Des Kaisers böse Kleider
Vielleicht fällt es (mir) auf Twitter nur mehr auf als in Blogs oder der Realität meinem physischen Umfeld, weil Tweets quasi Schlag auf Schlag ins Blickfeld des Users geschoben werden. Vielleicht ist es aber auch wirklich ein neuer Trend. Kleine Unstimmigkeiten und Imperfektionen zu einer Krise oder gar einer Verschwörung hochzustilisieren, nämlich. Innerhalb von nur ca. einer Woche sind mir da gleich drei mal mehr, mal weniger eklatante Fälle untergekommen.
1. In Frankfurt erschießt - in einem Jobcenter - eine Polizistin eine Frau, als diese ihrerseits mit einem Messer auf einen Polizisten losgeht. Die Meldung lief gerade durch die Ticker, da kam schon der Kommentar, das sei ja wohl ein gezieltes Programm der Regierung gegen Arme und Arbeitslose. Die Polizistin hätte sicherlich absichtlich so gezielt auf die Frau geschossen.
2. Eine Ministerin plädiert bei den betroffenen Eltern dafür, hörgeschädigten Kindern in aussichtsreichen Fällen Cochlea-Implantate zu ermöglichen, betont aber auch, daß sie damit keinesfalls die Gebärdensprache herabwürdigen möchte. Sie bekommt (von einer Gehörlosen) gleich zweifach eins aufs Dach. Erstens, weil die Ministerin in einer früheren Rede vergessen bzw. unterlassen hatte, auf die Gebärdensprache einzugehen, und zweitens, weil die Tatsache, daß sie sie nun berücksichtigt hat, doch nur ein Zeichen sei, daß sie die Gehörlosen auf ihre Seite ziehen wolle. Und überhaupt würden die ganzen Infos, die über Cochlea-Implantate kursieren, ja sowieso von der falschen Seite bezahlt. Tenor: Verschwörung der Cochlea-Lobbyisten und -Profiteure gegen die Gehörlosenkultur. Das ganze Traktat gegen die Ministerin wird dann auch noch reißerisch “Brandbrief” genannt.
3. Eine Userin aus Süddeutschland erwähnt beiläufig, daß sie am betreffenden Tag in zwei Geschäften keinen Zucker mehr kaufen konnte. Sogleich kommt ein Kommentar, der Zucker würde ganz bestimmt (von wem eigentlich?) absichtlich so verknappt.
Erschreckend finde ich in diesem Zusammenhang nicht nur, wie schnell manche bereit sind, hinter jeder Ungereimtheit gleich die allerschlimmstmögliche Absicht zu vermuten und dies auch direkt hyperventilierend kundzutun. (Frei nach dem Motto: “Lieber einen Unschuldigen mehr verhaften als einen Schuldigen laufen lassen!” Und oft genug, ohne überhaupt mehr als nur die Schlagzeile und den Teaser einer Nachricht zu kennen.) Mindestens ebenso erschreckt mich, wieviele andere unkritisch auf diesen Zug aufspringen und unreflektiert-aufgeregt mitwettern, wie böse doch die Industrie, die Regierung, die Gesellschaft sei.
Es gibt Dinge, die aufgezeigt und verbessert gehören, kein Zweifel. Kein Staat ist perfekt. Weil auch kein Mensch perfekt ist. Aber von Pinochets Chile sind wir wohl weit entfernt und die oben erwähnten Beispiele sind meiner Ansicht nach schlicht absurd.
Dennoch wird man schon fast zum Mittäter erklärt, wenn man nicht bereit ist, diesen Alarmismus zu teilen und weiterzuverbreiten. Ich vermute, daß dies einer der Gründe ist, weshalb viele schnell mit dem Kopf nicken und eifrig betonen, sie hätten es ja auch schon immer gewußt und unsere Gesellschaft stünde kurz vor dem Untergang. Ein anderer Grund ist vermutlich der, nicht als unsensibel oder uninformiert dastehen zu wollen. Doch das Schlimmste ist: Die Mitempörer glauben den ganzen Quatsch am Ende anscheinend tatsächlich auch noch selbst.
