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Alles nicht so einfach.

Insgesamt habe ich von der Schule, auf die Saskia ab Donnerstag gehen wird, einen recht guten Eindruck. Saskia geht ja nun seit zwei Wochen dort in die Ferienbetreuung, hat dort schon vieles erlebt, gespielt, gebastelt, eine neue Freundin gefunden (und so ganz nebenbei die Betreuer informiert, daß unser Nachname auf dem Schild an ihrem Spind nicht richtig geschrieben ist. *g*) und ist generell fröhlich und zufrieden, wenn ich sie dort abhole.

Am zweiten Tag allerdings kam sie mit der Bemerkung um die Ecke, am Folgetag müßte sie aber auf jeden Fall das Tischgebet mitsprechen können. Ich war etwas verblüfft. Mir ist zwar bekannt, daß der Träger der OGS für die Nachmittagsbetreuung evangelisch ist, aber “müssen”? Wenn die Schule selbst an sich staatlich ist? Also nahm ich mein Kind in einer ruhigen Minute abends beiseite und erklärte, daß Beten immer freiwillig ist. Zur Sicherheit schrieb ich ihr am folgenden Morgen auch noch einen Zettel mit einer Erinnerung an diese Tatsache und legte ihn obenauf auf ihren Proviant für den Tag: “Liebe Saskia, denk dran: Beten ist immer freiwillig. Deine Mama”

Nachmittags kam die Betreuerin auf mich zu, wie denn dieser Zettel gemeint gewesen sei. Ich erklärte ihr, was Saskia mir am Vortag berichtet hatte und bekam eiligst versichert, es würde sich ja gar nicht um ein Gebet handeln, da käme gar nichts mit Gott drin vor, sondern nur etwas mit Spaghetti und Tomatensauce und das Ganze diene nur dazu, daß die Kinder vor dem Essen etwas Ruhe einkehren lassen. Nun gut.

Mittlerweile hat mir Saskia den zu lernenden Spruch aufgesagt:
“Für Spaghetti lang und schlank | Sag’ ich meinem Schöpfer Dank. | Ebenso für die famose, | leckere Tomatensosse”
Aha? “Schöpfer”? Entweder kannte also die Betreuerin den Spruch selbst nicht richtig, oder… Nun ja, ich will da nichts unterstellen. Evtl. betreut diese Dame die Kinder beim Essen ja gar nicht und wußte wirklich nicht, wie der Spruch genau lautet.

Interessanterweise hatte Saskia jedoch auch gar nicht begriffen, daß mit “Schöpfer” ein wie auch immer gearteter Gott gemeint sein sollte. Diese Reime scheinen für sie so eine Art halbdadaistisches Gedicht zu sein. Ich habe ihr also die eigentliche Bedeutung erläutert, und Saskia hat beschlossen, daß ihr der Spruch immer noch gefällt* und sie ihn aufsagen will. Gut, kein Problem, solange es denn wirklich ihre eigene Entscheidung ist.

Von diesem Gebet abgesehen scheint Kirche & Religion bei der Betreuung keine Rolle zu spielen, soweit ich das bisher beurteilen kann. Aber müssen die Kinder nun mitbeten, oder müssen sie nicht? Ein komisches Gefühl bleibt da doch noch zurück bei mir. Zumindest fürs Erste.



————-
*Zitat Saskia: “Ich denk’ mir dann jetzt eben einfach immer, daß Papa und du mich gemacht habt. Du machst ja auch das Essen, was ich dabei habe!”
LOL

In Saskias Schule wird was mit Spaghetti gebetet???

Dass die Pastafari schon so weit vorgedrungen sind!

zerology



@Zerology: Ja, ich suche auch schon nach hübschen Nudelsieben… ^^



Mh, ich glaube, ich könnte mir nicht verkneifen, die Dame zu fragen, wer mit Schöpfer denn gemeint sei, wenn nicht Gott smile

Ein merkwürdiges Gefühl hätte ich dabei auch.
Allerdings ist das bei uns so noch nicht vorgekommen- unsere Kindergarten-/Hortleitung achtet peinlichst genau darauf, da neutral zu bleiben.
(besonders nach einer Veranstaltung, wo plötzlich alle in die katholische Kirche gehen sollten zum Gottesdienst *hust*)

Bleib dran !

