Almbussis
Dienstag, 27. Juni 2000
Meine Güte, heute morgen habe ich erst gehört, was da gestern in Hamburg passiert ist! Das macht mich noch wütender! Da muß wieder mal ein Kind sterben, nur weil diese Hundehalter sich selbst maßloß über- und ihre Hunde entsprechend unterschätzen! Dazu gibt es eigentlich schon gar nichts mehr zu sagen…
So langsam fange ich an, mir Sorgen um M. zu machen. Eigentlich wollten wir uns diesen Sommer noch treffen, aber seit 10 Tagen herrscht völlige Funkstille; er reagiert nicht mehr auf meine Mails oder Anrufe. Als das das letzte Mal passiert ist, lag er schließlich im Krankenhaus, und das nicht zum ersten Mal… Am liebsten würde ich hinfahren und nachsehen, aber es kann ja auch sein, daß er einfach nur für ein paar Tage spontan in den Urlaub gefahren ist. Bis Ende der Woche gebe ich ihm noch, dann rufe ich L. an und frage ihn, ob mit M. alles in Ordnung ist. Die Postkarte der beiden aus Südtirol war übrigens ein Brüller. “Alm-Bussis” von zwei Kühen! LOL!
Insgesamt stelle ich fest, daß es mir eigentlich rundherum gut geht. Gesundheit, nette Freunde, berufliche Chancen (noch mal 4 Tage warten… es macht mich wahnsinnig! *g*), und ich muß niemanden fragen, ob ich dies tun kann oder jenes lassen soll. Falls es mir in den Sinn kommen sollte, morgen nach Honolulu auszuwandern, könnte ich genau das tun. Wenn ich zu Mittag Buttercremetorte mit Senf essen wollte - auch gut, da redet mir keiner drein. Dagegen um mich herum Paare, die sich partout nicht einigen können, ob und wann man etwas getrennt unternehmen darf oder sollte. Wo beide kaum noch Zeit für sich selbst haben, weil der jeweilige Partner sich sonst gleich auf den Schlips getreten fühlt. Puhhh… So will ich bestimmt nicht leben, das fehlte mir noch!
Wirklich nervig ist momentan wirklich nur die Bahnfahrerei. Die DB ist inzwischen ein derart unzuverlässiger Haufen geworden, daß die 80 km pro Tag langsam zum reinsten Horror-Trip werden. Überfüllte, dreckige Waggons, es zieht und klappert an allen Ecken und Enden, Unpünktlichkeit, Fehlinformationen—die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Gestern zum Beispiel: Der Zug hat eine Viertelstunde Verspätung, angekündigt sind aber nur 5 Minuten. Wenn man eher gewußt hätte, daß es sich eigentlich um 15 Minuten handelte, hätte man noch vorher einen anderen Zug nehmen können. Aber nein! Die 15 Minuten Verspätung werden erst zugegeben, als der andere Zug gerade weg ist. Muß denn so etwas sein? Oder nehmen wir diese beknackte Ansage: “… Ihre nächste Reisemöglichkeit nach Duisburg erreichen Sie um soundsoviel Uhr soundso auf Gleis soundso...”. Nett! Sehr hilfreich! Wer aber noch über Duisburg hinaus weiterreisen muß, bekommt sinnigerweise keine Alternative genannt, dabei wäre das doch viel wichtiger! Nach Duisburg kommt man von Düsseldorf aus schließlich allemal irgendwie; nach Münster sieht das schon anders aus. Vielleicht sollte ich mir in absehbarer Zeit doch mal ein Auto zulegen—dann landet man zwar vielleicht im Stau, sitzt aber immerhin—und zwar nicht eingepfercht zwischen schweißverklebten anderen Menschen, sondern alleine und bequem, hat eine Klimaanlage und kann Musik hören. Irgendwie wirkt diese Alternative immer attraktiver auf mich…
Hm, irgendwie wirkt mir dieses Tagebuch zu düster; rein optisch, meine ich. Da muß ich doch was gegen unternehmen…
Hunde und ihre Besitzer. *grrr*
Montag, 26. Juni 2000
Wie kommen Hundebesitzer eigentlich immer auf die Idee, daß ihre vierbeinigen Lieblinge auch gleichzeitig die Lieblinge der restlichen Bevölkerung sein müßten? Heute kam schon wieder so ein dämliches Vieh auf mich zugesprungen und hat mir mit seinen dreckigen Pfoten die Kleidung verschmutzt—noch dazu aus einer Toreinfahrt raus; ich habe mich ja fast zu Tode erschrocken! Und was hat der blöde Hundehalter dazu zu sagen? Richtig, das übliche wohlwollend-herablassende “Keine Angst, der tut nix, der will nur spielen! (Und ob Du vor Schreck einen Herzinfarkt bekommst oder Deine Kleidung zerfetzt wird, ist mir sowieso egal.)”
Ja aber hallo! Bin ich ein Hundespielzeug??? Ob ich mit so einem Vieh balgen will oder nicht, entscheide immer noch ich, klar?
Bloß gut, daß ich schon auf dem Weg nach Hause war und nicht noch in den dreckigen Klamotten zur Arbeit mußte. Wäre nett, wenn die Hundebesitzer in diesem Land sich endlich mal merken könnten, daß sich nicht alles nur um ihre blöden Kläffer dreht! Bloß weil sie es mögen, wenn einem so ein Urvieh mit seinen Pranken den Brustkorb eindrückt und einem seinen widerlich stinkenden Atem ins Gesicht schnauft, muß das noch lange nicht das höchste der Gefühle für die Mitmenschen sein. Ist denn das so schwer zu verstehen? Stattdessen wird man auch noch angeblafft, wenn man dem Besitzer die Meinung geigt! Für wen oder was halten die sich eigentlich, daß sie einfach mit ihren Tieren nichtsahnende Passanten belästigen und dann auch noch erwarten, daß die das niedlich finden? Das ist eine Unverschämtheit sondergleichen und hat mit Tierliebe rein gar nichts zu tun! Aber wehe, wenn den selben Leuten ein kleines Kind mit Schokoladenfingern die Hose versaut, dann ist das Geschrei auch bei diesen sogenannten Tierfreunden groß!
