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Die Gesellschaft, dein Feind und Helfer.

Und es begab sich auf Twitter, daß sich eine Debatte entspann um Behinderung. [Editiert, damit die Diskussion nicht abdriftet]
Letztendlich ging es aber um die Frage, inwieweit “die Gesellschaft” die Behinderung eines Individuums “wettmachen” könne und müsse.

Die These einer Teilnehmerin scheint - wenn ich das richtig verstanden habe - zu lauten, daß die Gesellschaft sich nur genug Mühe geben muß, und die Behinderung wird egal und der Behinderte kann exakt genau so leben wie alle anderen auch. Oder anders formuliert: “Behindert ist man nicht, behindert wird man.”

Meine These, von der ich noch immer überzeugt bin: Jede Behinderung wird in erster Linie verursacht durch ein körperliches oder geistiges Defizit des Individuums, nicht durch “die Gesellschaft”. Es wird immer Dinge und Bereiche geben, die “die Gesellschaft” bei aller Mühe, die sie sich gibt, nicht wettmachen kann und schon erst recht nicht verursacht hat. Ein Blinder wird zum Beispiel einen Film im Fernsehen niemals genau so wahrnehmen wie ein Sehender, egal wie gut die Audiokommentare oder auch die Beschreibungen desjenigen sind, der den Film sehend kommentiert. Nie wird er den genauen Gesichtsausdruck, Blickaustausch, Gestik etc. wahrnehmen. Während ich anerkenne, daß Integrationsbemühungen auch von Seiten der Nichtbehinderten kommen müssen, halte ich diesen Satz für überzogen und für einen echten, gleichberechtigten Dialog absolut kontraproduktiv. Im Prinzip heißt jener Satz nämlich nichts weiter als “An jedem Nachteil, der mir durch meine Behinderung entsteht, seid immer nur Ihr anderen schuld.” Der Nichtbehinderte wird quasi zum Feind, den es zu besiegen und zu zähmen gilt, bis er demütig begriffen hat, wo sein Platz ist und was er gefälligst zu leisten hat. Ich finde es gegenüber Nichtbehinderten unfair, sie derart unter Druck zu setzen und das Bild zu vermitteln, Behinderte seien grundsätzlich das Opfer der sie umgebenden, un- oder gar böswilligen Gesellschaft.

Im Zuge der Debatte versuchte ich, die andere Teilnehmerin darauf hinzuweisen, daß von der ach so bösen und unwilligen Gesellschaft und auch von Lebenspartnern, Kindern etc. der Betroffenen schon unendlich viel geleistet wird, um Behinderte zu integrieren. Leider hatte ich in dem Gespräch aber den Eindruck, daß dies nicht anerkannt und gewürdigt wird, sondern nur die noch immer verbleibenden Defizite gesehen werden, neue Forderungen gestellt werden. Wenn irgendetwas nicht geht, meinte diese Person, dann liege das nur daran, daß derjenige nicht genug nachgedacht, sich nicht genug Mühe gegeben hätte.

Doch damit nicht genug: Als ich erklärte, daß es für Sehende zum Beispiel eindeutig einen Qualitäts- und Spaßverlust bedeutet, Audiokommentare für Blinde zu einem Film mit anzuhören, schlug mir Empörung entgegen. Jedoch: Es ist nun mal Fakt. Da quasselt jemand dazwischen mit Informationen, die für uns Sehende völlig redundant sind. Gleiches gilt erst recht für diejenigen, die ihrerseits für einen Blinden einen Film live kommentieren. Während sie A noch erklären müssen, verpassen sie vom Dialog Teil B. Daß man dies als Sehender natürlich in Kauf nimmt und im Leben nicht auf die Idee käme, sich deshalb beim Blinden zu beklagen, steht auf einem ganz anderen Blatt und wurde von mir auch deutlich klargestellt. Es ging mir lediglich darum, mal generell aufzuzeigen, daß die Hilfe, die geleistet wird, auch für den Helfenden einen Preis hat und nicht nur der Behinderte das “Opfer” ist.

Gestern schien es jedoch zu genügen, das überhaupt einmal anzusprechen und aufzuzeigen, um von meiner (blinden) Gesprächspartnerin direkt übelst verbal angegriffen zu werden. Ich solle aufhören, Behinderte weiter zu sanktionieren

(WIE BITTE?), ich müsse wohl krank und ausgebrannt sein (von was?) und sollte mal zum Arzt gehen, wenn mir die Person weniger wert sei als ein Film. (Vorher nicht zugehört?) Und überhaupt sei das alles typisch deutsch. (Gut, damit wäre dann wohl geklärt, daß ein Arzt das wohl auch nicht richten kann…^^)

Das war für mich dann allerdings auch das sofortige Ende der Diskussion.

