Erfahrungswerte
Frau… äh… Muttis jüngste Blogeinträge haben mir wieder mal gezeigt, daß es mir schwer fällt, mich so zu öffnen wie sie. Nicht nur hier, sondern auch im sogenannten “Real Life” - wobei ich persönlich denke, daß das hier einfach eine Teilmenge des echten Lebens ist, kein Paralleluniversum. Aber es muß schon viel passieren, daß ich hier Einträge schreibe wie z.B. den einen über das Tanzen vor ein paar Monaten. Oder den über das Mobbing in der Grundschule. Es muß allerdings auch viel passieren, bevor ich so etwas jemandem live erzähle.
Warum eigentlich? Ich habe heute mal länger drüber nachgedacht und mir kam zunächst in den Sinn, daß es sich vielleicht einfach um gesunden Menschenverstand handelt. Denn wer Schwäche zeigt, wird - wie Pia ja auch erfahren mußte - angegriffen. Nicht von allen, aber immerhin. Und wozu sollte man das riskieren? Aber während mein Kopf sich noch zu dieser schnellen und rationalen Erkenntnis beglückwünschte, war meinem Bauch schon längst klar, daß das nicht mein wahrer Grund ist, denn ich verschließe mich auch vielen Menschen gegenüber, denen ich eigentlich vertrauen können müßte. Denn ich habe Angst, sie zu verlieren, wenn ich nicht mehr nur die Starke bin, sondern auch mal selbst etwas brauche, falsch mache oder mir auch nur wünsche. Woher diese Angst kommt? Erfahrungswerte. Reichlich. Ich durfte meinen Mitschülern zwar Nachhilfe geben, aber um sich mit mir irgendwo sehen zu lassen, war ich nicht gut genug, nicht cool genug, nicht hübsch genug. Zu Feten, Treffen und sonstigem lud man lieber die anderen ein. “Nicht gut genug” zieht sich eigentlich wie ein roter Faden durch meinen Lebenslauf. Als ich ca. 10 Jahre alt war, kam sogar von meiner damaligen Mutter der Spruch: “Wenn ich ein Kind hätte, das ordentlicher ist als du, hätte ich es viel lieber als dich.” (Das glaube ich ihr selbst heute noch aufs Wort.) Von meinen Erfahrungen beim Tanzen berichtete ich bereits. Gelernt wurde “an” mir, zum Ball ging man mit anderen.
Und wenn oft genug in die selbe Kerbe gehauen wurde, hat man irgendwann gelernt, daß nicht man selbst als Person zählt, mitsamt seinen Eigenheiten, Empfindlichkeiten, Ängsten, Mißerfolgen und Sorgen, sondern nur das, was man dem anderen gerade geben kann. Also präsentiert man eben den allermeisten Menschen nur noch seine starken Seiten. Die nützlichen. Die Eintrittskarten zum Social Life.
Selbst wenn man weiß, daß man dadurch viel zu leicht zu “haben” ist, weil man aus Angst, unbequem zu werden, alle eigenen Bedürfnisse negiert.
Selbst wenn man weiß, daß man den anderen auch eine Chance geben müßte.
Selbst wenn man weiß, auf welch tönernen Füßen “Freundschaften” stehen, in denen man fallengelassen wird, sobald man in einem Tief steckt.
Selbst wenn man in einem Tief fast erstickt.