werden, deren Konsequenzen noch gar nicht absehbar sind. Sie machen sich Sorgen, daß der gesunde Menschenverstand ignoriert wird, der einem sagt, daß eine Kette immer nur so stark ist wie ihr schwächstes Glied. Spielt jemand von den Grünen oder gar der SPD “Das Schwarze Auge”? Wie lautet dort die Regel für die Reisegeschwindigkeit einer Gruppe? Die Gruppe kann immer nur so schnell voran kommen, wie ihr langsamstes Mitglied. Warum wohl? Aha.
Das hat auch nichts mit Rücksichtslosigkeit zu tun. Rücksichtslos wäre, wenn die besseren Schüler absichtlich den Unterricht stören, damit die schwächeren noch weniger mitbekommen. Es ist nur dummerweise meist genau umgekehrt. Rücksichtslos wäre es aber auch, wenn ein System umgesetzt würde, welches den Leistungsfähigeren real existierende Chancen nimmt, nur um anderen eine Chance zu geben, deren Existenz noch gar nicht erwiesen ist. Noch dazu, obwohl es auch anders ginge - wenn man denn wollte. Aber das würde ja Geld kosten.
Besitzstandswahrung? Ja, natürlich. Oder läßt irgendeiner der geneigten Leser dieses Blogs sperrangelweit seine Haustür offen stehen, wenn er morgens zur Arbeit fährt, und gibt seinen Hausrat zur Selbstbedienung frei? Nicht? Wie asozial, elitär und ungerecht, wo doch so viele Leute nur so wenig besitzen! </ironie>
Ja, ich kann die Sorgen dieser ach so elitären, asozialen, egoistischen, faschistischen, rechtsradikalen, rassistischen (habe ich was vergessen? War keine Absicht, man verliert nur so leicht den Überblick, bei dieser bewundernswerten Vielfalt der Vorwürfe) Eltern verstehen. Denn ich bin eins der Kinder, die die Berechtigung dieser Sorgen am eigenen Leib erlebt haben. Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß die Sache mit dem längeren gemeinsamen Lernen für die (geistig) stärkeren Schüler in vielerlei Hinsicht eine Qual sein kann. Ich persönlich war bei einer ganzen Reihe von Mitschülern froh, daß ich ihnen und ihren Fäusten und Füßen nach vier Jahren nicht mehr begegnen mußte und endlich!!! einen völlig anderen Schulweg hatte als sie. Noch zwei Jahre mehr und ich weiß nicht, ob ich nicht doch an der Grundschule zerbrochen wäre. Diese Schüler - die schlechtesten der Klasse - wollten schon von der ersten Klasse an weder von mir noch von den Lehrern etwas lernen. Für sie war meine Leistung und mein Leistungwille nur ein rotes Tuch, das ihnen ihre eigenen Schwächen vor Augen führte. Im Leben würde ich nicht riskieren, meine eigenen Kinder Derartigem auszusetzen!
Wer jetzt meint, das sei die Schuld der unfähigen Lehrer, der irrt sich. Wir hatten mehrere Fach- und einen Klassenlehrer (Helmut Wittig - ein großartiger Mensch und Pädagoge!), die sich damals (1975-1979) schon sehr viel Mühe gaben, selbst den Schwächsten geduldig alles wieder und wieder zu erklären. Gleichzeitig waren sie bemüht, meine Langeweile durch Sonderaufgaben abzufangen. Wir waren übrigens seinerzeit alle(!) noch Schüler ohne Migrationshintergrund. Es ist also nicht am Lehrer gescheitert. Auch nicht am Schulsystem und erst recht nicht an den bösen angeblichen Rassisten, sondern schlicht daran, daß eine ganze Reihe von Schülern schon von Anfang an im Elternhaus vermittelt bekommt, daß Leistungswille nichts Erstrebenswertes ist und die Guten im Grunde die Bösen, zumindest aber die Dümmeren sind. Bei genauerer Betrachtung also genau die selbe Einstellung, die die Linksgerichteten gegen das sog. Bildungsbürgertum hegen. Ich gehe daher so weit zu behaupten, daß diese Einstellung durch viele Reaktionen auf die Abstimmung von gestern noch verschärft wird. Warum sollten schwache Schüler von guten lernen wollen, wenn sie mitbekommen, daß Ehrgeiz und Wissenshunger als asoziales, elitäres Strebertum abgestempelt werden?