Mal Klartext: Was seitens solcher Leute gefordert wird, läuft auf generelle und emotionale Erpressung hinaus. Da wird die Verantwortung ausschließlich auf die Seite der Nichtbehinderten übertragen. Bei allem, was für den Behinderten schiefgeht oder nicht erreichbar ist, sind nur die anderen schuld. Was für ein herrlich einfaches Weltbild! Daß die geleistete Hilfe durchaus auch für die Nichtbehinderten erhebliche Einschränkungen und Beeinträchtigungen mitbringt, die auch weit über einen zugequasselten Film hinausgehen, soll gefälligst nicht nur totgeschwiegen werden - nein! Noch besser: Man hat all das gefälligst auch noch jederzeit gerne zu tun und jegliches Empfinden einer eigenen Einschränkung vollkommen zu unterdrücken. Eigene Freiräume sind nicht erlaubt, die eigenen Bedürfnisse müssen jederzeit und permanent denen des Behinderten untergeordnet werden. Tut man das nicht, ist man böse, egoistisch und unwillig. Auf jeden Fall hat man einen schweren Charakterfehler oder ist eben krank. Da kann ich nur sagen: Danke fürs Gespräch und auf Nimmerwiedersehen.

Jemand, der permanent mit derart überzogenen Forderungen bedrängt wird und dessen bisherige Bemühungen nicht nur für selbstverständlich gehalten, sondern sogar ignoriert oder gar negiert werden, wird irgendwann gar nicht mehr helfen wollen und sich abwenden. Da wird Unmögliches verlangt. Dem kann man als Nichtbehinderter nicht gerecht werden, und man muß es auch gar nicht. Auch wir sind nicht allmächtig und nicht unfehlbar. Auch wir haben eigene Bedürfnisse, Sorgen und Probleme und keine endlosen Kräfte, keine endlose Geduld. Und das ist auch unser gutes Recht.

Mich gruselt bei der Vorstellung, daß diese Person, mit der ich mich gestern unterhalten habe, offenbar auch Öffentlichkeitsarbeit macht und Behinderte gegenüber Nichtbehinderten repräsentiert. Solche Leute reißen trampeltierartig mit dem Hintern um, was andere mit den Händen im Dialog mit Nichtbehinderten aufgebaut haben. Wäre sie die erste Blinde gewesen, mit der ich mich unterhalten habe, ich würde nie wieder einen von ihnen ansprechen. Mit der Person von gestern will ich jedenfalls nichts mehr zu tun haben. Und erst recht möchte ich ihr niemals helfen müssen.

Teilweise war ich gestern ja auch in der Unterhaltung dabei und ich muss sagen, dass mir der Ton insgesamt auch ein wenig sauer aufgestoßen ist.
Da wurden wirklich Erwartungshaltungen geäußert, die einfach nicht von der Gesellschaft erfüllt werden können.
Und dass behinderte Eltern sich behinderte Kinder wünschen und dies mittels Gen-Design umsetzen, geht für mich einfach zu weit.
Meiner Meinung nach, sollten Eltern alles dafür tun, dass ihre Kinder die größtmögliche Entwicklung erfahren können.
Wenn man sich wie in dem genannten Fall dazu entschließt, dem Kind vorab schon einen Hörschaden zu verpassen, dann grenzt das meiner Meinung nach schon an Körperverletzung.
Das hat ganz und gar nicht mit Reparaturwillen der Gesellschaft zu tun, sondern mit Verhinderung der Chancengleichheit.



Vielen Dank für Deinen offenen und ehrlichen Blog-Post. Ich bin zwar teilweise etwas Meinung als Du, finde aber, dass Du einen sehr wichtigen Punkt ansprichst. Das Wichtigste wäre, wenn alle Menschen - seien sie nun behindert oder nicht - den Gedanken der Inklusion wirklich leben würden. Inklusion bedeutet, dass Menschen mit und ohne Behinderung EINE Gesellschaft darstellen. In Deinem Post klingt es eher so, als stünden wir behinderten Menschen außerhalb Eurer Gesellschaft. Wenn wir diesen Gegensatz aufbrechen wollen, dann verlangt das in der Tat wechselseitiges Verständnis und Respekt.



@Heiko: Stimmt, S. steht in gewissen Sinne in der Tat außerhalb “meiner” Gesellschaft. Da stellt sie sich aber selber hin, wenn sie von ihrem Umfeld Unmögliches verlangt. Sie ist es ja, die uns zu “den anderen”, “den Schuldigen” erklärt hat. Das macht keinen gleichberechtigten Dialog mehr möglich, und mit solchen Leuten will ich auch gar keinen führen, denn sie mißachten mich als Person. Da gebe ich mir auch nur so viel Mühe zur Integration wie ich eben muß. Ich würde sie auf der Straße nicht überfahren lassen, aber nie und nimmer wäre ich bereit, jemandem mit derartigen Ansprüchen z.B. einen Film zu kommentieren. Da ist echt der Ofen aus und jegliche Hilfsbereitschaft am Ende.



