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Brief an einen Kardinal

Sehr geehrter Herr Meisner,

vor einiger Zeit las ich irgendwo den Spruch: “Integrität ist, wenn man sich beim Gähnen auch dann die Hand vor den Mund hält, wenn einen niemand sieht.

In diesem Zusammenhang würde ich mich zu gerne mal mit Ihnen darüber unterhalten, wie Sie eigentlich auf die Idee kommen, Atheisten seien so bar jeglichen Gewissens[1], daß Atheismus-Werbung auf Bussen “wie in früheren Zeiten viele Menschen buchstäblich das Leben kosten” könne? (Quelle)

Soviel mir bekannt ist, hat durch Kreuzzüge, Inquisition, Proselytismus & Co. die Kirche allerorten mehr Tode verschuldet als der Atheismus, aber das sei nur nebenbei bemerkt. Religionskriege allgemein gehören auch heute noch zu den hartnäckigsten, weil jeder meint, das wahre Gottesbild für sich gepachtet zu haben. Aber sei’s drum. Auch darauf, daß Sie Herrn Dawkins in die Nähe der Nationalsozialisten rücken, sei hier nicht näher eingegangen. Godwins Gesetz ist erfahrungsgemäß für Leute, die sich in die Enge getrieben fühlen. Da muß man wohl nicht näher drauf eingehen. Auch über die Rolle der Kirche im Dritten Reich möchte ich mich hier nicht unterhalten.

Mich interessiert vielmehr Ihr Menschenbild. “Die wissenschaftliche Vernunft verliert ihr Korrektiv, wenn sie von allen geistigen und religiösen Wurzeln abgeschnitten wird”, sagen Sie? Nun, mir persönlich erscheint es tatsächlich so, daß Gottesgläubigkeit und Religion zunehmend an Bedeutung verlieren, je mehr eine Gesellschaft in der Lage ist, die Phänomene der Natur zu verstehen und ihre Mechanismen zu erklären. Das macht diese Phänomene aber zumindest für mich nicht weniger faszinierend und bestaunenswert. Ebensowenig wie ein Kind, das duch Klonen, IVF oder sonstige Techniken der künstlichen Befruchtung entstanden ist, weniger wertvoll oder weniger als Geschenk empfunden wird. Ganz im Gegenteil. Gerade die Bemühung dieser Techniken ist ja darauf zurückzuführen, daß diese Kinder ganz besonders herbeigesehnt werden.

Ebenso sind Atheisten auch bzw. gerade fernab eines Gotteskonzeptes in der Lage, den Menschen als und für das zu schätzen, was er ist und ihn entsprechend zu behandeln. Da haben wir sie wieder, die eingangs zitierte Integrität. Mir persönlich ist ein Atheist, der sich an Kant orientiert, jedenfalls wesentlich lieber als ein Christ, der sich nur dewegen wohlverhält, um bei einem vermeintlichen Gott Pluspunkte zu sammeln. Es mag sein, daß Atheisten den Kopf schütteln über Gottesglauben. Angesichts der vielzähligen Ungereimtheiten, die mit den meisten Religionen einhergehen, scheint mir das auch wenig verwunderlich. Aber bisher ist mir noch nicht zu Ohren gekommen, daß Atheisten “Andersgläubigen” nur aufgrund dieses Glaubens spontan den Schädel gespalten haben. Sie resignieren höchstens. Umgekehrt jedoch… Siehe oben.

Und wenn wir mal ehrlich sind: Eine Kirche, die sich bis heute nicht für die Hexenverbrennung entschuldigt hat, die Wissenschaftler aus Machterhaltungsgründen exkommuniziert und vor wenigen Jahren überhaupt erst anerkannt hat, daß die Erde tatsächlich um die Sonne kreist, statt umgekehrt, muß sich nicht wundern, wenn Wissenschaftler sie nicht ernst nehmen und ihre moralischen Grundsätze lieber aus anderen, handfesteren Quellen beziehen. Die, ganz am Rande bemerkt, nicht die schlechtesten sind.

Anders gesagt: Atheisten werden durch das Fehlen eines Gottesglaubens nicht automatisch auf ihre animalischen Instinkte reduziert. Dies anzunehmen, kommt einer Arroganz gleich, die die Kirche - zumindest aber bestimmte ihrer Vertreter - als moralische Instanz nur noch weiter disqualifiziert.

Mit freundlichen Grüßen

Ute G.

[1] Nachtrag: Dank für den Link an Jörg

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