Behinderte
“Da sieht man doch mal, wie gut man’s eigentlich hat.” Jawoll. Dem kann ich nur zustimmen. “Man” hat’s wirklich gut. “Man” hat liebe Freunde, eine interessante Arbeitsstelle, ist einigermaßen lernfähig und kann relativ frei entscheiden, wie und wo “man” leben will. Es ist gut, sich dessen bewußt zu sein, keine Frage.
Absolut kleingeistig finde ich es allerdings, wenn eine solche Erkenntnis das Resultat einer Begegnung mit einem behinderten Menschen ist. So, wie bei der Dame, die von der obigen Erleuchtung heute morgen im Zug überwältigt wurde—angesichts eines Mitreisenden im Rollstuhl. Mit dem hörbar befriedigt-satten Unterton eines “Naja, der hat ja bestimmt nichts vom Leben, aber immerhin steigt durch einen Vergleich mit ihm der Wert meiner eigenen kleinen Existenz.”
Ach ja? Wirklich? Gute Frau, wer Sie auch sind, ich weiß nicht, ob ich Ihr Leben leben möchte… Natürlich bin auch ich dankbar, weil mein Körper bisher wemauchimmerseidank kerngesund geblieben ist, und ich finde es sicherlich bedauernswert, daß sich nicht jeder in dieser glücklichen Lage befindet. Eigentlich möchte ich auch überhaupt niemand anderes Leben leben. Ich mag meins, es ist schön. Aber wenn ich wirklich wählen müßte zwischen dem Leben einer gesunden, selbstgefälligen und darum an nichts mehr wirklich interessierten deutschen Durchschnittsfrau und dem Leben beispielsweise des schwerbehinderten aber ausgesprochen humorvollen Genies Stephen Hawking, dann - so bin ich überzeugt - würde ich letzteres wählen! Dieses immer wieder falsch interpretierte “Mens sana in corpore sano”, mit dem man ständig konfrontiert wird, wenn man sich mit “gesunden” Menschen über Behinderte unterhält, ist an Schwachsinn einfach nicht zu überbieten. Eigentlich heißt es übrigens “Orandum est ut sit mens sana in corpore sano!” also: “Es ist wünschenswert, daß sich in einem gesunden Körper auch ein gesunder Geist befinde!” Und das ist das genaue Gegenteil dessen, wofür dieses alte Zitat immer wieder mißbraucht wird.
Warum bringen mich solche Bemerkungen wie die jener Dame eigentlich immer derart auf die Palme? (Keine Angst, ich hab’ sie nicht von ihrem Sitz gerissen und an der Oberleitung geröstet. Sie lebt noch - glücklich und zufrieden, vermute ich, weil es ihrer Meinung nach jemanden gibt, dem es schlechter geht als ihr. Oder zumindest, weil es ihr vermeintlich besser geht als jemand anderem. Wie man’s nimmt.)
Erstens stört mich ganz gewaltig, daß für diese Dame unterschwellig die Rolle und Daseinsberechtigung des Herrn im Rollstuhl wohl hauptsächlich darin bestand, sie ihr eigenes Wohlbefinden wieder genießen zu lassen. Dazu fällt mir wirklich nichts mehr ein!
Zweitens störte es mich, weil ich bei blinden Eltern aufgewachsen bin und meine Stiefmutter Blindenlehrerin war, bevor sie pensioniert wurde. In den ersten 13 Jahren meines Lebens waren weit mehr als die Hälfte der Freunde meiner Eltern behindert, einige sogar mehrfach. Daraus aber den Schluß zu ziehen, daß das Leben all dieser Personen durch ihre Behinderung definiert, dominiert oder gar ruiniert würde, wäre ein blamabler Irrtum! Fast alle von ihnen waren und sind aufgeschlossene, humorvolle, abenteuerlustige, interessierte und aktive Menschen. Es gibt Einschränkungen in ihrem Leben, ja. Aber sie versuchen, das Beste daraus zu machen, und sie haben es geschafft, soviel ich erkennen kann. Meine Mutter hat mich Blockflöte spielen gelehrt, mein Vater hat mir auf seinem Blinden-Atlas Geographie erklärt, noch bevor ich in die Schule kam. Beide haben qualifizierte Berufe ausgeübt. Sie haben mehr Bücher auf Tonband und in Brailleschrift gelesen als die meisten Sehenden in Schwarzschrift, und das, obwohl Bücher auf Tonband und in Braille schwieriger erhältlich und schwieriger auswählbar sind. Sie haben mit mir Reisen durch halb Europa unternommen. Stimmt, es gab durch die Behinderung Einschränkungen. Manche waren auch sicherlich gravierend. Aber meine Eltern und ihre Freunde waren keine “armen Blinden”! Sie haben Zufriedenheit und Harmonie ausgestrahlt—weil sie aus ihren Ressourcen und Möglichkeiten für sich das Beste gemacht haben, und nicht, weil sie sich daran aufrichteten, daß andere “noch weniger” hatten. Ich habe mich bei ihnen immer geborgen und beschützt gefühlt, und das galt selbst dann noch, als meine Mutter 1978 Krebs bekam und 4 Jahre später starb. Wir hatten es auch gut, man stelle sich das vor!
Man merkt, wie gut man es hat. Das ist an sich ja nichts Schlechtes. Aber die Bemerkung der Dame aus dem Zug heute morgen war genaugenommen ein Wolf im Schafspelz. Suggerierte nach außen hin Zufriedenheit und somit Harmlosigkeit, Friedfertigkeit. Dahinter brodelte im Grunde aber die Einstellung, daß das eigene Wohlergehen nur über das der anderen definiert werden kann. Denn viele - so auch die Dame aus dem Zug - merken nicht aus sich selbst heraus, wie gut es ihnen geht, sondern sie merken es nur dann, wenn sich eine Vergleichsmöglichkeit bietet; in diesem Fall mit einem Behinderten. (Es hätte auch ein hungernder Afrikaner oder ein mißhandeltes Kind sein können.) Ich glaube, das ist es, was mich drittens noch stört. Nicht nur die unqualifizierte Beurteilung der Lebensqualität Behinderter, sondern auch die Unfähigkeit, unabhängig von Glück oder Unglück anderer zufrieden zu sein. Diese Unfähigkeit ist es, die dazu führt, daß das Auto des Nachbarn nicht größer sein darf als das eigene. Sie ist es, die Neid und Mißgunst fördert, wenn es eben auch mal andersherum ist und es dem anderen besser geht als einem selbst. Sie ist es, die unter anderem ehrliches Interesse an anderen und ihrem Leben verhindert, die den Bezugspunkt immer wieder auf das eigene Ich verlagert. Und das ist alles andere als harmlos oder friedfertig! Leute, es ist doch nicht die relative Lebensqualität, die zählt! Es ist die absolute, die man nur in sich selbst finden und aus sich selbst heraus bewerten kann!
Aber das geht vermutlich alles Hand in Hand—wer nicht über den eigenen Tellerrand hinausschauen kann, wer nur in Soll & Haben denkt, kann sich wohl auch nicht vorstellen, mit einer Behinderung ein schönes Leben zu führen.
Bin ich zu hart? Urteile ich zu schnell? Ich weiß es nicht… Aber das Unbehagen über diese dahingeworfenen Worte von heute morgen läßt sich einfach nicht abschütteln. Vor allem nicht über den Tonfall, in dem sie geäußert wurden.