Bleibt nur zu hoffen, daß die neue Regierung in NRW die Zeichen der Zeit noch rechtzeitig erkennt. Denn auch wenn ich ihr höchstens zweieinhalb Jahre gebe, ist der Schaden, der in dieser Zeitspanne auf dem Bildungssektor angerichtet werden kann, enorm. Hamburg hat’s gerade noch rechtzeitig verhindert. Hier bin ich leider etwas weniger optimistisch.
Liebe SPD und liebe Grüne:
Hamburg ist überall. Auch in NRW.
Liebe Frau Kraft,
langsam kann ich Ihr Gefasel nicht mehr hören, daß die CDU angeblich abgewählt worden sei, am 9. Mai in NRW. Ich weiß aber ganz sicher eins: Die SPD ist jedenfalls nicht gewählt worden. Herzlichen Glückwunsch und willkommen in der Realität. Darf ich Sie ein wenig herumführen?
Darf ich Sie kurz daran erinnern, daß immer noch das absolute Wahlergebnis zählt, und nicht die Differenz zum Ergebnis der Wahl davor? Wenn ich richtig informiert bin, haben Sie und die CDU zwar gleich viele Sitze, aber die CDU hat immer noch ein paar Stimmen mehr bekommen als Sie. Was ganz konkret bedeutet: Es wollen trotz allem immer noch mehr Menschen von der CDU regiert werden als von Ihnen. Das Wahlergebnis insgesamt könnte man entweder so auslegen, daß die Bürger eine große Koalition begrüßen würden. Oder auch dahingehend, daß sie nicht wissen, ob sie den Regen oder die Traufe wählen sollen, weil sie eigentlich niemandem mehr eine effiziente Regierung zutrauen. Aber wohl immer noch eher der CDU als Ihnen. Ist das noch immer nicht durchgedrungen?
Sie jedenfalls kommen mir mit ihren Leuten derzeit vor wie ein Kind, das bei Räuber und Gendarm wider seinen Willen in der Räubertruppe gelandet ist und nun mangels Verbündeter droht, den anderen die Spielzeugpistolen kaputtzumachen. (”Aus der Opposition heraus regieren” - ah ja. Ich persönlich bin eher geneigt, das frei von der Leber weg als organisierte Quertreiberei zu bezeichnen.) Die Option, die Gruppen nochmal neu aufteilen zu lassen - sprich: Neuwahlen -, lehnen Sie auch ab. Sonst müßten Sie ja evtl. der Tatsache ins Auge sehen, daß man Sie nach dieser Trotz- und Bockaktion wieder nicht unter den Gendarmen haben will. Kein Wunder. Nach dem Koalitions- bzw. Nichtkoalitions-Heckmeck, das Sie mit den anderen Parteien veranstaltet haben, ist es wohl mehr als wahrscheinlich, daß Sie im nächsten Durchgang noch weniger Stimmen bekämen.
Könnten Sie sich bitte im Interesse der Bürger wenigstens kurz mal darauf besinnen, wer von wem und vor allem zu welchem Zweck überhaupt gewählt wurde? Für Kindergartenspielchen sicherlich nicht. Für uns Bürger wären Neuwahlen mittlerweile jedenfalls die fairste und effizienteste Lösung. Aber Sie geben ja lieber den Kohl und sitzen einfach alles aus. Na das nenne ich doch mal Engagement fürs Volk!
Mit freundlichen Grüßen,
Eine definitiv Ex-SPDwählerin
PS: Ist es Zufall, daß die Suche nach den Begriffen “Volksnähe” oder auch nur “Basisnähe” auf dem Server der SPD keine Treffer liefert? Ich mein’ ja nur… ^^
Soziales Pflichtjahr - zum Glück schon lange vom Tisch
Mit der nun beschlossenen Verkürzung des Wehrdienstes geht natürlich auch eine solche des Zivildienstes einher. Und schon liest man wieder die ersten Forderungen nach einem sozialen Pflichtjahr, weil ja nun der Pflegebranche die Zivis fehlen werden bzw. sich deren Einarbeitung kaum noch lohnt.
