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Hamburg

Ich gebe - falls das überhaupt noch nötig ist - ganz offen zu, daß mich der Ausgang des Volksentscheids in Hamburg mit Genugtuung erfüllt. Die Reaktionen der Linksgerichteten zeigen mir hingegen nur eins: Sie haben nicht mal ansatzweise kapiert, warum die Eltern so entschieden haben, wie sie entschieden haben. Gut, ein Teil wird einfach froh gewesen sein, dem Senat eins auszuwischen, unabhängig von den Inhalten des Volksentscheids. Der größte Teil jedoch dürfte aufgrund eigener Erfahrungen mit seinen eigenen Kindern und aus seiner eigenen Kindheit gehandelt und abgestimmt haben. Eine Entscheidung gegen längeres gemeinsames Lernen ist in erster Linie die Entscheidung für das eigene Kind, nicht gegen die anderen. Den Eltern jedoch umgehend die niedrigstmöglichen Beweggründe inklusive Rassismus und asozialem Denken vorzuwerfen, wird den Graben auf dem Bildungssektor nur noch weiter vertiefen. Stattdessen wäre es angebracht, sich auch mit den Sorgen und Wünschen dieser Eltern mal gründlicher zu befassen und sie ernst zu nehmen, statt sie mit sozialromantisch eingefärbten Ideologien beiseite zu wischen und zu verurteilen.

Ich kann die Gedankengänge der Hamburger Eltern gut verstehen. Sie mach(t)en sich Sorgen, daß die leistungswilligen und -fähigen Kinder als Hilfslehrer mißbraucht worden wären (Modebegriff “soziales Lernen” - und das dann auch noch zwei Jahre länger als bisher). Daß sie mit den Schwächeren Stoff hätten durchkauen müssen, den sie selbst längst beherrschen. Und somit daran gehindert worden wären, sich selbst etwas Neues nach ihren eigenen Fähigkeiten zu erarbeiten. Sie machen sich Sorgen, daß auf dem Rücken ihrer Kinder Grabenkämpfe der Bildungs- und Sozialpolitik ausgetragen werden, deren Konsequenzen noch gar nicht absehbar sind. Sie machen sich Sorgen, daß der gesunde Menschenverstand ignoriert wird, der einem sagt, daß eine Kette immer nur so stark ist wie ihr schwächstes Glied. Spielt jemand von den Grünen oder gar der SPD “Das Schwarze Auge”? Wie lautet dort die Regel für die Reisegeschwindigkeit einer Gruppe? Die Gruppe kann immer nur so schnell voran kommen, wie ihr langsamstes Mitglied. Warum wohl? Aha.

Das hat auch nichts mit Rücksichtslosigkeit zu tun. Rücksichtslos wäre, wenn die besseren Schüler absichtlich den Unterricht stören, damit die schwächeren noch weniger mitbekommen. Es ist nur dummerweise meist genau umgekehrt. Rücksichtslos wäre es aber auch, wenn ein System umgesetzt würde, welches den Leistungsfähigeren real existierende Chancen nimmt, nur um anderen eine Chance zu geben, deren Existenz noch gar nicht erwiesen ist. Noch dazu, obwohl es auch anders ginge - wenn man denn wollte. Aber das würde ja Geld kosten.

Besitzstandswahrung? Ja, natürlich. Oder läßt irgendeiner der geneigten Leser dieses Blogs sperrangelweit seine Haustür offen stehen, wenn er morgens zur Arbeit fährt, und gibt seinen Hausrat zur Selbstbedienung frei? Nicht? Wie asozial, elitär und ungerecht, wo doch so viele Leute nur so wenig besitzen! </ironie>