Grüße,
Katrin



@Katrin: Wenn das Thema nochmal zu einem günstigen Zeitpunkt aufkommen sollte, werde ich auch eine kleine Bemerkung fallen lassen. Ich fand’s schon nicht sonderlich lustig, daß auf der Einladung zur Einschulungsveranstaltung oben als Erstes erwähnt wird, daß vor der eigentlichen Einschulungszeremonie der Schule noch ein Gottesdienst in der Kirche stattfindet. Sowas setzt doch Eltern und Kinder unter wechselseitigen Zugzwang. Die Kinder wissen “Ach, da geht bestimmt Freundin XY hin - ich will auch!” Somit “müssen” auch die Eltern mit. Und je mehr Familien da auftauchen, desto größer wird der Druck auf den Rest. Ehe man sich versieht, ist der Gottesdienst dann plötzlich doch Teil der Einschulung. Was soll sowas? Woher kommt die Annahme, daß Kirche immer noch automatisch zum Alltag gehört, wenn nur noch 60% der Bevölkerung überhaupt Mitglied sind - mit fallender Tendenz? Die Selbstverständlichkeit, mit der das vorausgesetzt wird, finde ich sehr merkwürdig.

Auch wenn in dem Schreiben der Schule schon irgendwie deutlich wurde, daß der Gottesdienst nicht zur Schulveranstaltung gehört, sondern separat stattfindet: Ich finde das so nicht OK; das gehört in so ein Schreiben von einer staatlichen Schule schlicht nicht rein. Soll doch die Gemeinde die Leute informieren, wie bei jedem anderen Gottesdienst auch. (Nur wäre dann der Gottesdienst vermutlich ziemlich leer. ^^)

Ich gehe da am Donnerstag auch definitiv nicht hin. Saskia wird von Marc und [s]meinen Eltern[/s] meiner Mutter in die Kirche begleitet; mein Vater und ich kommen dann eine Stunde später nach, wenn an der Schule die eigentliche Veranstaltung beginnt. Beim Kindergarten (evangelischer Träger) habe ich es noch eingesehen, mir die Aufführungen der Kinder mit anzuschauen, habe aber auch da schon immer das Mitsingen und Beten verweigert. Aber jetzt, bei der (staatlichen!) Schule, sehe ich es überhaupt nicht ein, mich in Religionsangelegenheiten mit Gruppenzwang oder den Gefühlen meiner Kinder erpressen zu lassen.

Ich frage mich auch, ob der Schule eigentlich klar ist, daß solche Veranstaltungshinweise auf ihren offiziellen Schreiben eigentlich gar nichts zu suchen haben? Wahrscheinlich nicht.



PS: Man könnte - was die im Ursprungsposting beschriebene Angelegenheit angeht - vielleicht einwenden, daß man sich dann eben eine Schule suchen muß, wo die Nachmittagsbetreuung von einem neutralen Träger geleistet wird. Da gibt es allerdings zwei Probleme: 1. geht so ziemlich der ganze Freundeskreis des Kindes auf diese Schule und 2. ist sie auch die nächstgelegene.
3. sind die Schulsprengel in NRW erst vor wenigen Jahren abgeschafft worden - und bei der Landesregierung laufen Überlegungen, sie demnächst wieder einzuführen. Dann ist es wieder Essig mit der freien Schulwahl.