Liebe Ute,

hier muss ich dir weitgehend widersprechen und fürchte, dir fehlt die Innensicht des Behinderten. Du hast sicher recht, dass man von seinem Umfeld nicht ungmögliches Verlangen kann und ein blinder eben niemals wirklich wahrnehmen kann, was man nur sehen kann. Ich lebe in der Hybrid-Welt: Als Kind hörend, heute gehörlos, mit Hörgeräten irgendwas dazwischen. Ich weiß, was ich beim Hören verpasse und ich weiß, dass das, was ich hier im Netz mache, zwar meine Kommunikationsdefizite ausgleicht, der Kneipenabend für mich deshalb trotzdem nicht dasselbe ist - genau wie der Blinde einen Hörfilm eben trotzdem nicht sieht. Unterm Strich heißt das: Ich verpasse viel.

Hier kommt der springende Punkt: Wir alle verpassen alles mögliche. Teils ist es unsere freie oder unbewusste Entscheidung, teils sind es “Behinderungen”, die nicht medizinischer Natur sind wie Herkunft, Sozialisation usw. Dafür vertiefen wir aber das, was wir können/gerne tun, das heißt, unsere Umgebung und wir selber mit unseren Talenten und Handicaps formen unsere Welt, die für jeden Menschen anders aussieht, so wie jede Timeline bei Twitter anders aussieht. Den Verlusten stehen Gewinne gegenüber. In meinem Fall zum Beispiel die göttliche Möglichkeit, für absolute Stille zu sorgen, wenn ich welche will. Kannst du nicht! Wer ist jetzt behindert?

Du kannst gerne anderer Meinung sein, aber diesen Eltern verbieten, Nachwuchs zu bekommen, obwohl sie wissen, dass er mit fast 100% Sicherheit taub ist (und das vielleicht noch zu begrüßen), geht einfach nicht. Oder möchtest du Eltern, die erfahren, dass ihr Kind Down-Syndrom haben wird und es tatsächlich schaffen, sich zu freuen und das Kind so zu akzeptieren, wie es ist, eine Abtreibung vorschreiben?



Moment, Enno, um die Nachwuchsfrage geht es hier gar nicht. Ich fände es auch schade, wenn die Diskussion nun dahin abdriften würde, denn der Punkt auf den ich eigentlich eingegangen bin, ist mir hier und jetzt wesentlich wichtiger.



OK, und vor allem: Ich verstehe sehr gut, dass du die Meinung hast, die du hast und dich über Angriffe aufregst. Ich plane dazu übrigens noch einen eigenen Blogpost. LG, E.



Ich habe den Teil der Diskussion, um den es in deinem Bericht geht, nicht mehr verfolgt, habe aber sehr viele eigene Gedanken dazu, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Jeder Mensch ist mal wütend, und ich habe deine Wut in diesem Artikel gelesen. Aus eigener Erfahrung weiß ich aber auch: Es ist nicht immer leicht, Hilfe anzunehmen, man weiß sehr genau, was man dem Hilfegeber damit antut, verbaut, erschwert usw. Daher sind wir, ich bin selbst blind, auch immer zu größtmöglicher Dankbarkeit, Bescheidenheit usw erzogen worden. Glaube nicht, dass es allgemein so ist, dass wir dies nicht kennen oder fühlen. Die Materie ist sehr komplex. Es gibt Menschen, die haben das Gefühl, nie ernst genommen zu werden, ganz unabhängig von der Frage, ob es stimmt oder nicht. Irgendwo muss auch deren Wut hin.



Ich bin aber durchaus der Ansicht, dass es für die meisten Probleme, die beim Zusammenleben von Behinderten und Nichtbehinderten entstehen, durchaus technische Lösungen gibt, die für alle Beteiligten akzeptabel sein dürften. Dein Beispiel mit den Audiobeschreibungen für Blinde ist so ein Fall: Es spricht z.B. nichts dagegen, dass der Blinde die Audiobeschreibungen per Funk erhält, die er sich dann über Kopfhörer anhören kann. Das ist technisch trivial, es mangelt nur daran, dass die meisten Heimkinoplayer nur eine Tonspur ausgeben können. Das wäre für die Hersteller aber auch vergleichsweise trivial umzusetzen, wenngleich die Preise natürlich etwas in die Höhe gehen würden. Das Problem ist jetzt nur, dass es bei den Herstellern kein Problembewusstsein dafür gibt oder der Aufwand/die Kosten für die Randgruppe zu hoch sind und dies daher nicht umgesetzt wird. Abhilfe würde hier aber eine gesetzliche Richtlinie bringen, die vorschreibt, dass Hifi-Komponenten behindertengerecht ausgestattet sein müssen und das alle Filme, TV-Programme, etc. mit entsprechenden Beschreibungen versehen werden müssen.
Das ist jetzt nicht so utopisch, wie man annehmen möchte, da es genau so eine Vorgabe in den USA in Bezug auf Closed Captions (=zuschaltbare Untertitel) gibt mit dem Resultat, dass die USA quasi das Paradies für Hörgeschädigte darstellt. Dort müssen alle neu gebauten Fernseher einen Decoder für Closed Captions besitzen, bald muss es eine extra Taste für Untertitel auf der Fernbedienung geben und die Sendungen müssen ebenfalls untertitelt werden.

