Es braucht ein Dorf, ein Kind zu erziehen…
Nicht im Kindergarten diesmal. Sondern im Supermarkt. Eine Mutter erlaubt ihrem schätzungsweise 10 Jahre alten Kind, mit dem Einkaufswagen durch die Gegend zu kurven. Feine Sache. Dabei rammt das Mädchen mir den Wagen aber in der Kassenschlange mehrfach ans Bein. Entschuldigung? Fehlanzeige. Das Kind scheint gar nicht wahrzunehmen, daß ich ein Mensch bin, der evtl. Schmerzen haben könnte. Die Mutter sucht völlig unbeteiligt im Zigarettenregal herum. Ich spreche das Kind in freundlichem aber bestimmten Ton an, die Rammerei sein zu lassen und bitte seinen Wagen wegzudrehen. Da(!) wird dann plötzlich die Mutter aufmerksam! Und ranzt mich an - man ahnt es schon - ich hätte mich doch gefälligst an sie zu wenden, wenn es mit dem Kind ein Problem gäbe. Ohne aber im Nachgang in irgendeiner Form auf das tatsächliche Geschehen einzugehen. Lerneffekt fürs Kind: Null.
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Noch eine Kassenszene, ein paar Tage zuvor. Ich warte gerade auf die Anzeige der Gesamtsumme, um zu bezahlen. Diesmal kommt aus dem Warengang ein Vater mit seinem Sohn, der vielleicht 7 oder 8 Jahre alt ist. Der Vater will noch eben schnell was holen und weist seinen Sohn an, er solle schon mal die Dose Limo bezahlen, die dieser sich kaufen möchte. Der Junge stellt sich aber mitnichten hinten an, sondern geht an der kleinen Schlange vor bis zur Spitze und streckt dem Kassierer zwischen mir und dem nachfolgenden Kunden stumm die Dose entgegen. Keine Reaktion seitens des Kassierers. Dieser nennt mir den zu zahlenden Betrag, kassiert, gibt Wechselgeld heraus und fängt an, beim nächsten Kunden abzukassieren. Der Junge streckt dem Kassierer abermals stumm seine Dose entgegen.
Ich schaue mir den Jungen an und dann den Vater, der sich von hinten wieder nähert. Irgendetwas sagt mir, daß dieser Junge wohl nicht allzuoft vorgelebt bekommt, wie man so etwas höflich regelt. Ich sage dem Kleinen, der eigentlich einen eher schüchternen und unsicheren Eindruck macht, also ganz freundlich, daß man sich normalerweise hinten anstellt. Oder aber man die Leute in der Schlange erst fragen muß, ob sie einem den Vortritt lassen. Daraufhin spielt der Vater regelrecht das HB-Männchen. Puterrot im Gesicht schreit(!) er den Kassierer an, warum der Junge nicht bezahlen darf. Anschließend mich, nur er habe das Recht, mit seinem Sohn zu reden(!) und ihn zu erziehen. Er hebt drohend seine Faust. Der Kassierer steht auf. Der Vater brüllt inzwischen regelrecht. Ich solle mich da raushalten oder gefälligst mit ihm, dem Vater, reden, er würde dann schon klären, was zu klären sei. Ja, ich kann mir denken, wie er sich diesen “Dialog” vorstellt…
Erstaunlicherweise sind es immer die Eltern, die selber nichts vom Verhalten ihrer Kinder mitbekommen (haben wollen), die da glauben, ihr Kind sei verbal unantastbar. Es sind immer die mit eigenen rohen Umgansformen, die der Ansicht sind, man dürfe ihre Kinder nicht direkt auf ihr Fehlverhalten ansprechen. Spricht man aber tatsächlich stattdessen mit den Eltern, kann man sicher sein, daß jedes Gespräch sowieso mit einem “Was mein Kind macht, geht Sie gar nichts an, halten Sie sich da raus!” abgewürgt wird.
Bis dann der Nachwuchs irgendwann mal alt genug ist, verklagt zu werden. Oder aus der Lehre fliegt, weil er meint, sich von niemandem etwas sagen lassen zu müssen und sich gegen Kritik mit Fäusten verteidigen zu dürfen. Herzlichen Glückwunsch.
Ich kann dir sagen, was die Mutter rausgeplauzt hätte, wenn du nicht das Töchterchen, sondern sie angesprochen hättest: “Warum sagen Sie ihr das nicht selbst? Sie ist doch schließlich kein Baby mehr.”
Das hab ich zu hören bekommen, als mir mal so ein Sproß den Wagen wieder und wieder in die Ferse rammte. Als ich den Jungen ansprach, erntete ich nur einen Blick, als hätte ich Chinesisch gesprochen.
In diesem Sinne, weiterhin fröhliches Einkaufen!
