Neighbours, everybody needs good neighbours…
Sachen gibt’s, die gibt’s gar nicht, hat meine Großmutter immer gesagt. Eine von dreien. Und seit heute glaube ich ihr das sogar. Aber der Reihe nach:
Um ca. 22:30 klingelt bei mir das Telefon. Display: Anonym. Ich bin schon versucht, es klingeln zu lassen, doch die Hartnäckigkeit des Anrufers (er/sie/es läßt es bestimmt 15 mal durchklingeln…) läßt mich plötzlich befürchten, mit meinen Eltern könnte etwas nicht in Ordnung sein. Stattdessen ist aber eine wildfremde Dame am Apparat, die mich informiert, daß es heute abend wieder etwas später werden könnte. Ah ja? Bin ich etwa Mami geworden und weiß nix davon? Ich stehe kurz davor, der Dame mitzuteilen, daß sie von mir aus die Nacht durchtanzen kann, da ihre Gesundheit nicht in meinen Verantwortungsbereich fällt, doch da schwafelt die gute Frau schon weiter: Ihre Schwiegermutter würde gerade in die Wohnung nebenan ziehen, und ich sei doch diejenige gewesen, die sich gestern nacht um halb zwei schlaftrunken im Hausflur nach der Lärmquelle erkundigt hätte, oder nicht? Nun ja, da wollte sie mir halt eben schnell sagen, daß das heute nacht auch wieder so laufen würde. Aber sie würden diesmal die Aufzugstür ölen, die quietsche ja so, und sie wollten ja Rücksicht nehmen. Aus ihrem sanft-herablassenden Tonfall wird klar, daß sie für mein übertriebenes Schlafbedürfnis eigentlich gar kein Verständnis hat und es lediglich ihrer großen Gnade zu verdanken ist, daß ich heute auch nur vorgewarnt werde. Ah ja. Verstehe. Und plötzlich geht mir ein Licht auf. Die Eimer und Besen, die schon seit ca. einer Woche einen Hindernis-Parcours im halben Hausflur von der 3. bis hoch zur 5. Etage bilden, gehören also doch nicht dem Reinigungsunternehmen. Da zieht tatsächlich neben mir jemand ein! Der einzige andere Privatmieter außer mir, in einem Bürohaus mitten in der Innenstadt. Und ich weise höflich aber bestimmt darauf hin, daß mir die Zeit zwischen Mitternacht und drei Uhr morgens für einen Umzug doch denkbar ungünstig erscheint und ich nicht gewillt sei, dies über einen längeren Zeitraum hinzunehmen. “Jaja, ist ja auch nur noch heute…” Seufz. Also gut. Von mir aus. Ohropax ist auch was Feines. Und so alt wie die Trulla klingt (Schwiegermutter!), werden mir nach dieser akustischen Opfergabe doch bestimmt wenigstens anschließend wilde Parties nebenan erspart bleiben. Oder…?
Und dann fällt mir noch etwas ein: Meine Umzugskartons, die Buttkereit dieser Tage irgendwann abholen wollte—hat sich etwa die liebe Schwiegermama daran vergriffen??? Die sind nämlich seit vorgestern schon weg. War das vielleicht gar nicht Buttkereit? Vorsichtig formuliere ich meine Frage und bekomme eine erstaunliche Antwort, diesmal aber von der lieben Schwiegermama selbst: Klar, der Hausmeister hätte gesagt, das wären meine und sie könnte sie haben. Äh, wie bitte?????? Dieses Wie Bitte kommt schon etwas weniger höflich rüber. “Ja, der Hausmeister hat gesagt…” Weiter lasse ich sie diesmal aber nicht kommen. Der Hausmeister hätte nichts zu sagen, was mein Eigentum betrifft, das müsse jedem klar sein. “Ja aber die stehen doch schon seit einer Zeit da…” Ja, ihre Putzutensilien auch. Ob der Hausmeister die nun getrost deswegen an seine Freunde verleihen oder verschenken dürfe? “Ja aber der Hausmeister hat gesagt…” OK, die Platte hängt offenbar an der Stelle. Nächste Frage, damit wir mal weiterkommen: Ob sie mich denn nicht selbst mal hätte fragen können? “Wollte ich ja, aber als ich mal bei Ihnen geklingelt habe, war keiner da!” (trotzige Schmollstimme) Mein Hinweis, ich besäße ja auch noch einen Briefkasten, und sie selbst sei als intelligentes Wesen (zu dem Zeitpunkt zweifle ich an der Diagnose allerdings bereits, aber man ist ja höflich…) doch sicherlich des Lesens und Schreibens mächtig, wird gekontert: “Ich wußte doch nicht, wie Sie heißen!” Ah ja, das breite Messingschild mit meinem schwarz eingravierten Namen hat sie also nicht sehen können? “Nein!” (noch trotzigere Stimme) Dann sei es ja ein Wunder, wie sie mit traumwandlerischer Sicherheit die richtige Telefonnummer habe wählen (lassen) können. Freundlich empfehle ich ihr die Augenärztin Frau Dr. B. Schnitter in der Innenstadt, um ihr weitere 600.000 Blindanrufe zu ersparen. “Das fängt ja gut an!” In der Tat… Wütend will sie mir daraufhin einen Psychologen empfehlen. Ich bestätige ihr, ich sei sicher und erfreut, daß sie davon welche bei der Hand habe. In ihrem eigenen Interesse. Teile mit, daß ich bis Freitag morgen die Kartons von Buttkereit vollzählig und unbeschädigt wieder vor meiner Tür haben will und lege auf.
So, und nun wird es wohl Zeit für ein Briefchen an die Hausverwaltung. Über den Hausmeister hier erzähle ich bei Gelegenheit mal etwas mehr. Ist nämlich auch schon eine lange Geschichte…
Ach, der Aufzug fängt an zu rumpeln. Es muß demnach nach Mitternacht sein. Also gute Nacht allerseits!