DAS hat hier erstaunlicherweise funktioniert.
Die Schule hat zur Einschulungsfeier in der Turnhalle geladen, es gab eine separate Einladung zum ökumenischen Einschulungsgottesdienst durch die Kirche (aus Datenschutzgründen wurden die Einladungen aber über die Schule verteilt).
Hingegangen sind wir nicht- ich habe mich da strikt geweigert- weil es mal wieder in der katholischen Kirche stattfand und ich die ausrichtenden Pfarrer schrecklich fand wink)

Viele Grüße,
Katrin



@Katrin: Der Gemeindepfarrer ist nach meinem Empfinden ein sehr netter Mann, der sich mit den Gottesdiensten durchaus Mühe gibt, das erkenne ich voll an. Aber wenn ich dann da sitze und er erzählt von “Gott”, dann… Ja, ich weiß auch nicht, wie ich das beschreiben soll. Es ist, als ob ein Kind mir voller Überzeugung von seinem unsichtbaren Freund berichtet, diesen natürlich für völlig real hält und erwartet, daß ich für diesen Freund den Tisch mitdecke, mich mit ihm unterhalte und auf seine angeblichen Wünsche eingehe.

Dem Phänomen, daß ein Erwachsener noch immer an einen unsichtbaren Freund glaubt, stehe ich immer fast ein wenig fassungslos, mindestens aber ratlos gegenüber. Klar muß ich seine Freiheit, so etwas zu glauben, respektieren. Es ist nach allen Regeln der Logik auch nicht möglich, die Nichtexistenz dieses unsichtbaren Freundes zu beweisen - genau wie auch niemand endgültig beweisen kann, daß es keine rosa Einhörner gibt. Aber ich _kann_ nicht selbst daran glauben und weigere mich in diesem Fall auch, aus falsch verstandenem Respekt so zu tun als ob.

Cornelius Courts hat es mal sehr schön beschrieben:
Der „neue Atheist” ist also nicht länger bereit, gebeugt unter dem Joch einer traditionellen Übereinkunft zu gehen und vor den Religionen und deren Ausübenden den Kotau des schuldbewußten Abweichlers zu üben, der immer auch ein, gleich in welchem Maße verborgenes oder chiffriertes Element der Anerkennung der eigenen Minderwertigkeit oder zumindest Unvollständigkeit birgt. Er hat sich von Demutsgesten befreit und sich mit geradem Rücken und festem Blick mindestens auf Augenhöhe aufgerichtet, wobei ich einräume, daß einige auch die alten Gewohnheiten umkehren und nun ihrerseits auf Gläubige herabschauen.

In den Augen vieler, die diese Haltung eingenommen haben, ist nämlich nach rationalen Kriterien kein, wirklich kein kategorialer Unterschied dazwischen festzustellen, ob sich jemand wahrhaftig für Napoleon hält, fest und furchtsam an Xenu oder ernsthaft an z.B. die Auferstehung glaubt, denn der Vebreitungsgrad dieser drei, jeweils beleglos angenommenen oder zugezogenen Glaubensvorstellungen korreliert natürlich überhaupt nicht mit deren Wahrheitsgehalt bzw. der Wahrscheinlichkeit, daß sie zutreffend sind. Dennoch existiert beispielsweise bei vielen Christen der Konsens, daß der, welcher sich für Napoleon hält, psychiatrisch behandelt werden sollte, jener, der den großen Xenu fürchtet, belächelt werden darf, jedoch dieser, der an eine Auferstehung glaubt, dafür respektiert und geachtet werden soll.

Quelle: http://www.scienceblogs.de/bloodnacid/2011/05/ein-zierramen-fur-den-atheismus.php

Von einer staatlichen Schule erwarte ich, daß sie sich da neutral verhält, wie im Grundgesetz zugesichert, statt einer einzelnen Religion die Steigbügel zu halten.



Mann, mann mann was hab ich den da grad für ein Kleinod entdeckt.

Schönes Blog - feiner Kämpfergeist grin
Passt mir grad. Hier ist grad ein Kämpfer irgendwie hops gegangen :-(

Eure Ausführungen sind toll, mehr kann ich gar nicht sagen. grin Freut mich wenn sich Menschen auch mal konstruktiv mit ihrer Umwelt auseinander setzen - das gibts hier viel zu wenig find ich.



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