“Elternmacht bremst Integration”
Dieser Artikel macht gerade auf Twitter, Facebook & Co. die Runde: http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,809671,00.html
Kurzfassung: Die Bemühungen, Immigrantenkindern bessere Sprachkenntnisse angedeihen zu lassen, scheitern an den Eltern der deutschen Kinder, die selbige lieber in Kindergärten mit geringerem Ausländeranteil stecken, um eine möglichst gute sprachliche (Weiter)Entwicklung zu gewährleisten.
Die Analyse mag ja objektiv betrachtet korrekt sein. Aber was mir mal wieder übel aufstößt, ist der Tenor des Artikels. Überspitzt formuliert wird hier den deutschen Eltern mit der Moralkeule vor den Kopf gehauen, weil sie für ihren Nachwuchs nach ihren eigenen Überzeugungen handeln. Statt diese Eltern mal mit ihren Sorgen und Bedenken wahrzunehmen, wird ihnen Egoismus und unterschwellig auch Rassismus vorgeworfen. Als seien ihre Zweifel und Bedenken durchweg das Resultat purer Dummheit und Boshaftigkeit.
Liebe Bildungspolitiker, reden wir mal Tacheles: So wird das nix. Ihr habt es mit Eltern zu tun. Menschen, die quer durch alle Kulturen in den allermeisten Fällen lieber selber hungern und frieren und auf jegliche Vergnügung verzichten würden, damit es ihrem Nachwuchs gut geht. Ihr habt es hier mit Eltern zu tun, die nicht nur das Recht, sondern nach euren eigenen Gesetzen auch die Pflicht haben, ihren Kindern nach bestem Wissen und Gewissen den bestmöglichen Start ins Leben und auch in die Bildung zu ermöglichen. Und daraus konstruiert ihr jetzt einen Vorwurf? Welche Eltern gehen denn bitte hin und sagen sich: “Jou, wir können zwar nicht abschätzen, welche Nachteile unser Kind in diesem Kindergarten evtl. erleiden muß, aber als brave Staatsbürger opfern wir seine Interessen selbstverständlich dem Allgemeinwohl.”
Keine Mutter und kein Vater wird sein Kind in einen gemischten Kindergarten mit womöglich auch noch zweifelhaftem Ruf im Stadtteil stecken, solange eurerseits immer nur einseitig darauf herumgeritten wird, wie wichtig die deutschen Kinder für die ausländischen sind. Fast so, als handle es sich um ein Medikament, welches den Immigrantenkindern zusteht, ihnen aber von den fiesen deutschen Eltern vorenthalten wird.
Welche Eltern fragen sich denn bitte nicht in erster Linie, was das eigene Kind am Ende selber davon hat? Erklärt ihnen das doch mal! Oder fällt Euch da außer vagem Gemurmel wie “Toleranz und so…” nichts ein? Das wäre aber mal schlecht! Ist doch logisch, daß durch eure ewig einseitige Argumentation bei den Eltern die Befürchtung aufkommt, das eigene Kind könnte im Kindergarten als geistiger Organspender betrachtet werden, dessen eigene Bedürfnisse und Entwicklung womöglich ständig zweitrangig wären. Ob diese Befürchtung berechtigt ist oder nicht, spielt dabei gar keine Rolle. Es reicht, daß sie überhaupt vorhanden ist, um den Kurs der Eltern zu bestimmen!
Liebe Bildungspolitiker, solange ihr nicht in der Position seid, die Eltern zur Integration zu zwingen, gleichzeitig aber auch nicht willens oder fähig, sie zu überzeugen, werden diese Eltern weiterhin mit den Füßen abstimmen. Deren Zweifel, Bedenken und Sorgen schafft man nicht durch Vorwürfe und Fußaufstampfen aus der Welt, sondern nur durch Überzeugungsarbeit. Und davon habe ich bisher verdammt wenig bemerkt. Mit der Moralkeule ist es jedenfalls nicht getan.
Ach ja, liebe Bildungspolitiker, eine Frage hätte ich abschließend auch noch: In was für Kindergärten gehen denn eigentlich eure eigenen Kinder?
Da finde ich die Schweizer Lösung mit Kindergartenpflicht (in den meisten Kantonen mindestens ein Jahr, mancherorts 2) als integralem Bestandteil der Schulpflicht ohne freie Schulwahl (ausser Privatschulen/-kindergärten) doch besser.
