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Auf den zweiten Blick…

Hmmmm… Da habe ich gestern erst seitenweise Groll vom Stapel gelassen und lang und breit über Blinde erzählt, bevor ich endlich feststellte, daß ich ja selber auch irgendwie blind bin, und zwar seit ich im Internet surfe. Neinneinnein, ich spreche hier nicht von den Auswirkungen mancher Homepages auf meine Augen, so à la knallrote Schrift auf quietschgrünem Hintergrund mit lila Tupfen. Für sowas habe ich eine Sonnenbrille mit extra UV-Schutz! *g* Was ich meine ist die Tatsache, daß ich bei neuen Kontakten im Net oft keine blasse Ahnung habe, wie der- oder diejenige eigentlich aussieht, mit dem ich mich da unterhalte. Nicht alle, die mir schreiben oder denen ich schreibe, haben eine Homepage. Und nicht auf allen Homepages sind persönliche Photos vorhanden. (Come to think of it, auf dieser hier ja auch nicht, gell, Martin? :o) Jedenfalls nicht bis… weiter unten! *g*) Im Prinzip geht es mir also in solchen Fällen nicht anders als einem Blinden, der neue Kontakte schließt, nur, daß ich meinen Gesprächspartner irgendwann später doch einmal persönlich treffen oder mit ihm Fotos austauschen könnte. Wenn man sich besser kennt. Woraus folgt - und das kann ich aus Erfahrung nur bestätigen - daß man eine Person nicht unbedingt gesehen haben muß, um sie zu kennen. Noch nicht einmal, um sie gut zu kennen. Und man wird nicht von Äußerlichkeiten beeinflußt, weder im Guten noch im Schlechten. Wer sich im Net verliebt (huhu, Ilona!), verliebt sich in das Innere eines Menschen, nicht in ein Gesicht oder einen sexy Körper. Andererseits kann der Gesprächspartner einen wunderbar belügen, ohne daß man zunächst den Wahrheitsgehalt überprüfen könnte. Wirkt also das Internet vorschnellen Urteilen / Vorurteilen entgegen? Oder fördert es Lug und Betrug? Wer dazu eine Meinung hat: Bitte immer her damit - es interessiert mich wirklich!

CalypsoA propos: Wie ich denn selbst aussehe, bin ich inzwischen schon zweimal gaaaanz vorsichtig gefragt worden. *g* Also schön, ich will’s Euch verraten, aber auf Eure Verantwortung! Das Bild ist ein bißchen überbelichtet, aber es gibt leider kein besseres aktuelles Photo von mir, da ich mir meist panikartig einen Pappkarton über den Kopf stülpe, sobald sich mir jemand mit einer Kamera nähert. Hier hatte meine Bekannte Ulrike mich aber nun leider doch erwischt. ;o) (Daß der Hintergrund zu dieser Site paßt, ist übrigens Zufall.) Und um die nächste Frage gleich vorweg zu nehmen: Ich bin 1969 geboren und deutsche Meisterin im Kibotu! Wehe also, mir schickt jetzt einer eine Mail und fragt, in welchen Kindergarten ich gehe! Ist schon nervig genug, im Supermarkt den Ausweis zeigen zu müssen, wenn man mal Alkoholika für eine Party kauft.

Ansonsten beschäftigen mich zur Zeit noch zwei Einträge aus Claudia Klingers Tagebuch. In ihrem Eintrag vom 8. Juni ‘00 schreibt sie unter anderem:

“Mit “intellektuell” meine ich nicht einen gehobenen Bildungsstand oder gar akademische Würden, sondern die Grundprägung, mit der lange schon die Menschen entwickelter Industriestaaten von klein an konditioniert werden: Ursachen und Wirkungen in Beziehung setzen, immer auf Sinn und Zweck schauen, alle Dinge und Handlungen analysieren und begründen - und dies alles in “schlüssigen” Texten und Reden ausdrücken. Weck’ mich mitten in der Nacht und frag mich: Warum rauchst du
eigentlich noch immer? Schlaftrunken blinzelnd werde ich eine Rede vom Stapel lassen, die dieses verrückte Verhalten vollständig erklärt, ja - bei aller Schädlichkeit - als das einzig Richtige in meiner Situation erscheinen läßt.