Ja, ich kann die Sorgen dieser ach so elitären, asozialen, egoistischen, faschistischen, rechtsradikalen, rassistischen (habe ich was vergessen? War keine Absicht, man verliert nur so leicht den Überblick, bei dieser bewundernswerten Vielfalt der Vorwürfe) Eltern verstehen. Denn ich bin eins der Kinder, die die Berechtigung dieser Sorgen am eigenen Leib erlebt haben. Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß die Sache mit dem längeren gemeinsamen Lernen für die (geistig) stärkeren Schüler in vielerlei Hinsicht eine Qual sein kann. Ich persönlich war bei einer ganzen Reihe von Mitschülern froh, daß ich ihnen und ihren Fäusten und Füßen nach vier Jahren nicht mehr begegnen mußte und endlich!!! einen völlig anderen Schulweg hatte als sie. Noch zwei Jahre mehr und ich weiß nicht, ob ich nicht doch an der Grundschule zerbrochen wäre. Diese Schüler - die schlechtesten der Klasse - wollten schon von der ersten Klasse an weder von mir noch von den Lehrern etwas lernen. Für sie war meine Leistung und mein Leistungwille nur ein rotes Tuch, das ihnen ihre eigenen Schwächen vor Augen führte. Im Leben würde ich nicht riskieren, meine eigenen Kinder Derartigem auszusetzen!

Wer jetzt meint, das sei die Schuld der unfähigen Lehrer, der irrt sich. Wir hatten mehrere Fach- und einen Klassenlehrer (Helmut Wittig - ein großartiger Mensch und Pädagoge!), die sich damals (1975-1979) schon sehr viel Mühe gaben, selbst den Schwächsten geduldig alles wieder und wieder zu erklären. Gleichzeitig waren sie bemüht, meine Langeweile durch Sonderaufgaben abzufangen. Wir waren übrigens seinerzeit alle(!) noch Schüler ohne Migrationshintergrund. Es ist also nicht am Lehrer gescheitert. Auch nicht am Schulsystem und erst recht nicht an den bösen angeblichen Rassisten, sondern schlicht daran, daß eine ganze Reihe von Schülern schon von Anfang an im Elternhaus vermittelt bekommt, daß Leistungswille nichts Erstrebenswertes ist und die Guten im Grunde die Bösen, zumindest aber die Dümmeren sind. Bei genauerer Betrachtung also genau die selbe Einstellung, die die Linksgerichteten gegen das sog. Bildungsbürgertum hegen. Ich gehe daher so weit zu behaupten, daß diese Einstellung durch viele Reaktionen auf die Abstimmung von gestern noch verschärft wird. Warum sollten schwache Schüler von guten lernen wollen, wenn sie mitbekommen, daß Ehrgeiz und Wissenshunger als asoziales, elitäres Strebertum abgestempelt werden?

Bleibt nur zu hoffen, daß die neue Regierung in NRW die Zeichen der Zeit noch rechtzeitig erkennt. Denn auch wenn ich ihr höchstens zweieinhalb Jahre gebe, ist der Schaden, der in dieser Zeitspanne auf dem Bildungssektor angerichtet werden kann, enorm. Hamburg hat’s gerade noch rechtzeitig verhindert. Hier bin ich leider etwas weniger optimistisch.

Super geschrieben, Dein Post - und absolut treffend analysiert. Bald direkt vom Hamburger Schulwesen betroffen, freut auch mich der Ausgang des Volksentscheids sehr (ich hatte fast nicht mehr daran geglaubt, dass die Reform noch gekippt werden könnte).

LG



@Carla: Man muß aber immerhin anerkennen, daß die geplanten Änderungen bei den weiterführenden Schulen erhebliche Vorteile bieten: Neu zugezogene Eltern können anhand der Klassengrößen (19 vs. 23 max.) demnächst direkt erkennen, ob eine Schule in einem sozialen Brennpunkt liegt oder nicht. Und Arbeitgeber wissen anhand der verstrichenen Jahre von Einschulung bis Abitur direkt, ob jemand fix lernt und den Stoff in 12 Jahren (Gymnasium) intus hatte oder erst nach 13 Jahren an der Gesamtschule. Das nenne ich doch mal Transparenz. ^^



Hallo Ute,

Du hast mir leider keine email adresse hinterlassen, deshalb melde ich mich jetzt mal hier.
Ich würde gerne deine Kinder für dich zeichnen.
Das müssen übrigens gar keine super Fotos sein. Schnappschüsse sind auch viel natürlicher.
Wenn du magst, dann schreib mir doch mal eine Email.
Lieben Gruß
Tieneke



Hallo Ute,
ich habe ja keine Kinder, deswegen verfolge ich die Debatte nur am Rande. Aber immer wenn ich etwas lese oder höre, habe ich das Gefühl, dem Wortgefecht religöser Fundamentalisten zuzuhören.