PF gibt mir auch immer neue Rätsel auf. Erst schreibt er, daß er mehr Zeit für sich braucht und sich deshalb von allen zurückziehen will, meint aber, ich könnte ihm ruhig weiter E-Mails schicken. Tssst… Wie großzügig… Frei nach dem Motto “Wasch mir den Pelz, aber mach’ mich nicht naß”. Ja wozu soll ich Dir denn schreiben, wenn ich doch weiß, daß keine Antwort kommen wird? Bin ich meschugge? Da kann ich mich doch gleich mit der Wand unterhalten! Du bist mir schon ein komischer Vogel! Besten Dank, aber um Monologe zu halten, habe ich schließlich mein Tagebuch. *g*
In diesem Sinne: Schönen Abend noch! :o)
Blue Venetian Water
Sonntag, 25. Juni 2000
Der zweite Heiratsantrag meines Lebens - na wenn das kein besonderes Ereignis ist… *g* Gestern fragte ich noch nach dem Lied “Blue Venetian Water” von Harpo Marx, heute ist der Besitzer des MP3 wieder online und ich stürze mich natürlich wie ein Geier auf das Lied, um es herunterzuladen. Naja, das dauert bei 3,5 MB natürlich seine Zeit, also frage ich den guten Menschen—ein gewisser James—ob sich das eventuell etwas beschleunigen läßt, bevor meine Internet-Verbindung mal wieder zusammenbricht. Daraus erwächst ein Chat, an dessen Ende ein Heiratsantrag steht. Hihi… *an die Stirn tipp* Vor einer Woche habe ich mich noch beschwert, daß niemand die Frau in mir wahrnimmt, und nun das. Wie war das doch gleich? “Sei vorsichtig mit Deinen Wünschen, sie könnten in Erfüllung gehen.” *lachweg*
Ansonsten habe ich heute nichts weiter erlebt, nur ein paar Mails geschrieben, gefuttert, was das Zeug hielt, telefoniert und bin mal wieder Eis essen gegangen. Natürlich hat’s mir in die Waffel geregnet, war ja klar. Aber es war (und ist noch) ein schöner Tag! :o)
Musik
Samstag, 24. Juni 2000
Ein klasse fauler Tag liegt fast hinter mir, wenn man mal vom Einkaufen absieht. Daran werde ich wohl nie Spaß haben, aber verhungern ist auf jeden Fall doch noch schlimmer… *g*
Mishales Tip, mal bei Napster nachzusehen, war auch Gold wert. Danke schön! Innerhalb von nur wenigen Tagen habe ich fast all meine alten Vinyl-Platten in MP3-Form wiedergefunden. Falls mir jetzt noch jemand sagen kann, wo ich “Blue Venetian Water” und “Stardust” von Harpo Marx finde, dann bin ich glücklich. :o) Die Files konnte ich nicht runterladen, weil der jeweilige Besitzer sich jedesmal mittendrin ausgeloggt hat. Seitdem sind die beiden nicht mehr aufgetaucht. Und tschüß...
Eines meiner Lieblingslieder ist schon seit Jahren “Le Mistral gagnant” (2,6 MB) von Renaud, einem französischen Sänger. Es handelt von einem Spaziergang im Regen, einer erwachenden Liebe, Erinnerungen, Spaß, Gesprächen bei Sonnenuntergang, der Freude am Leben, Wehmut und vom Mistral. Einfach nur Renaud mit Klavierbegleitung, wunderschön.
Viele dieser Lieder habe ich schon seit Jahren nicht mehr gehört, weil ich keinen Plattenspieler der alten Art mehr habe und die CD’s entweder nicht gefunden oder einfach noch nicht danach gesucht habe. Trotzdem: Als ich die MP3’s diese Woche wieder hörte, war ich augenblicklich wieder an die Orte und in die Zeit zurückversetzt, in der ich die Songs am häufigsten gehört habe. The Carpenters’ “Top of the World”—meine Grundschulzeit. Duran Durans “Wild Boys”—ein Tanzstundensong. Evelyn Thomas’ “High Energy”—Klassenfahrt, die Disco auf dem Boot auf der Spree. Martinelli, “Cenerentola, Cinderella’s Night”—Skifahren in Pfelders. Lucio Dalla, “Il Gigante E La Bambina”—Rom, Ferien bei Annamaria. Folk Friends, “Planxty Irwin”—der verregnete Sommer in Irland. Bee Gees’ “You Win Again”—Abiturvorbereitung… Wer braucht da noch eine Zeitmaschine? Und wie kommt es, daß diese Lieder ihren “Aufdruck” nicht verlieren? Daß ich mich auch nach weiteren 15 Jahren noch an genau diese Plätze und Zeiten erinnern werde, wenn ich die Lieder dazu höre, und nicht an einen Samstagnachmittag im Juni 2000, als ich sie das erste Mal wieder gehört habe? Wie kommt es, daß das Gehirn und vielleicht auch das Herz dort ausnahmsweise nicht mit einer Schultafel vergleichbar sind, die man gegebenenfalls abwischen und neu beschreiben kann, sondern eher mit gebranntem Ton, in dem Ereignisse vor dem Brennen ihre ganz besonderen, unabänderlichen Abdrücke hinterlassen haben? Was ist es, das Musik die Macht gibt, Erinnerungen so sehr einzubrennen, so lange festzuhalten, während man Wichtigeres inzwischen längst schon wieder vergessen hat? Geht das allen Menschen so, oder nur einigen?
Teddybären
Freitag, 23. Juni 2000
Jaja, OK, ich hab’s schon wieder getan, ich geb’s ja zu. Aber was kann ich dafür, daß ich ein Morgenmuffel bin und die Nivea-Tube nun mal fast genauso aussieht wie die Zahnpastatube? Jedenfalls von hinten und wenn ich meine Brille noch nicht aufhabe. Aber ab morgen steht eine der beiden Tuben woanders im Bad, das schwöre ich, so wahr mein Spitzname Calamity Jane lautet!
Übrigens bin ich schon so oft gefragt worden, wie der Spitzname denn zustande kam, daß ich’s wohl endlich mal aufschreiben muß. Der nächste, der fragt, bekommt dann einfach nur noch die URL dieser Seite hier genannt.
Also, angefangen hat das Ganze 1992 an der Uni in Rennes. Das Jahr war irgendwie verhext! Ich hatte vorher zwei Jahre Grundstudium in Kingston absolviert und war dann von dort zu einem Pflicht-Austauschjahr nach Frankreich gegangen. Im Gegensatz zu Kingston war die Uni Rennes in einem ziemlich alten Gebäude untergebracht, mit dicken Wänden, Säulen, Parkett und Holztüren, von denen die Hälfte klemmte. Unter anderem leider auch die, die zu einer der Damentoilette-Kabinen im Erdgeschoss führte. Eines Abends fand nun für alle frisch eingetroffenen ERASMUS-Studenten eine Begrüßungsparty mit unseren französischen Profs statt, in deren Verlauf ich auch einmal einem natürlichen Bedürfnis nachkommen mußte. Da wir aber schon eine Woche Vorlesungen hinter uns hatten, wußte ich bereits um die klemmende Tür und war eigentlich darauf eingestellt, daß diese sich nicht immer ohne weiteres öffnen ließ. So auch diesmal, also drückte ich zunächst etwas kräftiger dagegen, und als das nichts half, benutzte ich meine Schulter und Hüfte unwillig schimpfend derart schwungvoll als Rammbock, daß die Elastizität des Holzes arg strapaziert und die gesamte Fakultät in ihren Grundfesten erschüttert wurde. Obwohl ich aber schon fast einen Abdruck meiner selbst in der Tür hinterlassen hatte, ließ sich selbige zu meiner grenzenlosen Verblüffung immer noch nicht öffnen. Tja, ein schüchternes “Un moment, s’il vous plaît...”, das aus dem Inneren der verschlossenen Kabine ertönte, machte mir dann auch sogleich klar, wieso… Also rief ich irgendeine Entschuldigung, von der ich hoffte, daß sie einigermaßen französisch klang, ergriff die Flucht und begann, in weitem Abstand zum Tatort unschuldig pfeifend im Säulengang auf und ab zu spazieren. Allerdings mußte ich so sehr lachen, daß ich dennoch meiner Freundin von meinem Mißgeschick erzählte. Als sich dann noch die Tür zu den Damentoiletten öffnete und eine unserer französischen Professorinnen verschreckt um sich blickend herauskam, gab’s für uns kein Halten mehr!