Aus Sicht eines an Taubheit grenzenden Hörgeschädigten kann ich nur sagen: Es handelt sich noch um eine vergleichsweise harmlose Behinderung (Querschnittslähmung oder Blindheit stelle ich mir schlimmer vor), allerdings ist die Lebensqualität trotzdem eingeschränkt:
- Parties sind eine Qual, da alle durcheinander reden und man quasi nichts mitbekommt
- Kino fällt zum großen Teil flach, da Dialoge nicht untertitelt sind. Transformers Teil 25 kann man angucken, da dort die Story eh egal ist, aber dialoglastige Filme gibt es dann irgendwann auf DVD.
- Im Fernsehen ist zwar für die Ü60-Fraktion vieles untertitelt, aber wenn ich mir z.B. aktuelle US-Serien bei RTL/Sat.1/ProSieben/Vox angucken möchte, klappt dieses nicht, da es keine Untertitel gibt. Gott sei Dank sind zum Glück die Nachrichten bei den Öffentlich Rechtlichen weitestgehend (wenn man mal von den Tagesthemen absieht) untertitelt.



@Lars ich wäre sehr sehr vorsichtig, welche Behinderung als “harmlos” eingestuft wird. Ich empfinde eine Kommunikationsbehinderung als erheblich schlimmer und würde sofort mein Augenlicht hergeben, wenn ich dafür mein Gehör zurück bekäme. Solche Diskussionen sind müßig.



@Jens: Ich möchte eigentlich gar keine “Dankbarkeit”. Mir geht es hauptsächlich darum, daß bei diesem radikal fordernden Personenkreis schlicht Bewußtsein und Verständnis dafür geschaffen wird, daß auch Nichtbehinderte ihre Grenzen haben und dies auch dürfen, ohne gleich einen Charakterfehler angedichtet zu bekommen.

Die Art und Weise, wie ich gestern angegangen wurde, war schlicht unter aller S*u, und eine so eingestellte Person würde ich auch dann aus meinem Leben kicken, wenn sie keine Behinderung hätte.

Mir ist aber aus eigener Erfahrung klar, daß solche Angriffe auf bzw. derart überzogene Forderungen an “die Gesellschaft” nur von einer Minderheit kommen. Nur fällt diese Minderheit bei Nichtbehinderten viel mehr auf als diejenigen, die einen ganz normalen Dialog auf Augenhöhe führen und führen möchten. Das schadet der Sache der Behinderten immens! Denn die moderate Fraktion wird doch mit der Radikalfraktion unweigerlich in einen Topf geschmissen.

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@Lars: Ich war im Blindenmilieu ja hauptsächlich vor ca. 20 Jahren unterwegs, bevor ich zu Hause ausgezogen bin. Damals gab es diese Dinge noch nicht. Finde ich prima, daß man da inzwischen technisch Abhilfe zumindest schaffen _kann_, wenn man möchte. Alles, was beiden Seiten die Sache einfacher macht, kann der Integration nur dienen. Die Entwicklung all dieser Dinge signalisier ja (neben gesundem Profitbewußtsein *g*) durchaus die Bereitschaft der Gesellschaft, auf die Probleme beider(!) Seiten einzugehen.

Ich muß allerdings sagen: Damit genau das passieren kann, ist es halt Grundvoraussetzung, daß auch die Bedürfnisse beider Seiten (an)erkannt werden. Und genau das war in dem gestrigen Dialog nicht mal ansatzweise zu erkennen. Daher dieser ziemlich zorngeladene Eintrag von mir hier. Denn die Bereitschaft zu helfen und sich Gedanken über Lösungen zu machen wird sicherlich mit beiderseitigem Respekt und beiderseitiger Rücksicht wesentlich mehr gefördert als durch einseitigen und noch dazu reichlich unfairen Druck oder gar Beschimpfungen und Verunglimpfungen. Da hört zumindest mein Wille zur Kooperation dann echt auf.



@Heiko: Deine gestrige Bemerkung auf Twitter, Inklusion dürfe nicht von persönlichen Sym- und Antipathien abhängen, habe ich leider gerade erst entdeckt. Da das Thema auf Twitter ja langsam durch ist, antworte ich mal hier:

Ich denke, in vielen Fällen wird umgekehrt ein Schuh daraus. Im vorliegenden auf jeden Fall.

Egal ob behindert oder nicht, wer sich benimmt wie die Axt im Wald, darf von seinen Mitmenschen eben keine Unterstützung erwarten, die über das Mindestmaß hinausgeht. Das hat ganz einfach etwas mit Mit-Menschlichkeit zu tun, nicht mit Integration, Inklusion oder sonstwas.

