Der Osterhase und die Säkularisierung
Im Rahmen der gestrigen Twitter-Debatte fiel die Frage, warum denn in einem Staat mit Religionsfreiheit eine Kanzlerin nicht die Säkularisierung beklagen darf, und was denn wäre, wenn wir einen atheistischen Kanzler hätten. Ob der denn dann die Säkularisierung begrüßen dürfte.
Nun… Nehmen wir als Beispiel einen Schwank aus meiner Jugend: Als ich ca. 10 Jahre alt war, habe ich in einem Österreichurlaub die ca. 5-jährige Tochter des Hotelbesitzers darüber aufgeklärt, daß es keinen Osterhasen gibt und die Eltern bzw. die Oma die Eier und Süßigkeiten verstecken. Nicht, um dem Mädel eins auszuwischen, sondern es ergab sich einfach so im Spiel, und ich war auch selbst nicht im Glauben an irgendwelche Märchenfiguren erzogen worden. Die Kleine schien diese Erläuterung auch klaglos als glaubwürdig hinzunehmen und das Thema war offensichtlich durch. Am nächsten Tag stellte sich heraus, daß sie des Abends die neue Erkenntnis samt Quelle umgehend an ihre Eltern weitergegeben hatte…
Was soll ich sagen: Perfekt passen würde der englische Ausdruck “They came down on me like a ton of bricks.” Man hat mich behandelt, wie einen Schwerverbrecher. Sowohl das Hoteliersehepaar und deren Söhne (älter als ich) als auch meine Verwandten, mit denen ich damals im Urlaub war, haben mindestens eine Stunde lang übelst auf mir herumgehackt, bis ich mich heulend bei dem Mädchen entschuld(?)igte und unter Androhung von Repressalien gezwungen(!) wurde in ihrer Gegenwart zu behaupten, es gebe doch einen Osterhasen. Ich wurde wortwörtlich als bösartig bezeichnet, weil ich dem armen kleinen Mädchen seinen süßen Glauben zerstört hätte. Und das, obwohl alle Anwesenden außer der Fünfjährigen ganz genau wußten, daß sie selbst die Kleine jahrelang zum eigenen Spaß und wider besseres Wissen angelogen hatten. Daß ich also recht hatte und die Wahrheit ohnehin irgendwann demnächst herauskommen würde.
Kurz und gut: Mir ist schietegal, ob der Kanzler meines Landes selber an den Osterhasen glaubt. Aber ich möchte ganz sicher nicht in einem Land leben, in dem ich wie damals heucheln muß, daß der Glaube an den Osterhasen der einzig Wahre ist, obwohl dies inzwischen hinlänglich widerlegt ist. Ich möchte auch nicht in einem Land leben, in dem es als Quelle der Amoral verteufelt wird, gar keinem Glauben anzuhängen, wie Merkel, Seehofer & Co das mit ihren Aussagen implizieren. Somit möchte ich erst recht nicht in einem Land leben, in dem die Existenz von Nicht- oder Andersgläubigen seitens der Regierung öffentlich bedauert und mit Besorgnis angesehen wird, wie vorgestern geschehen.
Ich möchte in einem Land leben, in dem eine religionsneutrale Verfassung* allen Einwohnern garantiert, daß sie ausschließlich nach ihrem Handeln be- und ggf. verurteilt werden. In einem Land, in dem Morde aus selbstgefällig und kritiklos ausgelegtem, angeblich religiösen “Ehrgefühl” ebensowenig toleriert oder als strafmildernd betrachtet werden wie die Einmischung eines verbiesterten und weltfremden alten Vatikanbewohners in Fragen der Medizin und Fortpflanzung. Es mag den einen oder anderen überraschen, aber genau diese Neutralität ist Grundvoraussetzung für Religionsfreiheit. Und Religionsfreiheit umfaßt übrigens auch das Recht, überhaupt keiner Religion hinterherzulaufen, wie gestern auf Twitter jemand so schön sagte.
Eigentlich hat Deutschland eine solche Verfassung. Eigentlich! Und somit lautet die Antwort auf die obige Frage: Ja, ein atheistischer Kanzler darf sehr wohl Säkularisierung begrüßen. Weil er sich damit im Gegensatz zu Frau Merkel verfassungskonform verhält.
Ansonsten: Danke, Jörg.
Nachtrag: Kluge Worte von der FDP. Es geschehen noch Zeichen und Wunder.
*(oder von mir aus auch “Grundgesetz”, für die Korinthenkacker)
... übrigens, die selbst ernannten Korinthenkacker irren, Deutschland hat eine Verfassung. Sie ist seit 1990 nicht mehr vorläufig. Verfassungen müssen auch nicht schriftlich vorliegen, einer der ältesten Staaten Europas hat zwar einige Dokumente, die bestimmen, wie es denn so zugehen soll zwischen Obrigkeit [= König] und Volk [= Adel], aber eine schriftliche Verfassung hat das UK nicht. Trotzdem handelt es sich um einen verfassten Staat.
Die meisten Menschen sind auch in einer Verfassung ohne diese schriftlich festzuhalten ...
Hihi, sag das mal @holgerschupp. Der denkt nicht nur, wir hätten keine Verfassung,
http://twitter.com/holgerschupp/statuses/27538518025
der ist sogar der Ansicht, die Wiedervereinigung hätte gar nicht stattgefunden.
http://twitter.com/holgerschupp/statuses/27541058333
Frage mich nur, was dann die Vertreter der Landesregierungen “drüben” in unserem Bundesrat zu suchen haben. Oder ob wir den Soli dann jetzt endlich wieder abschaffen und die bisher gezahlte Summe zurückfordern dürfen? ^^