Nem geschenkten Gaul Oder: Gut gemeint vs. gut gemacht
Sind die Kinder noch klein, wird man als Eltern zu allen Festlichkeiten wie Geburtstagen und Weihnachten gefragt, welche Kleidung denn gerade gebraucht wird.
Ehrlich gesagt wundert mich das. Denn egal, welche Antwort man dem Fragenden gibt - es kommt immer anders als man denkt / möchte / es brauchen kann. Und damit meine ich nur am Rande, daß man die dritte Winterjacke geschenkt bekommt, weil sie mir im Geschäft so gut gefiel, obwohl das Kind tatsächlich Pullover oder Strumpfhosen gebrauchen könnte. Ebensowenig möchte ich von den Hosen berichten, die für jungentauglich befunden werden, weil sie doch immerhin dunkelbraun sind. Trotz der unübersehbaren Blumenapplikation am Bein. Kein Drama. Kann man immerhin anziehen. Aber…
Nehmen wir z. B. die Geburt eines Kindes. Kinder, so kann man allerorten kostenlos nachlesen, werden im allgemeinen mit einer Länge zwischen 50 und 60 cm geboren und wachsen zumindest zu Anfang bekanntermaßen rapide. Das heißt also, daß man mit Kleidungsgröße 62 als Geburtsgeschenk nicht allzu falsch liegen kann, denn es wird in der Tat nur wenige Wochen dauern, bis das Baby dort tatsächlich hineinpaßt. (Kinderkleidungsgrößen sind in Deutschland nämlich identisch mit der Kindeslänge in Zentimetern.)
Nun meinen allerdings viele Schenkenden, besonders vorausschauend sein zu müssen, weil sie schon mitbekommen haben, daß frischgebackene Eltern eben gerade wegen der oben genannten Gründe viel in den Größen 50 bis 62 geschenkt bekommen und ab Größe 68 alles selber kaufen müssen. Folglich werden als besonders originelles Geschenk Kleidungsstücke in Größe > 62/68 besorgt.
Diese Sache hat nur leider einen Haken: Bis ein Kind in Größe 74 paßt, kann - je nach Kind - gut und gerne mehr als ein halbes Jahr vergehen. Wachstumskurven verlaufen nämlich mitnichten linear. Im Prinzip kein Problem, denn Kleidung verdirbt ja nicht. Nur: Dummerweise wird von den vorausschauenden Schenkern dabei aber allzu häufig der Jahreszeitenwechsel übersehen. Was zur Folge hat, daß das im Oktober geborene Kind vermutlich erst im Juli oder August in den tollen Schneeanzug paßt, den die wohlmeinenden Verwandten der Familie zur Geburt zukommen ließen.
Zu den diversen Geburtstagen geht es dann mit ähnlicher Logik weiter. Die nun schon etwas versierteren Eltern werden gefragt, was das Geburtstagskind denn aktuell gerade gebrauchen kann. Jede konkrete Antwort wird jedoch ignoriert und die Eltern beschenkt mit Kinderkleidung in der nächsten oder gar übernächsten Größe. Mit dem Argument, daß das Kind dann länger etwas davon hätte, weil es ja noch hineinwachsen kann. Blöd für die Eltern, die natürlich dachten, man würde die konkreten Wünsche erhören, und die deshalb selbst erst einmal davon abgesehen haben, in der tatsächlich benötigten Größe neue Kleidung zu besorgen.
“Kann man ja umkrempeln, könnte man nun einwenden. Ja. Die Hosenbeine schon. Das ändert aber nichts an der Tatsache, daß das Kleinkind seine Reinwachs-Hose beim Krabbeln schlichtweg hinter sich auf dem Boden liegen läßt, weil es in den Bund noch lange nicht hineinpassen wird. Außerdem sammelt sich in umgekrempelten Hosenbeinen und Pulloverärmeln Staub und Sand - und der Stoff wird am Knick überstrapaziert. Das sieht dann ziemlich besch…eiden aus, wenn man die Hose wieder auf ihre eigentliche Größe verlängert. Bis sie endlich paßt, ist sie also im Grunde schon hin. Darüberhinaus ist Stehen- und Laufenlernen sowie Klettern in ständig rutschender Schlabberkleidung geradezu gefährlich, weil das Kind die Stolperfalle quasi permanent am Körper trägt. Ganz davon abgesehen, daß die schönen dicken Winterhosen zum Reinwachsen dem Kind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wieder mal erst im Mai oder Juni richtig passen werden. Oh ja, das Kind hat lange was davon Nur wohl fühlt es sich ganz sicher nicht.
Fazit: Bitte, liebe Schenker, wenn Ihr schon die Eltern eines Kindes fragt, in welcher Größe aktuell Kleidung gebraucht wird, dann schenkt doch auch bitte genau diese Größe. Oder schaut Euch wenigstens die Wachstumskurven der WHO an, um abschätzen zu können, welche Größe dem betreffenden Kind zu welcher Jahreszeit passen wird.
Alles andere ist doppelt rausgeschmissenes Geld, denn die geschenkte Kleidung kann nur wenig bis gar nicht getragen werden und die beschenkten Eltern müssen dann doch selber kaufen, was tatsächlich benötigt wird. Gut gemeint und gut gemacht sind nämlich leider auch hier zwei verschiedene paar Schuhe. Wortwörtlich.