Wobei hier in Basel die Eltern Amok gelaufen sind bzw. es eine Initiative gab gegen Hochdeutsch im Kindergarten, weil die armen Kinder so das Baseldeutsch verlernen *augenroll* (dass vielleicht auch die Kindergärtnerin gar keine Baslerin sein könnte, geht eh nicht in die Köpfe dieser Menschen).
Dabei ging es sowieso nur darum, dass die “schulischen Teile” (also wenn Sachthemen behandelt werden) auf Hochdeutsch stattfinden, die “emotionalen” wie gemeinsames Essen, Trösten, Rollenspiel etc. durchaus im Dialekt oder Sprachmix stattfinden.
@Irene Hier in Deutschland sind allerdings irre viele Kindergärten in privater Trägerschaft. Vor allem in kirchlicher, aber auch die sog. Elterninitiativen sind viel vertreten. Da suchen sich die Eltern gemeinsam die Kinder aus, die sie aufnehmen wollen. Immigranten haben da nicht unbedingt eine Chance. Und der Staat mit irgendwelchen Programmen erst recht nicht.
Muslimische Eltern stecken ihre Kinder natürlich auch nicht allzu gerne in einen katholischen oder evangelischen Kindergarten. Bleiben also die städtischen - und die sind in der Tat oft Sammelbecken für Immigrantenkinder.
Was die Privatschulen angeht: Der jüngste Bericht ist erst wenige Wochen alt. In den letzten zehn Jahren ist die Anzahl der Privatschulen in Deutschland um acht Prozent gestiegen. Tendenz steigend. Und das Recht auf deren Gründung ist immerhin in der Verfassung verankert. Auch da werden die Politiker also wohl kaum einen Fuß in die Tür bekommen.
Also bleibt wirklich nur, die Eltern der deutschen Kinder tatsächlich davon zu überzeugen, daß sie von der Anwesenheit der ausländischen Kinder profitieren. Da scheint die Luft dann allerdings dünn zu werden, denn außer “das Kind lernt Toleranz und Hilfsbereitschaft” fällt da den meisten Experten nichts ein. Daß das den Eltern in Anbetracht ihrer sonstigen Bedenken und Zweifel nicht genügt, kann ich sogar irgendwie verstehen. Denn das kann man ja auch in rein deutschen Kindergärten lernen.
Es ist jedenfalls reichlich ungeschickt, die Kuh, die man melken will, immer wieder mit dem Moralknüppel zu prügeln, statt sie mal mit Futter zu locken…
Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie viel Schüler (... und Schülerinnen) von Mitschülern mit Migrationshintergrund lernen. Zumindest wenn es ausreichend Schüler gibt, welche integriert werden müssen und insbesondere auch Probleme mit der deutschen Sprache haben.
Die Akzeptanz anderer Mitmenschen, anderer Meinungen und der ordentliche Umgang miteinander ist ein wichtiger Pfeiler unserer Gesellschaft und sollte, muss sogar, in der Schule Anklang finden. Ganz zu schweigen davon, dass es davor schützt, rechtes Gedankengut bei den Schülern anzusiedeln, denn umso mehr Schüler mit Migrationshintergrund (bis zu einem gewissen Grad) in der Klasse sind, desto besser können sie sich eine eigene Meinung bilden.
Ja, ich kenne auch das andere Extrem, in welchem deutsche Schüler gemobbt und ausgeschlossen werden. Das passiert vor allem dann, wenn verschiedene Kulturen aufeinandertreffen, der gegenseitige Respekt nicht vorhanden ist und in den Schulen die Akzeptanz anderer nicht ausreichend thematisiert wird. In vielen Fällen ist die Akzeptanz anderer Meinungen bei Kindern keine Selbstverständlichkeit, sondern muss ihnen durch die Gesellschaft - also auch (aber nicht nur) durch die Schule - beigebracht werden. Und richtig, hier haben auch einige Eltern noch Nachholbedarf ![]()
Übrigens werden Eltern zur Integration gezwungen - aber nur die Eltern der Schüler mit Förderbedarf (Auflagen, Nichtversetzungen, ...).
Auf jeden Fall ist eines wichtig: Mit gutem Beispiel voran und zeigen, welche positive Integration möglich ist. Nur bekommt dass keiner mit, weil die Medien in der Regel nur über Problemschulen berichten - bringt halt eben mehr Quote schürt aber eben auch deine oben genannten Ängste.