Was ist damit erreicht? Natürlich ist ein solcher “denkender Mind” erforderlich, um in einer technischen Zivilisation steuernd mitzuwirken. Er ist entstanden, um das AUSSEN in den Griff zu bekommen, beginnend mit dem urzeitlichen Jagen & Sammeln bis hin zum Programmieren. Dass die Welt heute nicht weniger katastrophal ist als dereinst, will ich mal beiseite lassen. (Vermutlich bleibt die Summe des Elends immer gleich, lediglich die Erscheinungsweisen ändern sich). Mich interessieren mehr die innerpsychischen Folgen, denn mit ihnen muß ich mich dauernd herumschlagen.

Einen Zusammenhang “verstehen” scheint die Macht mit sich zu bringen, die Dinge auch zu verändern, sie zu beherrschen. In den meisten alltäglichen Angelegenheiten erleben wir das so, doch wissen wir nicht, wieviel davon uns nur so erscheint, gerade WEIL wir gewohnt sind, so zu denken. Ein Problem, an dem sich Philosophen gerne abarbeiten, mich bewegt etwas anderes: Ohne es je bewußt so beschlossen zu haben, denken wir auch über uns selber so: alles, was ich tue, muss einen Grund haben - und nicht nur irgend einen, sondern einen GUTEN. Sämtliche Handlungen und sogar die Wünsche müssen in ein vertretbares persönliches Wertesystem passen - tun sie das beim besten Willen nicht, dann müssen äußere Bedingungen daran schuld sein, für die ich nichts kann. Ja, ich bin geradezu verpflichtet, gegen diese Bedingungen anzutreten, bzw. zu begründen, warum mir
das gerade nicht möglich ist.

Dies ist, kurz gesagt, der NORMALE GLAUBE, in dem wir alle aufwachsen. Er nennt sich auch “vernünftig sein” oder “erwachsen werden” und wenn wir in diesem Sinne “fertig” sind, stecken wir in einer vollkommenen Zwangsjacke. Besonders schwer betroffen sind diejenigen mit einem natürlichen Sprachtalent: Je besser und schneller Sinn & Zweck, Ursache & Grund brilliant formuliert werden können, umso dichter und undurchlässiger gerät die Mauer, die dieses Denken gegen das “aussen” und den Anderen errichtet. Und auch der Weg nach INNEN, zu dem, was ich bin, ist versperrt.

Warum? Weil ein denkender Mensch nach außen und innen stets die Illusion der Rationalität aufrecht erhalten muß. Eigene Impulse müssen in die aktuellen Zielvorstellungen und Wertesysteme eingepaßt werden - oder Ziele & Werte sind eiligst anzupassen, wobei die Anpassung natürlich sinnvoll begründet werden muß. Von außen dringt kaum etwas herein, bzw. alles wird nur daraufhin betrachtet, ob es dieses anstrengende innere Management in Gefahr bringt. Geradezu automatenhaft wird alles nur abgewehrt, was nicht problemlos den eigenen Status unterstützt, andere Standpunkte und Seinsweisen, anders gelagerte Interessen, ja, der andere Mensch INSGESAMT gerät zum blossen Störfakor, zum potenziellen Feind: bist du nicht mit mir, bist du gegen mich. Und das bedeutet: Ich muß dich beherrschen oder ignorieren, sorry, aber anders gehe ich unter. Das ICH in
einer solchen Elendskonfiguration bietet aber auch keinen Halt, da es reine Vorstellung ist, die sich dazu noch laufend verändert.”

Und am 12. Juni ‘00 stand da:

“Noch jetzt bin ich traurig - genetisch programmierte Liebe! Und ich denke an all die anderen Gefühlshöhen & Tiefen im Leben: ist es nicht da überall genauso? Alles zu bestimmten Zwecken von der Evolution kreiert, bewußtloses Kreisen in Laufrädern, die wir nicht selbst gebaut haben.

Gestern abend dann ein paar Stunden TV: überall dasselbe, stetes Vorführen und Wiederholen der üblichen menschlichen Gefühle und Verstrickungen: Begehren, Angst, Haß, Gier - und “Liebe” in Gestalt des Haben- und Besitzenwollens. Ich liebe dich, komm in meinen Kasten, meine Schachtel, mein Ikea-Regal!

Warum haben wir nur die Fähigkeit entwickelt, über all das hinaus DENKEN zu können, aber nicht auch eine Weise, etwas anderes zu LEBEN?”

Da stellt sich mir die Frage: Stimmt das so? Und wenn ja, bin ich als Mensch dann eigentlich unter solchen Umständen noch lernfähig? Veränderungsfähig? (Wohlgemerkt: Ich meine nicht “anpassungsfähig”!) Und wie definiert sich ein “Mensch” überhaupt? Und was und wieviel muß er lernen?

Nachdenkliche Grüße,

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