Wenige Wochen später: Calypso hat vom Vortag noch etwas Linseneintopf übrig und will diesen nun in der Mikrowelle im Studentenwohnheim aufwärmen. Eintopf aus dem Kühlschrank, Wasser drauf, kurz umrühren, rein in den Apparat und eingeschaltet. Dann geht’s ans Tischdecken. Jenes findet allerdings ein jähes Ende, als ein Donnerschlag aus der Mikrowelle die friedliche Stimmung in der Küche ganz erheblich beeinträchtigt. Offensichtlich hatte Klein-Calypso nicht gut genug umgerührt, so daß im Eintopf eine Wasser- oder Luftblase entstanden war, die sich nun - den physikalischen Gesetzen treu - unter Energiezufuhr um einiges schneller ausdehnte als der sie umgebende Eintopf. Das Resultat war eine Explosion mittleren Ausmaßes, schallendes Gelächter unter den französischen Kommilitoninnen und der Ausfall des Mittagessens für Calypso. Die mußte nämlich erst einmal eine halbe Stunde lang die Mikrowelle reinigen. Und von den Linsen war ohnehin nicht mehr viel da.
Noch ein paar Wochen später brachte ich den Hausmeister des besagten Studentenwohnheims schwer ins Grübeln. War doch eines Morgens eine der Toilettentüren von innen verschlossen, die Kabine selbst jedoch leer… Nun ja, da mir durch das verrostete Schloß der übliche Fluchtweg mitten in der Nacht plötzlich versperrt worden war, mußte ich leider auf die Türklinke steigen und durch den 50-cm-Schlitz zwischen Türkante und Decke klettern, und zwar im bodenlangen Nachthemd. Da wußte ich dann, wie sich ein Brief anfühlt, den man durch einen zu engen Briefschlitz würgt.
Naaaaaaaaain, das ist noch lange nicht alles! Im selben Semester waren eine Freundin und ich während der Osterferien alleine in unserem jeweiligen Wohnheim geblieben, da sich eine Nachhausefahrt wegen der bevorstehenden Examen nicht gelohnt hätte. (Über französische Muttersöhnchen-Studenten, die für jedes Butterbrot nach Hause fahren, damit Mami es ihnen schmieren kann, lasse ich mich hier lieber nicht aus...) Eines Abends war uns dann nach etwas mehr Abwechslung zumute und wir verabredeten uns zu einem Kinobesuch. Da wir noch nicht zu Abend gegessen hatten, beschlossen wir voher kurz einkaufen zu gehen und bei mir im Wohnheim noch schnell eine kleine Mahlzeit zuzubereiten. Nun ja, sei es, weil wir die uns noch verbleibende Zeit überschätzt hatten, sei es, weil wir einfach zu faul waren—wir entschieden uns beim “Stoc” für zwei Dosen Ravioli und trabten wieder nach Hause. Dortselbst angekommen mußte ich aber leider feststellen, daß ich eine wichtige Tatsache übersehen hatte: Ich besaß nämlich gar keinen Dosenöffner! Und weit und breit war kein Mensch im Wohnheim, der uns hätte aushelfen können. Da Not jedoch bekanntlich erfinderisch macht, haben wir uns mit meiner Schere beholfen. Die war anschließend allerdings im Eimer—und unsere Zeitersparnis auch.
Muß ich jetzt eigentlich noch die Flasche Lambrusco erwähnen, die die selbe Freundin und ich uns drei Jahre später (da wohnte ich seit einem Jahr schon wieder in Deutschland, in meiner ersten eigenen Wohnung) abends zu unserer Lieferservice-Pizza bestellt haben und die wir ebenfalls nicht öffnen konnten, weil ich keinen Korkenzieher besaß—und auch das vergessen hatte? Gottseidank habe ich aber jede Menge netter Nachbarn… *g*
Oder den roten Notizzettel, den ich vor dem Waschen in der Hosentasche meiner weißen Jeans vergaß?
Oder die Lampe, die ich bei dem Versuch die Glühbirne zu wechseln, von der Decke abriß?
Oder die Hautcremetube, die eben leider immer noch aussieht wie meine Zahnpasta, jedenfalls von hinten, wenn ich keine Brille trage?
Ihr glaubt, Stan & Ollie waren Chaoten? You ain’t seen nothing yet! ;o)
Und dann war da noch… Eine interessante Unterhaltung via ICQ gestern abend, die mich ein wenig zum Nachdenken brachte. Soll ich’s tatsächlich wagen, mit A. das Teddybärenbuch zu machen? A. die Story, ich die Illustrationen? Immerhin ist A. meine beste Freundin… Ja, stimmt, ich zeichne gerne [ Bsp. 1 ] [ Bsp. 2 ] [ Bsp. 3 ] [ Bsp. 4 ], aber ich mag es eigentlich nicht, wenn dieses Hobby zur Verpflichtung wird, wenn mir Termine im Nacken sitzen, die Sache zu verbissen wird, um jeden Preis auf der Stelle, am besten schon gestern, auf jeden Fall aber ohne Pause in einem Affentempo durchgezogen werden soll. So war’s damals bei dem Video, das wir gemeinsam gemacht haben. Nie wieder, und beim Zeichnen erst recht nicht! Da gibt es nun mal Tage, an denen nichts gelingt und an denen ich den Bleistift am besten gleich wieder weglege. Das Buch an sich würde ich schon gerne illustrieren, aber wie mache ich es A. klar, daß ich es nicht ausstehen kann, selbst beim Abendessen noch gehetzt zu werden, so wie damals? Ich habe schon versucht, mit ihr darüber zu reden, aber ihr Argument ist, daß man “konsequent” sein muß. Konsequent oder verbissen??? Und wer hat denn gesagt, daß ich irgendwann mittendrin abbrechen und aufgeben würde? Ich will nur mehr Zeit haben. Es ist so schade, daß ein schönes Projekt nur deshalb nicht realisiert wird, weil wir uns in einem derart schwachsinnigen Punkt wie dem Arbeitstempo nicht einigen können. Aber ich weiß genau, wenn ich jetzt zusage, sitzt sie mir jeden Tag im Nacken und fragt nach, wie weit ich denn schon gekommen bin, drängelt mich, hetzt mich. Dann bekomme ich erst recht nichts Gescheites mehr auf die Reihe. Mit Wut und Frust im Bauch zeichnet es sich nicht sehr gut, es wäre nur noch lästig und die Freundschaft könnte eventuell auch einen Knacks bekommen.