Ich denke schon, dass das deutsche Bildungssystem reformiert werden muss. Allein die Grundschulzeit um 2 Jahre zu verlängern nützt in meinen Augen nichts, wenn nicht auch inhaltlich etwas geändert wird, d.h. die Struktur der Klassen, der Fächer und die Ausbildung der Lehrer.
Tatsächlich müsste die ganze Gesellschaft reformiert werden. In meinen Augen wäre es ideal, wenn alle Eltern (und Politiker) in Deutschland Bildung als höchstes Gut für ihre Kinder ansehen und entsprechend handeln würden.

Du sprichst von Deinen eigenen Erfahrungen und ich muss sagen, sie sind das genaue Gegenteil von dem, was ich erlebt habe. Ich war auch in den 70er Jahren in der Grundschule und kann mich nicht daran erinnern, dass wir Schüler uns gegenseitig gemobbt hätten. Im Gegenteil. Nach der Grundschule ist unsere Klasse fast komplett auf das gleiche Gymnasium und sogar in die gleiche Klasse gekommen. Ich fand das damals super, dass wir quasi als eine Einheit weiterlernen konnten.
Wie das ganze ausgegangen ist, weiß ich nicht, weil unsere Familie leider nach der 5. Klasse weggezogen ist.
Vor meinem Hintergrund könnte ich eine 6jährige Grundschule also nur befürworten, würde ich nicht überall lesen, zu welchem Kriegsschauplatz Schule heute wohl geworden ist.

Wenn ich ehrlich sein soll, bin ich fast schon froh, heute nicht zur Schule gehen zu müssen. Aber das liegt wohl nur zum Teil an den Schulen. Eine Schulreform jedwelcher Art wäre also immer nur ein Teil der Lösung…



@Daniel: Du scheinst in einer privilegierten Ecke großgeworden zu sein - oder hattest einfach nur massiv Glück. Für eine schnelle Übersicht, frag mal auf Twitter nach, wie es den jeweils Klassenbesten in ihren Klassen ergangen ist. Ich selbst mußte nicht mal fragen. Im April, als die Debatte schon einmal aufkam, kamen sie von ganz alleine mit ihren Erfahrungsberichten auf mich zu.

Und eine 6jährige Grundschule hat generell in meinen Augen nur Sinn, wenn das Abi nach der 13. gemacht wird. Nach 6 Jahren Kinderkram auf Hauptschullevel für alle, sind die verbleibenden 6 Jahre Gymnasium einfach zu kurz für einen brauchbaren Qualitätsstandard beim Abitur. Doch selbst dann tun mir die Schüler leid, die eigentlich nach 4 Jahren längst auf einem ganz anderen Niveau arbeiten könnten, wenn man sie nur ließe. Die Erfahrungen in Berlin und ein oder zwei anderen Bundesländern sprechen doch Bände. Da gibt es die 6jährige Grundschule längst - und es geht bergab statt bergauf mit den Schülern.



@Ute: Das “Witzige” ist ja, dass ich meine eigene Wahrnehmung und Erfahrung als “normal” sehe und die Schilderungen von Mobbing & Co. eher als schlimme Ausnahme.

Wir hatten kaum jemanden, der in allen Fächern gut war, sondern viele, die in dem einen Fach gut waren, in dem anderen vielleicht weniger. Deswegen machen Einheitsklassen auf Dauer für mich keinen Sinn. Jeder Mensch hat unterschiedliche Talente. Warum also nicht ab der 5. Klasse schon mit Grund- und Leistungskursen arbeiten? Oder mit Grundkursen für alle und weiteren Leistungskursen am Nachmittag oder statt anderer Kurse? Der Anspruch an ein breites Allgemeinwissen ist zwar nobel, aber in der heutigen Form vielleicht doch zu stark betont.

Wenn es in anderen Bundesländern nicht funktioniert, muss man erst einmal schauen, warum. Allein ein System zu ändern bringt doch nichts, wenn das Denken der Beteiligten (Schüler, Lehrer, Eltern, Kommune) nach alten Mustern funktioniert.

Man sieht es doch so schön an Social Media: Unternehmen wollen Social Media in ihrer Unternehmenskommunikation wie traditionelle Medien nutzen und scheitern grandios. Zum einen, weil ein anderes Kommunikationsverhalten, zum anderen, weil auch eine andere Einstellung zum Kunden notwendig ist.