Wie schon gesagt: Ich würde nicht zulassen, daß eine solche Person irgendeiner Gefahr ausgesetzt wird oder bleibt, wenn ich es verhindern kann. Aber - vor allem außerhalb meiner Familie - ginge es mir ziemlich sonstwo vorbei, ob derjenige seinen Film erklärt bekommt oder nicht, um mal bei dem obigen Beispiel zu bleiben. Behinderung ist kein Freifahrtschein. Mieses Benehmen gegenüber anderen hat nun mal die Konsequenz, daß man anschließend gemieden wird. Integration kann doch bitte nicht heißen, daß Nichtbehinderte sich jedwede Ausfälligkeit bieten lassen und auch noch die andere Wange hinhalten müssen, um nicht der Integrationsunwilligkeit bezichtigt zu werden. Wer uneingeschränkt als Mit-Mensch angesehen werden will, muß sich auch an den selben Maßstäben messen lassen.

Aber das muß ich Dir ja eigentlich auch gar nicht sagen. Dummerweise erreicht es nur leider diejenigen nicht, denen man es gerne sagen würde. Nun ja.



PS: Auch das ist Integration und Gleichberechtigung, wenn man sie tatsächlich konsequent(!) fordert: Daß man nämlich auf dem zwischenmenschlichen Gebiet nicht auf seine Vorrechte als Behinderter pochen und Leistungen einfordern darf, während man gleichzeitig auf der anderen Person und ihren Rechten und Bedürfnissen rumtrampelt.



Ich würde gern noch mit etwas Abstand ein paar Dinge hinzufügen.

Ute, du hast geschrieben, dass Behinderung hauptsächlich ein Defizit des behinderten Menschen ist. So sehr ich diese Aussage sachlich verstehe, so sehr muss ich nach einigem Nachdenken sagen, dass ich dem in Teilen widersprechen muss. Behindertenverbände und -Aktivisten weisen zurecht daraufhin, dass durch diese Sichtweise der behinderte Mensch auf seine Behinderung reduziert wird. Behinderung ist eine selbst nicht verschuldete Einschränkung, die in einer modernen Gesellschaft Nachteilsausgleich und Solidarität zur Folge haben sollte. Darum habe ich auch ein Problem mit der Gehörlosenethnie, um die es ursprünglich ging. Ich stimme zwar dem Spruch “Behindert ist man nicht, behindert wird man” nicht voll zu, aber es ist immer noch viel zu tun, um eine gleichberechtigte Teilhabe zu ermöglichen. Dies sollte mit gegenseitigem Respekt und gemeinsamen Anstrengungen erfolgen. Wenn diese Anstrengungen angegangen werden, gemeinsam, meine ich, dann ist das schon die halbe Miete, weil Gemeinschaft schon der Grundgedanke von Inklusion ist. Menschen mit Einschränkungen sind Teil der Gesellschaft, das ist Inklusion. Daher hat Behinderung für mich zwei Komponenten. Sie ist eine nicht selbst verschuldete Einschränkung und wird von der Gesellschaft, hier vor allem staatliche Organe, bislang nur unvollkommen bis mangelhaft ausgeglichen. Menschen mit Behinderung werden oft auf ihre Einschränkung reduziert und ihnen wird gesagt, was sie nicht vermögen. Wer aber einen gesunden Menschenverstand hat, weiß das selbst und sucht nach möglichst effektivem Ausgleich.



Dann noch mal zum Hörfilm: Dass er dich als erklärende oder sehend zuhörende Person einschränkt, das kann ich mir gut vorstellen. Wenn du dir aus reiner Neugier mal die Mühe machst, die Augen zu schließen, vorzugsweise zuerst bei einem Film, den du schon kennst, und dann bei einem Film, den du noch nicht kennst, wirst du feststellen, wie interessant die Bildbeschreibung ist. Ich habe großen, sehr großen Respekt vor den gemischten Gruppen aus Sehenden und Blinden, die die Filmbeschreibungen machen, die übrigens immer in Dialogpausen eingefügt werden. Das ist eine hohe Kunst. Du hast natürlich recht, dass ein ertaubter oder von geburt an gehörloser Mensch nie das Rascheln der Blätter hören und ein Blinder nie einen Regenbogen sehen wird. Dort ist eine nicht zu ändernde Einschränkung. Aber so sehr ein Regenbogen schon von Sehenden unterschiedlich wahrgenommen wird, so sehr wird er auch von Blinden, die ihn beschrieben bekommen, unterschiedlich wahrgenommen. Übrigens kann auch für einen blinden Menschen z. B. ein Sonnenuntergang eine wundervolle Erfahrung sein, allein schon, weil er die schöne, gelöste, romantische Stimmung seiner Mitmenschen fühlt, die gemeinsam mit ihm den Sonnenuntergang betrachten. Wäre für uns das Defizit immer am wichtigsten, könnten wir selten ein erfülltes und normales Leben führen. Interessanterweise ist ihr Defizit für *die Leute* besonders wichtig, die sich am vehementesten dagegen wehren, wie die Gesprächspartnerin auf Twitter. Für sie, und nicht für ihre Umwelt, ist ihre Behinderung der Mittelpunkt allen Seins.