Vermutlich ist die eigentliche Frage: Wo hört Kompromißbereitschaft auf, und wo fängt das Gehetztwerden an? Ich möchte nicht zu einem Menschen werden, der nur noch für und mit sich selbst arbeiten kann. Es macht Spaß, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen, wie die Zeichnungen für den Charity-Kalender, an dem ich mich dieses Jahr ja nun schon zum dritten Mal beteilige—aber bei den Teddybären bin ich wirklich ratlos…
Eierschalensollbruchstellenverursacher
Mittwoch, 21. Juni 2000
Schon wieder ein Feiertag in Sicht! :o) So langsam fange ich schon an, mich daran zu gewöhnen, daß die Arbeitswoche nur noch 4 Tage hat… Ich weiß es zu schätzen, denn momentan verliere ich so viel Zeit durch die Deutsche Bahn und ihre Kapriolen, daß ein freier Tag ab und an ganz gut ist. Gestern haben sie zum Beispiel schon wieder die Strecke Düsseldorf-Essen gesperrt und uns alle über Ratingen nach Essen Stadtwald geschickt. Fast eine Stunde ging dabei drauf. Es nervt langsam wirklich!
Übrigens bin ich heute als Ministerin zur obersten Verwahrung des Eierschalensollbruchstellenverursachers der (Sinn)freien Bananenrepublik Bananaworld vereidigt worden. Politisches Engagement ist schließlich wichtig, in der heutigen Zeit, gell!? Und dort fahren die Ba(na)hnen wenigstens pünktlich! *g*
Nach ewigen Zeiten habe ich heute auch mal wieder von DRHS gehört, und ich muß sagen: Alle Achtung! Im Gegensatz zu mir ist sie immer noch “Star Trek Voyager"-Fan par excellence, aber wer jetzt meint, das seien ja alles nur durchgedrehte Phantasten, die in nachgemachten Uniformen herumrennen und sich für Captain Kirk oder Janeway halten, der hat sich geirrt. DRHS und ihre Freundin haben sich in den letzten paar Wochen hingesetzt und ein umwerfend schönes “Voyager-Quilt” genäht und bestickt, das im Oktober bei einer Benefizveranstaltung für Kinder mit Down’s Syndrom verlost werden soll. Heute kam die Mail mit den Fotos und weiteren Informationen—ich war ganz hin und weg! Wer dieses wunderschöne Kunstwerk haben möchte, kann sich gerne die genaue Beschreibung oder die Verlosungs-Seite ansehen. Schirmherr der Veranstaltung wird Robert Beltran sein (er spielt bei “Voyager” den Ersten Offizier), Lose kann jeder kaufen, und die angegebene Adresse ist die von meiner Web-Freundin DRHS in Texas, die bestimmt keine krummen Touren dreht.
Stur und verbissen wie ich bin *g*, beschäftigt mich natürlich auch immer noch die Frage nach dem Woher, Wohin, Warum und Wie, die ich am 14. Juni schon angesprochen hatte. Inzwischen hat sich draus ein kleiner Dialog mit einem anderen Onliner entwickelt, in dessen Verlauf auch einmal der Begriff “unausrottbare Übel” fiel bzw. die menschliche Gattung zeitweilig als “hoffnungsloser Fehlweg” betrachtet wurde. Ich weiß ja nicht… So ein “Hach, was sind wir Menschen doch erbärmlich schlecht” trägt doch meist viel in sich von einem selbstherrlichen “Aber ich weiß wenigstens, wie schlecht wir alle sind, und deshalb bin ich selbst schon wieder viel besser, viel weitsichtiger, viel demütiger als alle anderen!” Ein wenig wie der arme Sünder, der nur deswegen bereut, weil er um sein privates Wölkchen im Himmelreich bangt—und es genau deshalb erst recht nicht bekommt. War diese Art der berechnenden Selbstverteufelung eigentlich schon immer in Mode? Warum so pauschal?
Tja, soviel dazu. Man soll ja bekanntlich niemals “nie” sagen. Vermutlich gilt das selbe auch für die Worte “unausrottbare Übel”. Für unausrottbar hat man noch vor 200 Jahren auch die Pocken gehalten… Und so schlecht sind wir Menschen gar nicht, finde ich. Dafür wird auf diesem Planeten zu viel gesungen und gelacht. :o)
Übrigens gibt es morgen keinen Tagebucheintrag, da ich Besuch bekomme - meine Eltern holen ihre Blumen wieder bei mir ab, die wundersamerweise meine Pflege vier Wochen lang überlebt haben! Auch da wird wieder jede Menge gelacht werden. *g* Also: Schönen Feiertag allesamt & bis Freitag!
Sterngucker
Dienstag, 20. Juni 2000
War ja klar! Da schlage ich mir gestern die halbe Nacht um die Ohren, um endlich mal wieder mein frisch geputztes Teleskop zum Sternegucken zu benutzen, und was ist? Es ziehen Wolken auf! Hat sich ja mal wieder wirklich gelohnt… Irgendwann mache ich ihn doch noch, den Trip nach Namibia zur privaten Sternwarte.
Die Reaktionen der Tagebuchmafia auf meinen Eintrag von gestern fand ich sooo lieb! Danke Euch!
‘Mr. Right’ ist wohl offenbar so eine Art Ungeheuer von Loch Ness. Viele wollen es schon gesehen haben, aber keiner bekommt das Vieh je vor die Flinte.
Auf ein weiteres interessantes Diary bin ich übrigens vorhin gestoßen—es scheint in keinem Ring zu sein: So weit das Auge reicht. Ich teile zwar nicht unbedingt Alex’ Meinungen, aber sein Stil hat was. Außerdem beeindruckt mich seine Offenheit. (Und Katzen mag er auch!)