Ja, auch das kann ich mir sehr gut vorstellen. Oder das Kind wird rotzfrech und die Eltern suchen noch irgendeine blöde Ausrede, daß es ja gar nichts getan habe. Alles, Hauptsache man kann den Kopf in den Sand stecken.
Jau, und ich habe gestern ein kleines Mädchen gesehen, das seelenruhig die Brötchen an der Selbstbedienungstheke von einem Fach ins andere räumte, dann mal eins zu den Broten ins Fach—- alles natürlich mit bloßen Händen.
Alles, was der Vater dann dazu zu sagen hatte, war die Frage an die Kleine: “Bist Du nun endlich fertig?” - der ein energisches “Nein” und weitere “Sortiererei” folgte.
Was wäre wohl passiert, wenn ich was gesagt hätte??
@Inge: Daraus hätte man sicher ein interessantes Experiment machen können. *g*
Das werden dann die netten Kids, die wir gestern in der Bibliothek hatten. Als die Chefin sie rausgeworfen hat, bekam sie ein “N.utte” an den Kopf geworfen (Folge: Rausschmiss nicht mehr nur für 1 Tag, sondern für den Rest der Woche). Die Ältesten sind etwa 12. Unser siebenjähriger Dauergast (samstags von 10-12 und 12.30-16 Uhr, immerhin gibts offenbar Mittagessen daheim) hat auch schon ein Schimpfwortrepertoire, von dem ich manches bisher nicht mal passiv kannte…
Das ist doch nicht nur bei Fremden so. Die Mutter vom Prügelkind, das sämtliche Bekannten zwei Jahre lang ertragen haben, hat nun endlich auf die vielen Versuche, mit ihr über das Verhalten der Kleinen und mögliche gewünschte Reaktionen der Opfer/Mütter der Opfer zu reden, reagiert: Sie hat sich zurückgezogen und ist beleidigt.
Letzte beiden Sprüche “ach, ich finde das nicht bedenklich” (Abdruck Puppenbadewanne auf Stirn meiner Tochter) und “das macht sie eh nur bei euch” (seitdem sahen wir uns nicht mehr und ich höre nur noch von Dritten, wie ihr Kind sich durch die Welt prügelt, während sie wegsieht, Zitat “habe gestern C mit ihrer Mutter gesehen, sie schlug gerade einem anderen Kind eine Schaufel auf den Kopf und A verteilte dann schnell Kekse”.
@Irene: Weia… Komischerweise ist mir das in unserer Stadtbibliothek noch nicht in der Form untergekommen. Entweder sind diese Kinder in anderen Bereichen unterwegs oder sie verirren sich gar nicht erst dort hin?
@Melody: Jaja, Du bist in den Augen dieser Dame wahrscheinlich nur eine spießige Oberglucke und weißt die Lebensfreude ihrer Tochter nicht zu würdigen. ^^ Meinen Eltern und gemeinsamen Freunden mit deren Sohn ist das vor ca. 35 Jahren auch mal so gegangen. In einem gemeinsamen Urlaub mit einem dritten Ehepaar und dessen 4jährigem Sohn hat Letzterer gebissen, getreten, geschlagen, gespuckt, Sandburgen zerstört, Spielzeug weggenommen, den Erwachsenen Sand ins Gesicht geworfen etc.
Aber der kleine Liebling war nicht aggressiv, neiiiin! Der war nur fröhlich, lebhaft und entdeckerfreudig. Und der andere Junge und ich eben überangepaßte 08/15-Kinder. Meinte die Mutter des kleinen Lieblings. Wortwörtlich.
Ihr Sohn starb im Alter von ca. 12 Jahren. Er war - wie immer, das war allen bekannt - gegen alle Verkehrsregeln mit dem Fahrrad wie ein Verrückter über eine vielbefahrene Großstadtkreuzung gerast und wurde von einem Laster erfaßt.
Ohje, das war ja kein gutes Ende ... in unserem Fall wird das Mädchen vermutlich einfach nur wie ihre Mutter: Friedlichfreundlichfröhlich, so lange alles so läuft wie es ihr behagt und eine bissige Gewitterziege, sobald es nicht so ist.
Oder, ich zitiere aus unserem ersten Bekanntschaftsjahr, da sagte sie betont unbeteiligt-zickig zu ihrer Tochter: “Wird Carola denn auch deinen Therapeuten zahlen später, wenn H immer alles besser konnte?” Ach, wie LUSTIG. Die Antwort lautet übrigens nein, werde ich nicht
)))
@Melody: Au Backe… Da ist die Frage, wer den Therapeuten wohl dringender und früher benötigt. *g*
Wer mich länger kennt, weiß, dass ich gerade Kindern gegenüber sehr nett bin, ich bin immer schon der Ansicht gewesen, dass sie sich austoben sollen, ihre Erfahrungen mache müssen. Das bedeutet eben auch, von anderen mal einen zwischen die Hörner zu kriegen - selbstverständlch metaphorisch gesprochen, Gewalt gehört da nicht hin. Wie Hunde und andere Tiere werden geschlagene Kinder nur überängstlich und dadurch aggressiv.