@Jens: Der von Dir beanstandete Satz ist doch keine Wertung oder Reduzierung des Menschen, sondern nur ein Hinweis auf die biologische Ursache. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Ich habe auch nirgendwo irgendwas von selbstverschuldet geschrieben.

Der Satz war nur als Gegenargument zu der Behauptung gemeint, behindert sei man nicht, man würde es durch “die anderen” gemacht. _Das_ ist nämlich erst recht falsch. Denn da wird in der Tat die Gesellschaft zur Ursache der Behinderung erklärt. Die Gesellschaft sei also quasi schuld an der Behinderung. Das ist plakativ und eine in meinen Augen kontraproduktive Formulierung. Ich habe niemandem das Augenlicht oder das Gehör genommen. Daß ich im Rahmen meiner Möglichkeiten eine moralische(?) Pflicht zur Unterstützung habe, und eine Pflicht, diesen Menschen als Menschen anzusehen, nicht als Produkt von Blindheit o.ä. - das steht auf einem ganz anderen Blatt.

Ich gebe gerne zu, daß vielleicht noch vieles möglich wäre, das noch nicht angedacht oder umgesetzt wurde, aber da sind wir dann wieder beim Thema Grenzen. Es geht eben nicht alles für alle über Nacht! Aber es geht doch immehin voran! Bewußtsein für eine bestimmte Problematik kostet Zeit, technische Entwicklungen kosten Zeit und oft genug auch Geld. Daraus aber unterschwellig eine “Schuld” der Gesellschaft abzuleiten und diesen mißliebigen Satz in dieser vorwurfsvollen Form unters Volk zu bringen, verkennt all die Bemühungen, die bereits erfolgt sind. Das ist nicht nur in der Kinderpädagogik eine ganz, ganz schlechte Motivation.

Hier wird der Gesellschaft nicht nur ihre mangelnde Perfektion vorgeworfen (bitte wie soll das überhaupt je erreicht werden?), sondern auch direkt Unwillen und mangelnde Bereitschaft unterstellt, wo oftmals einfach nur mangelnde Information oder mangelnde Zeit oder mangelnde Mittel vorliegen. Ich persönlich finde das unverschämt und den obigen Satz wie gesagt als Leitsatz, wie man ihn oft hört und liest, völlig unmöglich. Damit vergrault man die Menschen, statt sie zu motivieren. Das muß auch anders gehen.



@Enno Behinderungen sind natürlich immer mit Einschränkungen versehen und die Empfindung was jetzt “harmlos” ist und was nicht, dürfte auch mit der persönlichen Lebensgeschichte zu tun haben. Ich bin seit dem Kindesalter hörgeschädigt und kenne es nicht anders und komme damit (mit den genannten Einschränkungen) ganz gut zurecht, insbesondere da mittlerweile immer mehr über schriftliche Kommunikation (SMS, Mails, Chats, Twitter/Facebook, etc.) gemacht wird. Daher kann ich für mich in meiner jetzigen Situation sagen: Blindheit oder Querschnittslähmung wären für mich deutlich schlimmer als die vorhandene Hörschädigung - das der Idealfall wäre, überhaupt keine Behinderung zu haben, ist natürlich klar smile



Halt, stopp! Du hast mich missverstanden. Ich wollte dir keinen Vorwurf machen. Ich habe nur zu sagen versucht, dass man dadurch, dass man das Hauptgewicht seiner Betrachtung behinderter Menschen auf das Defizit legt, oft gerade von politischer Seite suggeriert, dass man nichts tun und ändern kann. Ich verlange viel mehr von der Politik, als von Privatleuten, beispielsweise die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. Ich erwarte, als Mensch, als Bürger, als intelligentes Wesen ernst genommen zu werden. Daraus entstand der Satz, den du nicht magst, was ich wie gesagt verstehen kann. Ich versuche nur, etwas Verständnis dafür zu wecken, dass es zumindest in der Politik oft eine bewusste Entscheidung ist, aus Kostengründen nichts zur Verbesserung der Lebenssituation behinderter Menschen zu tun. Ich wollte nur erklären, wie der Satz entstehen konnte, und ich wollte sagen, dass einige Menschen diese Ansicht auf Privatpersonen übertragen. Ich bin wirklich der Letzte, der mehr fordert, als er zu geben bereit wäre, für mich ist das Miteinander wichtig. Nur: Der Satz ist glaube ich nicht als Unverschämtheit, sondern als Analyse einer hauptsächlich politisch und gesamtgesellschaftlich entstandenen Situation gedacht. Denn würde man nicht behindert, könnte man viele der durch die körperliche Einschränkung entstandenen Nachteile teilweise ausgleichen. Um nicht mehr behindert zu werden, ist es aber nicht notwendig, dass Nichtbehinderte über ihre Kräfte geben, zu viel Rücksicht nehmen müssen etc. Das ist das verquere Weltbild bestimmter aggressiver Personen. Also: Das Defizit ist natürlich da und die biologische Ursache, aber man kann viel tun, wenn es nur erwünscht ist. Oft ist es das von politischer Seite nicht, also wird man immer wieder behindert. Sor würde ich das zusammenfassen.



