Bücherhörigkeit
Angeregt durch einen Facebook-Eintrag von Sören Schewe muß jetzt hier mal ein kleiner Eintrag über bücherhörige Eltern rein. Damit meine ich keine generellen Viel- und Gerneleser und -vorleser, sondern die Eltern, für die die alltäglichsten Sachen zum Problem zu werden scheinen, sobald die Kinder etwas darüber wissen wollen. Da liest man dann in Elternforen: “Meine Tochter ist vier Jahre alt und fragt mich neuerdings über den Tod aus! Hilfe! Kann mir jemand ein gutes Buch empfehlen?” Oder wahlweise auch “Mein Kind muß ins Krankenhaus / bekommt ein Geschwister / kommt in den Kindergarten / kriegt das erste Mal die Haare geschnitten / soll sich die Zähne putzen / ...” You name it. Und prompt muß für jeden quersitzenden Fu
Pups - pardon - ein Buch her, statt einfach mal frei von der Leber weg zu erklären, was das Kind wissen will.
Ich lese ja gerne und kaufe meinen Kindern auch gerne schöne Bücher. Aber diesen Trend verstehe ich ganz und gar nicht. Spricht auch nicht gerade für das Selbstbewußtsein der Eltern. Klingt, als ob sie sich nicht zutrauen, ihren Kindern auf ernsthafte Themen mal eigene, selbst reflektierte gute Antworten zu geben.
Wahre Worte. Gut, ich kenne ich bei Kinderbüchern jetzt nicht mehr so sehr aus unbd überhaupt sind Ratgeber für Kinder momentan noch nicht die von mir vorwiegend interessante Kategorie. Ein ähnliches Phänomen sehe ich aber bei Tierbüchern, da gibts auch für jeden Querfurz einen Ratgeber…
Dazu passt, dass viele Eltern mit ihren Kleinkindern zwar nicht mehr singen (“kann ich nicht”), aber sie schon mit zwei oder drei Jahren in irgendwelche anspruchsvollen “Musikalische Früherziehung”-Kurse schleppen. Beliebt auch Kreativ-, Ernährungs- und Benimmkurse, in denen Kinder all das machen dürfen bzw. lernen, was zuhause nicht läuft (z. B. weil’s schmutzt oder die Eltern glauben, dass es besonderer Kompetenzen bedarf). In Kürze gibt es sicher auch Kurse im Schleifebinden, ZImmeraufräumen, Schneemannbauen, Drachensteigenlassen - und, nach alledem, im qualifizierten Entspannen (z. B. Yoga beim Englisch-Muttersprachler).
In unserer KiTa sind die dreijährigen Mädels fast alle im Ballett, die Jungs im Fußball - aber welches dieser Kinder kann eigentlich schon einen Ball fangen oder sicher auf einem Bein hüpfen? Und erinnert ihr euch noch, wer Euch das Schwimmen beigebracht hat? Bei mir waren es Papa und Opa. Heute haben Fünfjährige schon zwei Kurse zum Seepferdchen absolviert.
Outsourcing von Erziehung, nenne ich das. Der Hintergrund oft: Die Kinder wegorganisieren und sich dabei noch auf die Schulter klopfen, weil sie ja etwas ach so Wertvolles lernen dürfen, während man selber arbeitet, shoppt, den Body shapet, twittert oder relaxt. Davon profitiert natürlich eine geschäftstüchtige Edutainment-Industrie. Was auf der Strecke bleibt? Das Alltags- und Beziehungslernen, das Erfahrungen machen ohne festen Stundenplan und Fächerkanon, das Eigene-Fragen-Entwickeln, Herumspinnen, Abhängen. Und die eigene Freude über all die seltsamen, schönen Fragen, Ideen, Formulierungen, die Kinder selbst haben, wenn man sie nur lässt.
Diese Eltern hab ich natürlich auch in der Bibliothek
- und ehrlich gesagt finde ich das gut. Du bist eine gebildete Frau mit grossem Allgemeinwissen, wie ich dich einschätze. Aber wenn jemand sich nicht auskennt ist es doch keine Schande, mit einem Kind gemeinsam das Wissen aus einem Buch zu holen. Ganz abgesehen davon, dass die Kinder so gleich nebenbei lernen, WIE man das macht. Gefällt mir jedenfalls besser als “gucken wir mal bei Wikipedia”.
Zum Thema “singen mit Kindern” fällt mir noch ein, dass unser Angebot für Eltern (und Grosseltern bzw. andere Erziehende), mit ihren 18-36 Monate alten Kindern Reime und Kinderlieder zu erlernen (also die Eltern lernen und singen dann daheim mit den Kindern) sehr beliebt ist.