Seit ich begonnen habe, mein Tagebuch online zu führen, frage ich mich natürlich auch, ob ich hier wirklich weiterhin alles aufschreiben soll und kann, was mir so durch den Kopf geht. Schließlich könnte es ja sein, daß mal Freunde, Verwandte oder Bekannte über diese Site stolpern. Allerdings komme ich mehr und mehr zu dem Schluß, daß das keinen allzugroßen Unterschied machen würde. Für meinen Mangel an Diplomatie bin ich schon lange verschrieen, und wenn ich mich über jemanden ärgere oder freue, sage ich es ihm früher oder später ohnehin ins Gesicht. Wie bei Großtante Elfrieda, die mir an meinem Geburtstag fünf Mark schenken wollte. “Von Dir nehme ich kein Geld; Dich kann ich nicht leiden,” beschied ich sie. Das war 1974, und seitdem hatte meine Umgebung immer wieder allen Grund, meine Eignung für eine Laufbahn im diplomatischen Corps der Bundesrepublik Deutschland in frage zu stellen. Auch heute würde ich es nicht ausschließen meinem Gegenüber diese oder eine ähnliche Antwort vor den Latz zu knallen, wenn die Umstände es erfordern. *g* Also: Wer sich oder mich hier wiedererkennt, im Bösen oder im Guten, hat Glück gehabt—weil er nämlich dann schon weiß, was ich ihm ohnehin bei passender Gelegenheit noch gesagt hätte. Und wer sich mein Gesabbel nicht länger zumuten möchte, findet im Wellenbrecher sicherlich genügend Tagebücher, die seinen Geschmack eher treffen. Wer aber mal was ganz anderes lesen möchte, kann sich ja zur Abwechslung ein paar gute Argumente für Faulheit zu Gemüte führen. Passend zum Sommerwetter. ;o)
In diesem Sinne: Viel Spaß weiterhin!
Dufte!
Montag, 19. Juni 2000
Also, was manche Webmaster sich denken, wenn sie Tausende von Pop-Ups und Alerts programmieren, ist für mich beim besten Willen nicht nachvollziehbar. Da sucht man ganz harmlos nach ein paar MP3’s und plötzlich läuft der Browser Amok! Eigentlich hatte ich nur ganz harmlos auf http://www.village21.com/top_100/ geklickt (nö, da mache ich jetzt keinen Link draus, sonst werde ich noch dafür zur Verantwortung gezogen, wenn Eure Compis ausflippen. Benutzung der URL geschieht auf eigene Gefahr! *g*), dort den erstbesten Link ausgewählt, und schon öffneten sich Fenster über Fenster! Sobald man eins davon schloß, erschienen stattdessen buchstäblich drei neue. Offensichtlich Sites, die ihre Besucher ums Verrecken nicht mehr aus den Klauen lassen wollen. Wie armselig! Ernsthaft: Mir ist zweimal der Browser abgestürzt bei dem Versuch, der Fenster-Plage Herrin zu werden; ich kam mir vor wie Don Quixote beim Kampf gegen die Windmühlenflügel. Ach wenn ich doch nur ein Hacker wäre—der Webmaster jenes JavaScript-Molochs hätte dann eine soooo schöne Überraschung erlebt! Aber vielleicht hat ja von Euch eine(r) Lust...? fg*
Ansonsten habe ich heute nach Feierabend einfach nur die Hitze genossen. Es ist schon komisch, aber je heißer es draußen wird, desto wohler fühle ich mich. Vielleicht sollte ich aber doch ein bißchen besser aufpassen, was ich tagsüber esse. Bloß: Ich habe mal wieder keinen Hunger, wie immer, wenn es so warm ist. Ein Croissant, eine Schlangengurke und zwei Joghurt mit Marmelade sind jedenfalls wirklich nicht genug für einen Tag. Ich wieg’ ja eh’ schon zu wenig; da muß ich wohl vor dem Schlafengehen heute noch irgendetwas Gehaltvolles hinterherschieben.
Heute habe ich auf dem Nachhauseweg mal darauf geachtet, welche Gerüche mir so alles begegnen in der Viertelstunde Fußweg vom Büro zum Bahnhof. In der Wärme werden die ja viel intensiver. Was gab’s da aber auch nicht alles: Staub, Teer, gemähtes Gras, Bücher (aus einem Buchladen), Essensdüfte, und vor allem immer wieder Menschen. Also, ob es so klug ist, bei diesem Wetter so viel Duftwässerchen zu nehmen, weiß ich ja nicht… Manche Leute miefen ja derart penetrant nach dem Zeug, daß man meinen könnte, sie seien in den Kessel mit der Jahresproduktion ihres Lieblingsparfums gefallen, und im Sommer wirkt das nur noch mehr. Ich weiß wirklich nicht, was schlimmer ist—das, oder diejenigen, die nach Schweiß und kaltem Tabakrauch stinken.
In den kühleren Ecken riecht es immer frischer als in der Wärme. Fast als ob es geregnet hätte, und sogar mitten in der Stadt. An einer Stelle wehte mir sogar der Duft nach etwas feuchtem Holz entgegen. Erst konnte ich mir das gar nicht erklären, aber als ich um zwei Ecken gebogen war, sah ich, daß die Blumen- und Baumrabatten vor dem Hauptbahnhof mit Mulch bestreut worden waren. Daher wehte also der Wind—im wahrsten Sinne des Wortes. :o)
Trotzdem. Ich grüble immer noch. Und ich versuche die Grenze zu finden zwischen “in sich hineinhorchen” und “sich in etwas hineinsteigern”. Ist alles nicht so einfach. Aber die Traurigkeit ist geblieben, egal, an was ich denke oder was ich mache. Vor kurzem hatten wir es im Bekanntenkreis noch davon, wie alt jeder von uns werden will. Dabei ging es eigentlich um den körperlichen und geistigen Verfall. Aber wenn ich ehrlich bin, möchte ich vor allem eins: Mindestens alt genug werden, um noch zu erfahren, wie sich echte Zärtlichkeit anfühlt. Wie es ist, von dem Menschen zurückgeliebt zu werden, den man selbst auch liebt. Ob die Zeit dafür wohl reicht?
Freßfest
Sonntag, 18. Juni 2000
Gestern hatte ich ganz vergessen, daß dies der 12. Jahrestag meines Abiturs war—ist das wirklich schon so lange her? Kein Wunder, daß die Kanten des Abizeugnisses etwas angegilbt waren, als ich sie vor ein paar Wochen kopiert und beglaubigen lassen habe. Ich bin ja mal gespannt, wann ich endlich von der Fernuni höre, ob ich angenommen bin oder nicht.
Ansonsten habe ich mir heute mal wieder erlaubt, von niemandem zu hören. Wenn das Telefon klingelt, gehe ich einfach nicht dran, und es hat oft geklingelt. *g* Ich bin schon ganz schadenfroh, weil die alle umsonst angerufen haben und ich da saß und mir dachte: “Ätsch, ich hör aber lieber Musik!” Hehe… Von mir aus kann’s bimmeln bis die Drähte glühen - ich lass mir nicht vorschreiben, wann ich eine Unterhaltung anfange. Wer was Wichtiges will, ruft auch nochmal an, oder schickt eine E-Mail, ICQ-Nachricht (13952191, für die, die’s interessiert) oder eine SMS.