@Jens: Sorry, Dein letzter Kommentar kam rein, als ich meine Antwort auf den vorletzten schrieb. Ich hoffe, es geht jetzt nicht zu sehr durcheinander.

Ich stimme Dir zu, daß auch ohne zu hören oder zu sehen ein Film, Regenbogen oder was auch immer ein Genuß sein kann. Den ich durch Ausschalten meiner entsprechenden Sinne nachvollziehen kann. Ich käme auch nicht auf die Idee, jemandem diesen Genuß absprechen zu wollen oder denjenigen deshalb auf seine Behinderung reduzieren zu wollen. Sonst wäre ich bei S. Kommentaren auf Twitter wohl kaum so sauer geworden.

Nur - für einen Nichtbehinderten bedeutet die Begleitung eines Behinderten dennoch, daß er in gewissem Maß seinen eigenen Genuß auf denjenigen des Behinderten reduzieren muß. Der Nichtbehinderte bekommt die selben Schranken auferlegt wie der Behinderte. Nicht nur der Filmkommentator, der “live” erklärt oder die Audiokommentare mithört, sondern zum Beispiel auch der Partner eines Rollstuhlfahrers, der plötzlich bestimmte Arten von Urlaub abhaken kann. (Mein frz. Freund saß im Rollstuhl) Mit Glück hat der Behinderte dann dafür Verständnis, daß  man auch diese Bedürfnisse ausleben möchte und vielleicht auch mal ohne den Rollstuhlfahrer in den Action-Urlaub fährt oder mal ohne den Blinden auf Museumstour geht oder sich einen Fotokurs gönnt. Mit Pech gerät man an einen Menschen, er von seinem Begleiter die Unterdrückung aller eigenen Bedürfnisse fordert. (“Ist Dir Dein Vergnügen etwa wichtiger als ich?”) Da frage ich mich dann, wer bitte wen behindert. Denn das macht niemand ein Leben lang mit, der nicht irgendwo masochistisch veranlagt ist.

Zu Deinen letzten drei Sätzen übrigens ein “Full ACK” von mir.



@Jens: Ah, Ok, alles klar. Dann sind wir einer Meinung. Es ist eben dieses Übertragen auf Privatpersonen, das mir Bauchweh bereitet.



Ich glaube, unsere Debatte ist jetzt beendet, denn dass man z. B. als Lebenspartner eines behinderten Menschen auch mal eine andere Art von Urlaub und Erlebnis machen will, kann ich gut nachvollziehen. Oft gibt es allerdings Möglichkeiten, behinderte Menschen einzubeziehen, ohne dass man als Lebenspartner dafür verantwortlich wäre. So können bei guter Planung beide voll auf ihre Kosten kommen.



@Jens: Daß diese Möglichkeiten erstmal ausgeschöpft werden, setze ich natürlich voraus. In jeder Partnerschaft. Denn die Vorlieben und Abneigungen sind ja nie vollkommen kongruent. Mit mir hätte mein Mann nie eine Fahrradtour an der Mosel entlang machen können. Dafür reicht bei mir weder Kondition noch Motivation. Also fuhr er eben mit seiner besten Freundin. Er hatte seinen Spaß und ich habe die Zeit alleine genossen. Alle glücklich, Thema gegessen. Andere Ehepartner wären alleine bei der Vorstellung schon im Sechseck getickt. Auch da ist der Ärger vorprogrammiert.

Der Satz mit dem eigenen Vergnügen stammt übrigens aus der Twitterdebatte von vorgestern. Da hat’s mich ja dann doch aus den Socken gehauen. Das hat mit Integration reineweg gar nichts mehr zu tun. Da wird das nichtbehinderte Gegenüber nur noch ausgesaugt und ausgelaugt. Und da wundert’s mich dann auch nicht mehr, wenn das Umfeld sich abwendet.



Ich gehöre ebenfalls zu den Hybriden, früher sehend, seit einigen Jahren blind. Kenne also die “helfende-” und “Hilfe benötigende” Seite. Vieles, was ich früher an Unterstützung gegeben habe, ist mir mit der Zeit zur Selbstverständlichkeit geworden, aber eben nicht alles. Ich halte das für ganz normal, so wie es auch in Beziehungen (im weitesten Sinne) zwischen nicht-Behinderten normal ist, nicht in jedem und bei allem Unterstützung zu bekommen und manchem Interesse eben alleine oder mit anderen Gleichgesinnten nachgehen zu müssen.
Übrigens könnte man, wenn man im Blog liest, auf die Idee kommen, daß nicht-Behinderte generell die Gebenden, und Behinderte die Nehmenden sind. Das sehe ich natürlich nicht so.
Mir gefällt weder, daß Leute der Meinung sind, daß sie was ungemein Großartiges machen, wenn sie einem Behinderten helfen, noch daß Behinderte in demütige Dankbarkeit verfallen, oder in das Gegenteil - indem sie von Privatmenschen die Selbstaufgabe fordern.
Was die Politik angeht, sehe ich es allerdings ähnlich wie @Jens. Da gehört noch eine Menge getan in Sachen Gleichstellung und Inklusion.