@Irene: Wenn es sich um Themen handelt, die wirklich kompliziert sind, greife ich ja auch zum Buch. Zum Beispiel, wenn die Kinder mich über Erdteile ausfragen und wissen wollen, wie es da aussieht. (Einen Globus haben wir leider immer noch nicht. *hmpf*)
Was ich hier meinte, waren Themen wie die oben genannten. Völlig banaler Kram. Z. B. wenn das Kind zum ersten Mal zum Friseur soll. Oder aufs Töpfchen. (sic!) Oft sind die kinder noch so klein, daß ich mich frage, ob sie denn überhaupt verstehen, was in den Büchern steht, die ihnen dann vorgelesen werden. Oder es kommen Fragen wie “was ist Totsein?” oder dergleichen mehr. Fragen, die eigentlich jeder aus dem Lameng beantworten können sollte, auch wenn die Antwort vielleicht manchmal unangenehm oder nicht erschöpfend ist.
Stattdessen wird dann hektisch ein Buch gesucht, das diese Lebenslage irgendwie annähernd zum Thema hat, und zwar nicht als Sachbuch, sondern als Geschichte. Egal, ob diese Geschichte auf die spezielle Situation des Kindes paßt oder nicht. Kinder wollen doch reden, keine “Antworten von der Stange”. Und vor allem möchten sie zeitnahe Antworten. Ich kann doch meinem Kind schlecht sagen: “Frag mich nochmal, wenn ich ein paar Bücher zusammengesucht habe und die Amazon-Lieferung da ist!” ^^ Bis dahin muß ich mir doch eh was einfallen lassen. Ist das bei solch alltäglichen Themen denn soooo schwer? Oder ist die Scheu der Erwachsenen vor Themen wie Tod und Krankheit etc. so groß, daß sie ihre Kinder lieber mit vorgefertigten Geschichen abspeisen, statt selbst aus dem Nähkästchen zu plaudern? Vom Tod des eigenen Haustiers früher zu erzählen oder vom eigenen ersten Schultag? Davon haben die Kinder doch viel mehr!?
So ganz erschließt sich mir das nicht, muß ich gestehen…
Hallo Ute, da fühle ich mich ja glatt angesprochen. Wir lesen hier ja alle möglichen Conni-Geschichten rauf und runter und zwar vorzugsweise die, die gerade irgendeinen aktuellen Bezug zur eigenen Lebenssituation haben. Für mich ist allerdings eher das Problem, dass mein Kind eben nichts (von sich aus) wissen will. Ich finde es schön, dass meine Tochter sich in den Geschichten wiederfinden kann, Bilder dazu sieht und ich ihr so vielleicht ein Stück “Lebenserfahrung” vermitteln kann. Einem Kind, das keinerlei Fragen stellt, irgendwie die Welt zu erklären, ist nämlich verdammt schwer. Wenn ich versuche, aus meinem Leben zu erzählen, habe ich nicht das Gefühl, dass ich zu ihr durch dringe.
Und Bücher, die Saskia nicht interessieren, klappt sie gnadenlos zu und ist nicht bereit, sie sich anzusehen oder -zuhören. Dabei gibt es sooo tolle Bücher und ich würde gern auch mal was in Richtung “Kindersachbuch” oder “Phantasiegeschichte” mit ihr lesen oder ein Hörspiel hören - keine Chance. (Ich sehe aber ein, dass meine Situation für deine Frage wahrscheinlich wenig aussagekräftig ist.)
Singen und reimen tun wir allerdings viel - zum Teil haarsträubenden Unsinn - da hat sie dann auch Spaß daran.
@Graugruengelb: Wollte ich gerade sagen: Das kann man in diesem Fall wahrscheinlich nicht vergleichen. Was ich vorlesen würde, wenn mein Kind gar nicht erst Fragen stellt, wüßte ich ehrlich gesagt auch nicht. Da kann man ja tatsächlich nur per Trial & Error vorgehen und sich dabei am Feedback entlanghangeln.
Da gebe ich dir natürlich recht - wenn es nicht nur darum geht “wie weit ist der Mond von uns entfernt” oder was eine leicht verzweifelte Mutter kürzlich suchte “Kindersachbücher über die Assassinen”, weil der neunjährige Sohn davon gehört hatte und sie nun mit Fragen löcherte, sondern um Alltagsthemen, ist das schon seltsam. Vielleicht sind das die Mütter, die meine Kolleginnen die “500%-Mütter” nennt (meist sind es hier Mütter, aber es gibt bestimmt auch Väter).
Ich erinnere mich übrigens, dass bei uns keine Gutenachtgeschichten vorgelesen wurden. Meine Mutter kam abends an mein Bett, setzte sich und wir sprachen ein wenig über den Tag. Ganz oft bat ich sie “erzähl mir davon, wie du klein warst” - das waren die spannendsten Geschichten, sich meine Mutter als kleines Mädchen vorzustellen, das in einer (für mich) Astrid-Lindgren-artigen Welt lebte.
@Irene: So war das bei mir und meinem Vater auch. Er ist auf dem Land großgeworden und war in der Schulzeit auf einem Internat. Da gibt’s Stories… *g* Inzwischen erzählt er sie Saskia und Tobias.