Tja, liebe Melody, trotz der ganzen Freizeit bin ich leider immer noch nicht dazu gekommen, den Mexikaner auszuprobieren, den Du mir empfohlen hast. In der Innenstadt war über das Wochenende so eine Art Freß-Fest angesagt, also bin ich mit meinen Freundinnen dort gelandet. Naja, der Mexikaner läuft ja nicht weg. ;o) Gut geschmeckt hat’s trotzdem. Heute Mittag beim Griechen, anschließend Eis, dann noch Schokolade… Fehlt was? Ich glaube nicht. *g*
Sonst gibt es nach diesem Gammel-Tag nichts zu berichten, wenn man vielleicht mal von gewissen Online-Spielen absieht. Wer weiß, vielleicht verirren sich diese ominösen Redakteure ja noch mal auf die Site. Zu gönnen wär’s ihnen. War aber auch wirklich zu dämlich, was sie da über Ilonas Homepage geschrieben haben. Genaugenommen schreiben die wohl über keine Site etwas Positives, und es gibt nur wenige Dinge, die Dummheit deutlicher zutage fördern als ständiges Genörgel, das mit Kritikfähigkeit verwechselt wird. Bah! Das Beste war aber, daß sie sich öber das Englisch auf dieser einen Autohändler-Site lustig gemacht haben und bei Ilona das Apostroph zwischen Sister und s vergaßen. Oder vermutlich auch gar nicht wußten, daß da eins hingehört. Wie war das doch gleich mit dem Glashaus und den Steinen? *g*
In diesem Sinne: Schönen Abend und eine gute Woche!
Ein schöner Zug?
Freitag, 16. Juni 2000
Die Susi hat heute Geburtstag, rabimmel, rabammel, rabumm! Ach nee, falsche Melodie… Macht nix, trotzdem Herzlichen Glückwunsch! :o)
Die Woche hier war mal wieder viel zu schnell vorbei. Ich glaube, ich sollte zumindest aufhören mittwochs mit den Schreckensteinern zu chatten, es raubt einfach zu viel Zeit, in der man anderes tun könnte. Andererseits, der Freitags-Chat ist auch nicht gerade ideal. Wer will schon ständig den Freitagabend vor dem Compi verbringen? Da gehe ich doch lieber mit den anderen aus oder schwimmen. Oder lese bis tief in die Nacht. Ein Bügel-Abend ist auch mal wieder fällig… Naja, es wird sich schon irgendwie finden.
Ich hatte ja schon erwähnt, daß ich mir Melodys / Carola Heines Kurzgeschichten am letzten Freitag schon vorgeknöpft habe. Muß ich wohl irres Glück gehabt haben, denn einen Tag später waren viele davon plötzlich von der alten Site verschwunden, um anschließend auf der obigen Homepage wieder aufzutauchen, allerdings nicht mehr komplett… Es gibt die Stories also demnächst auch als Buch zu bestellen, und da ich sie schon kenne (ätsch! *ggg*) kann ich nur sagen: Kaufen, Kaufen, Kaufen! Tolle Storylines, super geschrieben, zum Schmunzeln, Nachdenken, Lachen—und eine hat mich sogar zum Weinen gebracht. Das will was heißen.
Der Schwachsinn bei der Deutschen Bahn heute hat meine Laune übrigens auch nicht gerade gehoben. Erst fährt der Zug schon mit 5 Minuten Verspätung in Düsseldorf ein, dann kommt die Durchsage, daß er zu 200 % (!) überfüllt sei und daher nicht weiterfahren dürfe. Reisende, die nur bis Duisburg fuhren, sollten alle aussteigen und einen anderen Zug nehmen. Hat natürlich erst mal keiner gemacht; ist ja auch klar: Solange keine Alternativen benannt werden, geht keiner freiwillig und riskiert, daß der nächste Zug eventuell noch mehr Verspätung hat, oder gar ganz ausfällt. Bei der chaotischen Organisation muß man nehmen, was man kriegen kann. Zu allem Überfluß waren dann auch noch mindestens 2 Schulklassen unter den Mitreisenden. Wie man als Lehrer so doof sein kann und mitten im Berufsverkehr 60+ Schüler in einen Pendlerzug voller Berufstätiger setzt, ist mir ein Rätsel. Jedenfalls fuhr der Zug dann nach einer halben Stunde erst weiter. Zum Glück ist heute Freitag!
Nun ja. Genug um mich selbst gekreist—mal sehen, was die Tagebuch-Mafia so alles zu berichten hat. Und außerdem zeige ich Euch ab heute im unteren Frame mein “Spielzeug”: Schloß Rülpshorst, die Site, auf der ich mich mit HTML, JavaScript und CGI austobe. Viel Spaß! :o)
Auf den zweiten Blick…
Dienstag, 13. Juni 2000
Hmmmm… Da habe ich gestern erst seitenweise Groll vom Stapel gelassen und lang und breit über Blinde erzählt, bevor ich endlich feststellte, daß ich ja selber auch irgendwie blind bin, und zwar seit ich im Internet surfe. Neinneinnein, ich spreche hier nicht von den Auswirkungen mancher Homepages auf meine Augen, so à la knallrote Schrift auf quietschgrünem Hintergrund mit lila Tupfen. Für sowas habe ich eine Sonnenbrille mit extra UV-Schutz! *g* Was ich meine ist die Tatsache, daß ich bei neuen Kontakten im Net oft keine blasse Ahnung habe, wie der- oder diejenige eigentlich aussieht, mit dem ich mich da unterhalte. Nicht alle, die mir schreiben oder denen ich schreibe, haben eine Homepage. Und nicht auf allen Homepages sind persönliche Photos vorhanden. (Come to think of it, auf dieser hier ja auch nicht, gell, Martin? :o) Jedenfalls nicht bis… weiter unten! *g*) Im Prinzip geht es mir also in solchen Fällen nicht anders als einem Blinden, der neue Kontakte schließt, nur, daß ich meinen Gesprächspartner irgendwann später doch einmal persönlich treffen oder mit ihm Fotos austauschen könnte. Wenn man sich besser kennt. Woraus folgt - und das kann ich aus Erfahrung nur bestätigen - daß man eine Person nicht unbedingt gesehen haben muß, um sie zu kennen. Noch nicht einmal, um sie gut zu kennen. Und man wird nicht von Äußerlichkeiten beeinflußt, weder im Guten noch im Schlechten. Wer sich im Net verliebt (huhu, Ilona!), verliebt sich in das Innere eines Menschen, nicht in ein Gesicht oder einen sexy Körper. Andererseits kann der Gesprächspartner einen wunderbar belügen, ohne daß man zunächst den Wahrheitsgehalt überprüfen könnte. Wirkt also das Internet vorschnellen Urteilen / Vorurteilen entgegen? Oder fördert es Lug und Betrug? Wer dazu eine Meinung hat: Bitte immer her damit - es interessiert mich wirklich!