Ich bin im Allgemeinen auch ein sehr höflicher Mensch, nicht immer wie Großmutter es definiert hätte, aber ich respektiere andere. Mathematisch betrachtet, hänge ich einer Triple-tit-for-tat-Theorie an: Jeder darf sich mal daneben benhemen, auch zweimal oder dreimal, danach allerdings reagiere ich sauer. Und wer das schon mal an mir erlebt hat, weiß, dass ich keine Gefangenen nehme.
Konkret.
Genau wie du reagiere ich zuerst nett, höflich, bestimmt direkt auf die Kinder, vor allem, wenn sie mir verständig vorkommen. Das hängt nicht so sehr am Alter, ich habe schon sehr gutes Verständnis bei Halbjährigen erlebt, aber miserables bei 9-jährigen. Sollte dann ein Affenarsch von Vater seinen inneren Pavian raushängen lassen, eine erregte Henne sich aufpustern, dass ich ihre Küken anspreche, wende ich meine Aufmerksamkeit denen zu. Erst freundlich, damit sie sich beruhigen. Wie gesagt, jeder greift mal daneben, bei möglichen Angriffen auf die eigene Brut ist das völlig natürlich.
Regt sich das animalische Wesen allerdings nicht ab, obwohl ich mich klein mache, wird denen ruhig und unmissverständlich die Hose runtergezogen - ja, auch metaphorisch -, so dass jedglicher Respekt, den die Kinderchen vielleicht noch vor Mamma und Pappa gehabt haben, flöten geht. Im guten Sinne, Kinder merken nämlich sehr viel schneller als Erwachsene, was gut und was schlecht für sie ist.*
Bisher musste ich das nur einmal machen, zum Glück sind die meisten Menschen nicht gar so lächerlich dumm, wie uns die RTL-Gruppe immer zeigt.
*Ja, ich habe ein nahezu unkaputtbares Vertrauen in Kinder.
Der Titel deines Beitrags bezieht sich ja auf dieses schöne, angeblich afrikanische Sprichwort, das jeder gerne im Mund führt. Am liebsten sonntags, in Reden, die uns dazu auffordern, die Zukunft der Welt in die Hände unserer Blagen zu legen. Wie es sich gehört, passiert dann nichts. Es gibt nicht mehr Geld für Bildung, Spielplätze, Kinderfreizeiten. Es gibt keine Erzieherstellen für Kindergärten. Nur erschrockene Ausrufe, wenn verhungerte oder misshandelte Kinder im Müll gefunden werden.
Dabei ist die Lösung vieler Probleme ganz einfach: soziale Kontrolle.
In den letzten 20 Jahren haben sich die Extremegoisten durchgesetzt, jene die Russell zitieren, aber nie verstehen werden, ‘If all men acted from enlightened self interest, the world would be a paradise in comparison to what it is.’ Diese Leute lehnen jede Form von Kontrolle ab, außer es handelt sich um Hartz’ler, die sind ohnehin Freiwild. Sie wissen auch nicht, dass gesellschaftliche Kontrolle nichts weiter ist, als das ganz alltägliche Zusammenleben, in dem wir unsere persönliche Freiheit gewinnen, indem wir anderen ihre erlauben.
Natürlich darf jeder, auch Kinder, seine Freiheit haben, aber eben nur, so lange nicht die Freiheit anderer eingeschränkt wird. Bringe ich dies Kindern nicht bei, indem ich es vorlebe, dann werden sie auch als Erwachsene um Zuckerli plärrende Banker sein, U-Bahn-Treter, eben äußerst unangenehme Zeitgenossen, die für die Gemeinschaft unendlich viel teurer sind, als ein paar Kindergartenplätze.
Kindergärten und Schulen dienen auch dazu, [Einzel]Kindern das Verhalten in Gruppen beizubringen. Sie sind außerdem gut geeignet, ohne Strafdruck zu sehen, ob Eltern bei der Erziehung überfordert sind, was sich üblicherweise in Misshandlungen äußert. Wer glaubt, Kinder gehörten den Eltern, irrt. Wer daraus ableitet, dass Eltern mit ihren Kindern machen dürfen, was sie wollen, so lange es nicht zu sehen ist - denn wir mögen kein Unglück, nichts Häßliches und Brutales -, der verachtet die Menschen.