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PID

Im Sommer entscheidet die Bundesregierung über den Einsatz der sogenannten Präimplantationsdiagnostik in unserem Land. Dazu heißt es:

Damit gibt es nun drei Gesetzesvorschläge zur PID. Der Entwurf für ein striktes Verbot wird bisher fraktionsübergreifend von mehr als 20 Bundestagsabgeordneten unterstützt. Dazu zählen SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles, die frühere Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD), der CSU-Fraktionsvize Johannes Singhammer und Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt von den Grünen.

„Die Anwendung der PID gefährdet die Akzeptanz gesellschaftlicher Vielfalt und erhöht den sozialen Druck auf Eltern, ein gesundes Kind haben zu müssen“, heißt es in dem Entwurf, der heute vorgestellt wurde.

(Quelle: Apotheke Adhoc)

Ähm, ja. Das sollen sie mal den Eltern sagen, die anschließend mit ihrer Krankenkasse um jedes Hilfsmittel, jede Fördermöglichkeit und jede Behandlung streiten müssen. Ich bin gespannt, ob die das auch alle so sehen. Von wegen gesellschaftlicher Akzeptanz und Vielfalt und so. Durch ein Verbot der PID wird die jedenfalls garantiert nicht sichergestellt. Meines Erachtens nicht mal gefördert. Sehr schön aber mit anzusehen, wie hier die in Kauf zu nehmenden Risiken, Lasten und Beeinträchtigungen mal eben elegant auf die zukünftigen Eltern abgewälzt werden, im vermeintlichen Interesse der Gesellschaft.

Und dann sollen die Herrschaften Volksvertreter sich bitte Gedanken machen über die Ungeheuerlichkeit, daß PID als verwerflich eingestuft wird, während ein nach Eintreten einer Schwangerschaft als gesundheitlich beeinträchtigt diagnostiziertes Kind aber noch bis kurz vor der Geburt abgetrieben werden darf.

Schwangerschaft auf Probe mit einer Kaliumspritze ins Herz eines empfindungsfähigen, evtl. sogar schon lebensfähigen Kindes soll also besser sein als frühzeitige Diagnostik an der Morula, die noch nicht einmal die Gebärmutter von innen gesehen hat? Die Eltern sollen also erst den ganzen Weg bis zum 3. Monat oder darüber hinaus gehen müssen, mit allen emotionalen und materiellen Konsequenzen, bevor sie entscheiden dürfen bzw. müssen? Das Kind soll sich erst so weit entwickeln, daß es schmecken, fühlen und hören kann - dann darf es aber aus Gründen getötet werden, die bei der PID als inakzeptabel gelten? Geht’s noch, da drüben in Berlin?

Sind Ullala und Co. eigentlich noch ansatzweise zum logischen Denken fähig? Nach Empathie frage ich ja schon gar nicht mehr.

Vorweg: Ich bin für PID, allerdings in engen Grenzen und halte sie für eine faszinierende Technik.

Erst einmal sollte man sich fragen, ob Paare mit bekannten Gendefekten wirklich alles versuchen sollten um ein “gesundes” Kind zu bekommen. Ich persönlich bin der Meinung, dass man Ihnen es prinzipiell freistellen und ermöglichen sollte, allerdings auch gewisse Hürden hier akzeptieren muss (das Ganze kostet halt ein bisschen und kann durchaus traumatisierend wirken). Auf jeden Fall sollte man vermeiden hier einen gesellschaftlichen Druck auf die Eltern (in welche Richtung auch immer) auszuüben.

Wesentlich wichtiger finde ich den Einwand von Leuten, die in Zukunft potentiell durch Nichtexistenz bedroht wären. Wir müssen verdammt aufpassen aus der Sicht der vermeintlich Gesunden zu definieren, wer in Zukunft auf die Welt kommen soll (darf?) und wer nicht. Das ist in der Tat eine schiefe Ebene und man sollte sich hier jeden Schritt sehr, sehr sorgfältig überlegen. Das Ganze muss transparent und öffentlich diskutiert werden und hier sollte man eher abwartend, defensiv vorgehen. Gut fand ich zu dem Aspekt folgenden Beitrag: http://www.zeit.de/2011/04/PID-Gentest?page=3

So und nun hoff ich, dass ich die Rechenaufgabe packe wink



Und genau DAS ist der Punkt, den ich von Anfang an bei dieser ganzen Diskussion nicht verstanden habe. Ich kann entscheiden, bis kurz vor der Geburt, ob ich das Kind bekommen möchte oder eben nicht, wenn etwas diagnostiziert wird. Warum ist ein Embryo im Reagenzglas also schützenswerter oder anders schützenswert als ein Kind im Mutterleib???