@Thomas Auch das wird die in Frage kommenden Eltern nicht überzeugen. Da müssen handfeste Argumente her, wie die geistige und körperliche Entwicklung dieses konkreten deutschen Kindes von der Anwesenheit der ausländischen Kinder profitiert. Diese Eltern haben die Befürchtung, daß ihr Kind sich durch ständig falsche Beispiele im Umfeld schlechtes Deutsch angewöhnt und dann in der Schule später deshalb benachteiligt ist.
“Rechtes Gedankengut vermeiden” ist für die Eltern doch da kein Argument. Im Gegenteil: Wenn du ihnen damit um die Ecke kommst, unterstellst du doch implizit, daß sie ihr Kind zum Rechtsradikalen erziehen, wo sie eigentlich nur Sorge um die Bildung haben. Die sagen sich: “Was soll das unverschämte Geschwafel? Toleranz kann ich meinem Kind auch beibringen, aber das Fenster für richtigen Spracherwerb ist nur einmal da!” Dann machen die dicht - und das ist mit dieser Moral-Tour auch kein Wunder!
Das ist doch genau das Problem! Es hört diesen Eltern niemand wirklich zu und niemand nimmt sie mit ihren konkreten Zweifeln bzgl. der Interessen ihrer Kinder ernst! Sie haben den Eindruck, daß nur die Interessen der Immigranten im Vordergrund stehen und das Gedeihen und die Bildungschancen ihrer eigenen Kinder auf dem Multikulti-Altar geopfert werden sollen. _Das_ gilt es zu widerlegen. Und zwar mit handfesten persönlichen Vorteilen für die deutschen Kinder - nicht nur mit vagem Hinweis auf die erwünschte politische Gesinnung. So wird das nix! Das ist diesen Eltern doch völlig piepe!
PS: Kurzform: Man kann nicht ständig die konkreten Interessen der Immigrantenkinder (Spracherwerb) als ach so immens wichtig betonen - und dann die exakt selben Interessen bei den deutschen Kindern als zweitrangig darstellen. Ist doch klar, daß die Eltern einem dann was husten, weil sie den Eindruck haben, daß ihre Kinder als Lehrmittel mißbraucht werden sollen. Dieser Eindruck muß aus der Welt geschafft werden. Übertünchen mit PC-Blabla nützt da nix.
Wie es Christian Wulff mit seinem Nachwuchs hält, sagte er in seiner Weihnachtsansprache 2011: albjähriger Sohn freut sich, wenn ich ihm abends das Buch „Irgendwie anders“ vorlese. Er schläft dann selig ein, weil er weiß, es ist gut, dass wir alle verschieden sind. Wir können gar nicht früh genug begreifen, wie dumm und schädlich Ausgrenzung oder gedankenlose Vorurteile sind.” Der geht auch in keinen stättischen Kindergarten….
@Schwedenlady: Naja, wenn der Sohn erst ein halbes(?) Jahr alt ist (oder auch nur anderthalb), dann geht er doch vermutlich in noch gar keinen Kindergarten?
Ich habe nur die Befürchtung, daß das mit den Kindergärten in jenen Kreisen genauso läuft wie mit den Schulen. Unsere Politiker predigen ja auch, wie toll die Gemeinschafts- und Gesamtschulen sind - und schicken ihre eigenen Kinder durch die Bank auf Gymnasien:
http://www.welt.de/politik/nrw-wahl/article7505590/Gemeinschaftsschule-die-Bigotterie-der-Politik.html
Dreieinhalb
sagt Google.
@Melody: Ah, danke! Meine Google-Suche hat allerdings zur Art des Kindergartens nur ergeben, daß sich die Eltern dazu nicht äußern möchten, um die Privatsphäre des Kindes zu schützen. Kann ich auch nachvollziehen.
Sorry, hatte mit dem Screenreader nicht nach oben gelesen und nicht bemerkt, dass der Anfang des Wulffzitats in der Zwischenablage fehlte. Hier korrekt aus der Weihnachtsansprache: “Mein dreieinhalbjähriger Sohn freut sich, wenn ich ihm abends das Buch „Irgendwie anders“ vorlese. Er schläft dann selig ein, weil er weiß, es ist gut, dass wir alle verschieden sind. Wir können gar nicht früh genug begreifen, wie dumm und schädlich Ausgrenzung oder gedankenlose Vorurteile sind.”