Das ist in allen Bereichen unserer Gesellschaft so. Auch im Bildungswesen. ^^



@Daniel

Leistungskurse am Nachmittag. Und wann sollen die Kinder dann Hausaufgaben machen? Und überhaupt. Nachmittags geht gar nichts. Die Lehrer machen da nicht mit und die Fussballvereine jammen, dass dadurch Deutschland die Weltmeristerschaft 2026 verspielt, weil die Kinder nicht mehr trainieren können.

Übrigens gab es das auch so ähnlich schon, nannte man z.B. in Hessen Förderstufe, in Niedersachsen Orientierungsstufe. Am Ende war es nur eine Beschleunigung des Rattenrennens, um die Gymnasialempfehlung.
Man merkt, dass du ein wenig weg von Thema bist.



Mich wundert bei der ganzen Debatte, daß noch niemand auf die Idee gekommen ist, sich mal die Gesinnung der Lehrer etwas besser anzuschauen. Wenn nachweislich auch fähige Ausländerkinder und Kinder von Geringverdienern aussortiert werden und keine Chance aufs Gymnasium bekommen, dann liegt das evtl. auch an den Vorurteilen der Lehrer gegenüber diesen Kindern. Vor allem in den Bundesländern, wo die Eltern nicht gegen die Empfehlung der Schule entscheiden können, wo ihr Kind weiter beschult werden soll. Ich weiß aus Schilderungen einer befreundeten Grundschullehrerin, daß diese Entscheidung vom Klassenlehrer alleine gefällt werden kann. Die anderen Lehrer können, müssen aber nicht zu Rate gezogen werden, welche Empfehlung letztendlich auf dem Zeugnis steht. Das finde ich persönlich ein Unding.

Vielleicht liegt es aber auch daran, daß die Schulzeit für die Eltern immer teurer wird und somit viele Eltern abgeschreckt werden von 13 statt nur 10 Jahren Schulbücherkauf, Klassenfahrten, Kopiergeld, Monatskarten für Bus & Bahn, Geschenken für die Lehrer etc. Zumal dann, wenn sie mehrere Kinder zu versorgen haben. Auch das könnte ein Grund für den geringen Anteil von “Unterschichtenkindern” sein. Bis ca. 1982 hat die Stadt meine Schulbücher und die Monatskarten gestellt/bezahlt. Dann hieß es von einem Jahr aufs nächste plötzlich, daß die Eltern das übernehmen müssen. Die von einigen Klassenkameraden mußten da ganz schön schlucken, das kann ich Euch versichern. An meinem Gymnasium fanden in der Oberstufe dann z.B. Fahrten nach Italien, Tschechien und die USA(!) statt. Das können sich doch viele noch nicht einmal als Familienurlaub leisten. Geschweige denn mal eben locker-flockig ihren Kindern als Klassenfahrt hinterherschmeißen.

Aber statt sich solch pragmatische Begründungen mal anzuschauen, wird lieber gleich am System herumgepfuscht. Das ist doch alles völlig hirnrissig!



@Alicja: Wir hatten damals auch schon eine sogenannte “Orientierungsstufe” in den ersten zwei Gymnasialjahren von 1979 bis 1981. Während dieser Zeit sollte ein Übertritt von einer Schulform zur anderen erleichtert/ermöglicht werden. Fakt ist: Am Ende der 6. Klasse waren wir ca. 30% bzw. eine Klasse weniger in unserem Jahrgang. Tatsächlich dazugekommen ist niemand. Da kamen erst in der 10. Klasse wieder neue Schüler von den Realschulen der Umgebung zu uns. Von den dreien hat einer das Abi geschafft, die anderen haben zugunsten einer Ausbildung abgebrochen. Zusammen mit einigen, die von vornherein auf dem Gymnasium waren.

Ich glaube zudem, die Entscheidung für die weiterführende Schule ausgerechnet in die beginnende Pubertät zu verschieben, ist nicht gerade glücklich. Ganz abgesehen vom ewähnten Langeweilefaktor für die Guten, die längst schon viel weiter sein könnten, wenn man sie nur ließe. Und daß Finnland da auch nicht der Weisheit letzter Schluß ist, sieht man ja an dem Text in meinem Blogeintrag vom 22. Juli.



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