@Roswitha: Ich bin voll und ganz Deiner Meinung.

Vielleicht magst Du auch folgenden Text von mir mal lesen, der allerdings bereits ca. 10 Jahre alt ist:

http://ute-gerhardt.net/adacta/behinderte.shtml



Schließlich gibt es jetzt ja auch Schule RWB in Essen und andere Schulen, mit der Bezeichnung “Förderschule, Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation”! Müsste der Förderschwerpunkt nicht eigentlich “Kommunikation und Integration” lauten? Das unsere Kommunikation gefördert werden muss, ist ja noch einleuchtend. Mein Hören zu fördern, bei aller Kompetenz der Pädagogen, traue ich hier jedoch keinem zu. Wie sollen denn Sonderpädagogen das nicht vorhandene Hören eines Gehörlosen fördern?

Wie stellt Ihr das eig. vor?



@hewritessilent: Ich vermute mal, es geht darum, jedes noch vorhandene Resthörvermögen bestmöglich auszunutzen zu lehren. Ist in Schulen für Sehbehinderte ja nicht anders, wo auch das restliche Sehvermögen - falls vorhanden - für Dinge wie Orientierung im Raum etc. herangezogen wird.

Bei Vollblinden oder völlig Gehörlosen erübrigt sich sowas natürlich, aber das sind ja nicht alle, die eine solche Schule besuchen.



Hallo Ute,

im Großen und Ganzen gebe ich Dir recht, und behindertenfeindlich sehe ich Deinen Beitrag überhaupt nicht. Auf eine Sache muss ich aber unbedingt eingehen: Mir persönlich helfen die Audiodeskriptionen auch, “obwohl” ich (mit Brille) sehr gut sehen kann! Und zwar aus folgendem Grund:

Ich bin Asperger Autistin und nur bedingt in der Lage, Gestik, Mimik, Körpersprache und dieses “Zwischen den Zeilen lesen” zu verstehen, intuitiv schon gar nicht. Da sind gut gemachte Audiodeskriptionen ein Segen für mich, ich verstehe manche Szenen eines Films einfach besser und kann obendrein noch lernen.

Ich bin übrigens erst durch meinen Herzensmann Marco Zehe an den - für mich - wahren Luxus von Hörfilmen gekommen und bin sehr froh darüber. Leider gibt es viel zu wenige! Es ist also nicht für alle Sehenden eine Belastung oder zumindest nervend, mit einem Blinden einen Hörfilm anzuschauen grin

Es gibt in vielen Bereichen der Barrierefreiheit Vor- und Nachteile, und ich schätze, Barrierefreiheit wird niemals allen gerecht werden können. Rücksicht gehört auf allen Seiten unbedingt dazu.



@Lady Pillow: Ist doch super, wenn du sogar von den Beschreibungen profitierst! smile
Rücksicht auf beiden Seiten ist halt das Stichwort. Anerkennen, daß auch der andere ein gleichwertiger Mensch ist. Aber selbst mein Vater (blind) sagte mal irgendwann, daß viele Behinderte - ob aus Fehleinschätzung oder aus Verbitterung oder sonstwas - die Nichtbehinderten intuitiv für so eine Art Übermenschen halten, die alles könnten, wenn sie nur wollten.

Unterschwellig wird dann gleich böser Wille unterstellt, wenn mal was nicht klappt oder der Nichtbehinderte selber am Ende seiner Kräfte oder Weisheit ist. “Der könnte mir ja helfen! Der will bloß nicht!” ist dann die Schlußfolgerung.

Das ist ein weiterer Punkt, der mich bei Julia massiv stört. “Bezeichnend für die Gesellschaft”... Aus einem Mißverständnis wird direkt ein moralischer Mißstand konstruiert, und wer ihr nicht nach dem Mund redet, ist natürlich behindertenfeindlich. Ätzend, sowas. Das macht jeglichen Dialog zunichte. Und nicht mal da sieht sie ihren eigenen Anteil an dem Dilemma… Da finde ich Leute vom Kaliber eines Martin Stehle wesentlich besser geeignet, für die Betroffenen zu sprechen und mit dem Umfeld einen Dialog zu führen. Der hat wenigstens kapiert, daß er es mit Menschen zu tun hat. Rabulistiker wie Julia sind da einfach eine Fehlbesetzung.



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