A propos: Wie ich denn selbst aussehe, bin ich inzwischen schon zweimal gaaaanz vorsichtig gefragt worden. *g* Also schön, ich will’s Euch verraten, aber auf Eure Verantwortung! Das Bild ist ein bißchen überbelichtet, aber es gibt leider kein besseres aktuelles Photo von mir, da ich mir meist panikartig einen Pappkarton über den Kopf stülpe, sobald sich mir jemand mit einer Kamera nähert. Hier hatte meine Bekannte Ulrike mich aber nun leider doch erwischt. ;o) (Daß der Hintergrund zu dieser Site paßt, ist übrigens Zufall.) Und um die nächste Frage gleich vorweg zu nehmen: Ich bin 1969 geboren und deutsche Meisterin im Kibotu! Wehe also, mir schickt jetzt einer eine Mail und fragt, in welchen Kindergarten ich gehe! Ist schon nervig genug, im Supermarkt den Ausweis zeigen zu müssen, wenn man mal Alkoholika für eine Party kauft.
Ansonsten beschäftigen mich zur Zeit noch zwei Einträge aus Claudia Klingers Tagebuch. In ihrem Eintrag vom 8. Juni ‘00 schreibt sie unter anderem:
“Mit “intellektuell” meine ich nicht einen gehobenen Bildungsstand oder gar akademische Würden, sondern die Grundprägung, mit der lange schon die Menschen entwickelter Industriestaaten von klein an konditioniert werden: Ursachen und Wirkungen in Beziehung setzen, immer auf Sinn und Zweck schauen, alle Dinge und Handlungen analysieren und begründen - und dies alles in “schlüssigen” Texten und Reden ausdrücken. Weck’ mich mitten in der Nacht und frag mich: Warum rauchst du
eigentlich noch immer? Schlaftrunken blinzelnd werde ich eine Rede vom Stapel lassen, die dieses verrückte Verhalten vollständig erklärt, ja - bei aller Schädlichkeit - als das einzig Richtige in meiner Situation erscheinen läßt.
Was ist damit erreicht? Natürlich ist ein solcher “denkender Mind” erforderlich, um in einer technischen Zivilisation steuernd mitzuwirken. Er ist entstanden, um das AUSSEN in den Griff zu bekommen, beginnend mit dem urzeitlichen Jagen & Sammeln bis hin zum Programmieren. Dass die Welt heute nicht weniger katastrophal ist als dereinst, will ich mal beiseite lassen. (Vermutlich bleibt die Summe des Elends immer gleich, lediglich die Erscheinungsweisen ändern sich). Mich interessieren mehr die innerpsychischen Folgen, denn mit ihnen muß ich mich dauernd herumschlagen.
Einen Zusammenhang “verstehen” scheint die Macht mit sich zu bringen, die Dinge auch zu verändern, sie zu beherrschen. In den meisten alltäglichen Angelegenheiten erleben wir das so, doch wissen wir nicht, wieviel davon uns nur so erscheint, gerade WEIL wir gewohnt sind, so zu denken. Ein Problem, an dem sich Philosophen gerne abarbeiten, mich bewegt etwas anderes: Ohne es je bewußt so beschlossen zu haben, denken wir auch über uns selber so: alles, was ich tue, muss einen Grund haben - und nicht nur irgend einen, sondern einen GUTEN. Sämtliche Handlungen und sogar die Wünsche müssen in ein vertretbares persönliches Wertesystem passen - tun sie das beim besten Willen nicht, dann müssen äußere Bedingungen daran schuld sein, für die ich nichts kann. Ja, ich bin geradezu verpflichtet, gegen diese Bedingungen anzutreten, bzw. zu begründen, warum mir
das gerade nicht möglich ist.
Dies ist, kurz gesagt, der NORMALE GLAUBE, in dem wir alle aufwachsen. Er nennt sich auch “vernünftig sein” oder “erwachsen werden” und wenn wir in diesem Sinne “fertig” sind, stecken wir in einer vollkommenen Zwangsjacke. Besonders schwer betroffen sind diejenigen mit einem natürlichen Sprachtalent: Je besser und schneller Sinn & Zweck, Ursache & Grund brilliant formuliert werden können, umso dichter und undurchlässiger gerät die Mauer, die dieses Denken gegen das “aussen” und den Anderen errichtet. Und auch der Weg nach INNEN, zu dem, was ich bin, ist versperrt.
Warum? Weil ein denkender Mensch nach außen und innen stets die Illusion der Rationalität aufrecht erhalten muß. Eigene Impulse müssen in die aktuellen Zielvorstellungen und Wertesysteme eingepaßt werden - oder Ziele & Werte sind eiligst anzupassen, wobei die Anpassung natürlich sinnvoll begründet werden muß. Von außen dringt kaum etwas herein, bzw. alles wird nur daraufhin betrachtet, ob es dieses anstrengende innere Management in Gefahr bringt. Geradezu automatenhaft wird alles nur abgewehrt, was nicht problemlos den eigenen Status unterstützt, andere Standpunkte und Seinsweisen, anders gelagerte Interessen, ja, der andere Mensch INSGESAMT gerät zum blossen Störfakor, zum potenziellen Feind: bist du nicht mit mir, bist du gegen mich. Und das bedeutet: Ich muß dich beherrschen oder ignorieren, sorry, aber anders gehe ich unter. Das ICH in
einer solchen Elendskonfiguration bietet aber auch keinen Halt, da es reine Vorstellung ist, die sich dazu noch laufend verändert.”
Und am 12. Juni ‘00 stand da:
“Noch jetzt bin ich traurig - genetisch programmierte Liebe! Und ich denke an all die anderen Gefühlshöhen & Tiefen im Leben: ist es nicht da überall genauso? Alles zu bestimmten Zwecken von der Evolution kreiert, bewußtloses Kreisen in Laufrädern, die wir nicht selbst gebaut haben.
Gestern abend dann ein paar Stunden TV: überall dasselbe, stetes Vorführen und Wiederholen der üblichen menschlichen Gefühle und Verstrickungen: Begehren, Angst, Haß, Gier - und “Liebe” in Gestalt des Haben- und Besitzenwollens. Ich liebe dich, komm in meinen Kasten, meine Schachtel, mein Ikea-Regal!
Warum haben wir nur die Fähigkeit entwickelt, über all das hinaus DENKEN zu können, aber nicht auch eine Weise, etwas anderes zu LEBEN?”
Da stellt sich mir die Frage: Stimmt das so? Und wenn ja, bin ich als Mensch dann eigentlich unter solchen Umständen noch lernfähig? Veränderungsfähig? (Wohlgemerkt: Ich meine nicht “anpassungsfähig”!) Und wie definiert sich ein “Mensch” überhaupt? Und was und wieviel muß er lernen?
Nachdenkliche Grüße,
Behinderte
“Da sieht man doch mal, wie gut man’s eigentlich hat.” Jawoll. Dem kann ich nur zustimmen. “Man” hat’s wirklich gut. “Man” hat liebe Freunde, eine interessante Arbeitsstelle, ist einigermaßen lernfähig und kann relativ frei entscheiden, wie und wo “man” leben will. Es ist gut, sich dessen bewußt zu sein, keine Frage.