Ganz ehrlich: das ist keineswegs immer einfach, aber ignorieren ist ein großer Schritt in die richtige Richtung. Gestern empfahl jemand bei Facebook einen verschwörerischen Artikel zu EHEC empfohlen. Als ich ihn auf die Fehler in der Argumentation hinwies, hieß es nur, dass der Artikel aber plausibel sei. Da war ich erstmal sprachlos. Und dann kam auch direkt jemand, der meinte, den grßeren Zusammenhanf durchschaur zu haben und da bräuchte man schließlich keine Belege mehr…
@Sören: Für die eigene geistige Gesundheit (und im Interesse einer heilen Tischkante) hast Du sicher recht. Ignorieren ist das Beste. Wenn man nur nicht vor lauter Alarmgeschrei inzwischen Mühe hätte, wirklich relevante Mißstände aus all den reißerischen Panikaktionen rauszufiltern. *seufz* Ich merke an mir selber schon, daß ich eben deshalb immer weiter abstumpfe und bei jeder Meldung inzwischen erstmal geneigt bin, eher ein erfundenes Problem zu vermuten. Es gibt nur noch ganz wenige Leute, denen ich unbesehen glaube, daß tatsächlich etwas im Argen liegt, wenn sie dies behaupten.
Ich gebe zu, dass auch mir der Kragen bisweilen platzt - und ja, es ist schwer, da noch ordentlich zu filtern und zu bewerten. Aber wir sind ja beide gut vernetzt. Solange da keiner schreit, geht es noch^^
Mir geht’s da so wie Sören, den meisten Blödsinn ignoriere ich [außer ich werde direkt angesprochen]. Nicht so sehr, weil ich Angst um meine geistige Gesundheit habe, sondern weil ich ein paar Jahre Lebenserfahrung besitze. Die geistig Schwachen - nicht im klinischen Sinne, mehr wie in Star Wars - benötigen irgendeinen Halt, den ihr eigenes erbärmliches Leben nicht mehr hergibt. Also greifen Sie nach jedem Strohhalm.
Natürlich halten Strohhalme nicht besonders gut, im Falle drittklassiger Verschwörungstheorien, wie wir sie in der Echo Chamber Twitter erleben, meistens nicht mal ein paar Stunden. Vergessen wir dabei auch nicht, dass Twitter noch ein sehr junger Kanal ist, außerdem ein sehr direkter. Im Augenblick findet sich da nur eine sehr kleine Minderheit an Deutschen [oder Menschen insgesamt], selbstverständlich ist es die lautstarke Minderheit. So wenig die Irren der GOP* die Mehrheitsmeinung “der U-Amerikaner” repräsentieren, so wenig die Quartalsirren der Tea-Party-Bewegung für ‘die meisten US Amerikaner’ sprechen, so wenig Bedeutung kommt Twitterern zu.
Ein gemäßigter Fatalismus hilft ungemein, den ‘Zuckerverschwörung!’-Schreihälsen, den ‘Die-wollen-uns-alle-umbringen’-Schissern oder den ‘Mir-egal-was-geht-Hauptsache-mein-Geschäftsmodell-läuft’-Betroffenheitswerbern zu begegnen. Vielleicht habe ich Glück mit meiner genetischen Ausstattung, meiner privaten und gesellschaftlichen Sozialisation sowie mit dem historischen Kontext meiner 45 Lenze, die mir dazu verhalfen bereits in der Schule auf die blödesten Thesen einfach ‘Ja!’ zu sagen. In der Uni lernte ich - von einem großartigen Denker und guten Freund - nicht gleich zu argumentieren, sondern ganz dumm nachzufragen. Das nimmt Ärschen und Dummbretzeln den Wind.
Versuchs mal:
‘Kein Zucker da, das machen die doch mit Absicht, die sind doch hinter uns her!’ - ‘Natürlich, damit unsere Rübenbauern pleite gehen.’
‘Das ist ein fieser Plan, alle H4’ler direkt umzubringen!’ - ‘Klar, weil unserer Soylent Green Produktion der Rohstoff fehlt.’
‘Wie kann die Ministerin nur für irgendwas sprechen, dass Behinderten helfen könnte, die meint das doch gar nicht!’ - ‘Stimmt, die einzige die helfen darf, bist du.’
Ganz wichtig, das alles ruhig und ernsthaft zu sagen. Sonst meinen die noch, man mache sich über sie lustig. Dabei schaffen sie das selbst viel besser.
*Nicht missverstehen, das war mal eine respektable Partei, die auch heute noch den einen oder anderen intelligenten Kopf hat.
Ich bin ehrlich gesagt froh, daß ich der Nachrichtenflut bei Twitter tagsüber entfliehen kann - ich fühle mich ihr nämlich nicht gewachsen.
Wenn irgendwelche schwachsinnigen Themen Überhand nehmen, filtere ich sie über TweetDeck einfach aus. Den Kachelmann vor ein paar Tagen zum Beispiel.
Es ist eigentlich wie bei einer gut besuchten Party im Real Life: Alle quatschen durcheinander, aber man hört ja auch da nicht überall zu oder redet überall mit, sondern pickt sich die Rosinen aus dem Kuchen.