Sehen wir für den Moment mal ab davon, daß ein Soziales Pflichtjahr schon 2004 für verfassungs- und völkerrechtswidrig erklärt wurde, weil mit Zwangsarbeit gleichzusetzen. Sehen wir des weiteren erst einmal davon ab, daß Zivis keine echten Jobs gefährden dürfen. Und sehen wir auch davon ab, daß auch die karitativen Verbände gar nicht wirklich Wert darauf legen, unwillige Zwangsverpflichtete auf die Pflegebedürftigen loszulassen. Nachtrag: Und von den finanziellen Aspekten reden wir lieber überhaupt nicht. Sehr interessante Lektüre auch im Hinblick auf andere Aspekte.
Beschäftigen wir uns stattdessen mit der Tatsache, daß es Leute gibt, die für Pflegeberufe schlicht nicht geeignet sind. Ich bin zum Beispiel eine von ihnen. Ich mag nicht von fremden Menschen angefaßt werden, ich mag sie meinerseits nicht anfassen - und schon gar nicht will ich gezwungen werden, sie anzufassen. Schon die sich immer weiter ausbreitende Buss-Bussi-Sitte ist mir unangenehm; ich will mein Gesicht nicht zur Begrüßung an das eines anderen drücken müssen. Ist mir zuwider. Erzwungene physische Nähe zu Fremden macht mich aggressiv.
Und nun gehe ich mal richtig ans Eingemachte: Mir wird sogar physisch übel, wenn ich bei einem Kleinkind eine versch…e Windel wechseln muß. Ja, sogar bei meinen eigenen Kindern. Bis sie jeweils ca. 3 Jahre alt waren, hat es mir nichts ausgemacht, aber dann kam irgendwann der Punkt, an dem ich am liebsten danebengekotzt hätte und auch tatsächlich meistens würgen mußte. Wie ich bei einem Erwachsenen reagieren würde, lasse ich lieber mal offen. Besser würde es aber mit Sicherheit nicht. (Gottseidank hat sich das Problem hier zu Hause von selbst erledigt, denn irgendwann um dieses Alter herum werden Kinder ja schließlich trocken und sauber.) Ich liebe die zwei, keine Frage, das wird auch jeder bestätigen, der uns kennt. Aber es gibt eben Dinge, die gehen bei mir nicht oder nur im allergrößten Notfall, und auch dann nur mit innerlichem Sträuben. Da hilft selbst die vielbeschworene Mutterliebe nicht. Ich habe es gemacht, klar. Aber nicht ohne den Wunsch, am liebsten weit, weit wegzulaufen. Je-des-mal.
Während ich dies hier schreibe, suche ich nach einem Vergleich: Was würde ich lieber tun als einen noch dazu fremden Menschen eng physisch zu betreuen oder gar seine Ausscheidungen zu beseitigen? Mir fällt auf Anhieb nichts ein, das ich nicht lieber täte. Einen verstopften, stinkenden Abfluß reinige ich ohne mit der Wimper zu zucken, aber als Pflegepersonal wäre ich eine Katastrophe für mich selbst und den zu Pflegenden. Und es ist mir auch umgekehrt schon passiert, daß ich mit Fieber und Puddingbeinen lieber mein eigenes Erbrochenes weggewischt habe (das macht mir übrigens auch bei anderen nichts aus), statt zuzulassen, daß mein Partner bei dieser Tätigkeit vor Ekel ohnmächtig umkippt. Das macht aber weder ihn noch mich in meinen Augen zu bösen, asozialen Menschen und es hat auch nichts mit mangelnder Liebe zu tun.
Wer nun argumentieren möchte, es gebe für Leute wie mich ja auch noch anderer Arten, im sozialen Bereich Hilfe zu leisten, der sei nun wiederum auf die oben genannten Argumente gegen Zwangsarbeit verwiesen. Was eigentlich passieren müßte, wäre eine Steigerung der Attraktiviät der Pflege- und sonstigen sozialen Berufe. Es gibt sicherlich genügend willige Geeignete - wenn sie denn mit diesen Berufen halbwegs komfortabel sich selbst und eine Familie ernähren könnten. Dann wäre auch die geforderte Kontinuität des Service und ein wachsender Erfahrungsschatz gewährleistet. Statt hier etwas zu ändern jedoch Jugendliche und junge Erwachsene zwangszuverpflichten, ist ganz sicher nicht der richtige Ansatz.
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