Absolut kleingeistig finde ich es allerdings, wenn eine solche Erkenntnis das Resultat einer Begegnung mit einem behinderten Menschen ist. So, wie bei der Dame, die von der obigen Erleuchtung heute morgen im Zug überwältigt wurde—angesichts eines Mitreisenden im Rollstuhl. Mit dem hörbar befriedigt-satten Unterton eines “Naja, der hat ja bestimmt nichts vom Leben, aber immerhin steigt durch einen Vergleich mit ihm der Wert meiner eigenen kleinen Existenz.”
Ach ja? Wirklich? Gute Frau, wer Sie auch sind, ich weiß nicht, ob ich Ihr Leben leben möchte… Natürlich bin auch ich dankbar, weil mein Körper bisher wemauchimmerseidank kerngesund geblieben ist, und ich finde es sicherlich bedauernswert, daß sich nicht jeder in dieser glücklichen Lage befindet. Eigentlich möchte ich auch überhaupt niemand anderes Leben leben. Ich mag meins, es ist schön. Aber wenn ich wirklich wählen müßte zwischen dem Leben einer gesunden, selbstgefälligen und darum an nichts mehr wirklich interessierten deutschen Durchschnittsfrau und dem Leben beispielsweise des schwerbehinderten aber ausgesprochen humorvollen Genies Stephen Hawking, dann - so bin ich überzeugt - würde ich letzteres wählen! Dieses immer wieder falsch interpretierte “Mens sana in corpore sano”, mit dem man ständig konfrontiert wird, wenn man sich mit “gesunden” Menschen über Behinderte unterhält, ist an Schwachsinn einfach nicht zu überbieten. Eigentlich heißt es übrigens “Orandum est ut sit mens sana in corpore sano!” also: “Es ist wünschenswert, daß sich in einem gesunden Körper auch ein gesunder Geist befinde!” Und das ist das genaue Gegenteil dessen, wofür dieses alte Zitat immer wieder mißbraucht wird.
Warum bringen mich solche Bemerkungen wie die jener Dame eigentlich immer derart auf die Palme? (Keine Angst, ich hab’ sie nicht von ihrem Sitz gerissen und an der Oberleitung geröstet. Sie lebt noch - glücklich und zufrieden, vermute ich, weil es ihrer Meinung nach jemanden gibt, dem es schlechter geht als ihr. Oder zumindest, weil es ihr vermeintlich besser geht als jemand anderem. Wie man’s nimmt.)
Erstens stört mich ganz gewaltig, daß für diese Dame unterschwellig die Rolle und Daseinsberechtigung des Herrn im Rollstuhl wohl hauptsächlich darin bestand, sie ihr eigenes Wohlbefinden wieder genießen zu lassen. Dazu fällt mir wirklich nichts mehr ein!
Zweitens störte es mich, weil ich bei blinden Eltern aufgewachsen bin und meine Stiefmutter Blindenlehrerin war, bevor sie pensioniert wurde. In den ersten 13 Jahren meines Lebens waren weit mehr als die Hälfte der Freunde meiner Eltern behindert, einige sogar mehrfach. Daraus aber den Schluß zu ziehen, daß das Leben all dieser Personen durch ihre Behinderung definiert, dominiert oder gar ruiniert würde, wäre ein blamabler Irrtum! Fast alle von ihnen waren und sind aufgeschlossene, humorvolle, abenteuerlustige, interessierte und aktive Menschen. Es gibt Einschränkungen in ihrem Leben, ja. Aber sie versuchen, das Beste daraus zu machen, und sie haben es geschafft, soviel ich erkennen kann. Meine Mutter hat mich Blockflöte spielen gelehrt, mein Vater hat mir auf seinem Blinden-Atlas Geographie erklärt, noch bevor ich in die Schule kam. Beide haben qualifizierte Berufe ausgeübt. Sie haben mehr Bücher auf Tonband und in Brailleschrift gelesen als die meisten Sehenden in Schwarzschrift, und das, obwohl Bücher auf Tonband und in Braille schwieriger erhältlich und schwieriger auswählbar sind. Sie haben mit mir Reisen durch halb Europa unternommen. Stimmt, es gab durch die Behinderung Einschränkungen. Manche waren auch sicherlich gravierend. Aber meine Eltern und ihre Freunde waren keine “armen Blinden”! Sie haben Zufriedenheit und Harmonie ausgestrahlt—weil sie aus ihren Ressourcen und Möglichkeiten für sich das Beste gemacht haben, und nicht, weil sie sich daran aufrichteten, daß andere “noch weniger” hatten. Ich habe mich bei ihnen immer geborgen und beschützt gefühlt, und das galt selbst dann noch, als meine Mutter 1978 Krebs bekam und 4 Jahre später starb. Wir hatten es auch gut, man stelle sich das vor!
Man merkt, wie gut man es hat. Das ist an sich ja nichts Schlechtes. Aber die Bemerkung der Dame aus dem Zug heute morgen war genaugenommen ein Wolf im Schafspelz. Suggerierte nach außen hin Zufriedenheit und somit Harmlosigkeit, Friedfertigkeit. Dahinter brodelte im Grunde aber die Einstellung, daß das eigene Wohlergehen nur über das der anderen definiert werden kann. Denn viele - so auch die Dame aus dem Zug - merken nicht aus sich selbst heraus, wie gut es ihnen geht, sondern sie merken es nur dann, wenn sich eine Vergleichsmöglichkeit bietet; in diesem Fall mit einem Behinderten. (Es hätte auch ein hungernder Afrikaner oder ein mißhandeltes Kind sein können.) Ich glaube, das ist es, was mich drittens noch stört. Nicht nur die unqualifizierte Beurteilung der Lebensqualität Behinderter, sondern auch die Unfähigkeit, unabhängig von Glück oder Unglück anderer zufrieden zu sein. Diese Unfähigkeit ist es, die dazu führt, daß das Auto des Nachbarn nicht größer sein darf als das eigene. Sie ist es, die Neid und Mißgunst fördert, wenn es eben auch mal andersherum ist und es dem anderen besser geht als einem selbst. Sie ist es, die unter anderem ehrliches Interesse an anderen und ihrem Leben verhindert, die den Bezugspunkt immer wieder auf das eigene Ich verlagert. Und das ist alles andere als harmlos oder friedfertig! Leute, es ist doch nicht die relative Lebensqualität, die zählt! Es ist die absolute, die man nur in sich selbst finden und aus sich selbst heraus bewerten kann!
Aber das geht vermutlich alles Hand in Hand—wer nicht über den eigenen Tellerrand hinausschauen kann, wer nur in Soll & Haben denkt, kann sich wohl auch nicht vorstellen, mit einer Behinderung ein schönes Leben zu führen.
Bin ich zu hart? Urteile ich zu schnell? Ich weiß es nicht… Aber das Unbehagen über diese dahingeworfenen Worte von heute morgen läßt sich einfach nicht abschütteln. Vor allem nicht über den Tonfall, in dem sie geäußert wurden.
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