Wenn es hier endlich Bananen gäbe, dann hätte man wenigstens eine Erklärung für solche Entscheidungen!



@SteterTropfen: Volle Zustimmung. Ich persönlich wäre für a) eine Eingrenzung auf bestimmte Umstände und b) im Zweifelsfall für eine Ethikkommission, ähnlich wie bei der Lebendorganspende. Aber gleichzeitig muß auch an den heutigen Abtreibungsregelungen etwas geändert werden, denn “gegen PID aber für Spätabtreibung” ist nicht praktikabel und wird vermutlich auch irgendwann von Europäischer Ebene gekippt werden.

A propos Europa: Im Ausland ist die PID zugelassen. Und ich gehe davon aus, daß die Eltern, die das wirklich möchten, ohne sich erst einer hochnotpeinlichen Befragung zu unterziehen, dann eben nach Brüssel, Amsterdam, Kopenhagen, Warschau oder Prag gehen. Tun sie ja jetzt schon, für die Eizellspende. Ist hier ja auch verboten.

@Julia: Das ist in der Tat der Knackpunkt: Ein Kind im Reagenzglas wäre mit einem PID-Verbot besser geschützt als ein zudem schon viel weiter entwickeltes Kind im Mutterleib. Das kann’s ja wohl nicht sein. Und angesichts dieser himmelschreienden Unlogik schwadronieren jene Parlamentarier über gesellschaftliche Vielfalt? Die haben ja noch nicht mal die Grundlagen ihrer Argumentation durchdacht, scheint mir. Sollen sie da erstmal anfangen.



@Ute & @Julia: PID versus Abtreibung ist ein gutes Argument! Bei bekannten/befürchteten/möglichen Gendefekten ist eine PID allemal besser als die Abtreibung.

Bezüglich der Ethikkommission: Bin prinzipiell dafür, aber mit einer sorgsam ausgewählten Besetzung. Wie wäre es z.B. mit einem Vetorecht für die von einem Gendefekt Betroffenen?



Ich möchte die PID auch nicht verteufeln und halte die von einigen Politikern vertretene Position “gegen PID aber für Spätabtreibung” ebenfalls für vollkommen unlogisch - auf der anderen Seite tue ich mich aber auch verdammt schwer mit jeder Diagnosemethode, die wie eine Selektion nach körperlichen Entwicklungschancen aussieht oder zumindest als Schritt in diese Richtung begriffen werden könnte. Und da scheint mir die PID leider nicht ganz risikolos zu sein; auch und gerade in der Wahrnehmung potentiell Betroffener, die man auf jeden Fall respektieren sollte.

Meines Erachtens nach sollte der Umgang mit Abtreibungen generell überdacht werden. Ich habe jedes Verständnis für individuelle Notlagen oder medizinische Erfordernisse und halte nichts von grundsätzlichen Verbotsforderungen; jedoch scheinen mir über 100.000 Abtreibungen pro Jahr in diesem Land (fast 20% der Schwangerschaften insgesamt) in Summe durch nichts gerechtfertigt, sondern eher ein Ausdruck für einen leichtfertigen Umgang mit dem menschlichen Leben zu sein.

Da scheinen wir als Gesellschaft ein grundlegendes Problem zu haben, über das man vielleicht einmal nachdenken sollte. Warum sind Kinder ein solches Armutsrisiko? Wie hat sich das Bild der Familie in den letzten Jahrzehnten gewandelt? Warum ist manchen Frauen - mal ins Extrem gezogen, obwohl es solche Fälle leider gibt - die Bikini-Figur mehr wert als ein Leben? Usw. usf.



@SteterTropfen: Ein Stimmrecht, ja. Aber bitte mit normaler Gewichtung. Ein explizites Vetorecht seitens der Betroffenen fände ich persönlich nicht gut. Dann schon eher ein Vetorecht seitens der Eltern eines Betroffenen, um es mal provokant auszudrücken. Immerhin sind sie es, die möglicherweise bis ins hohe Alter hinein die Konsequenzen tragen müssen. Emotional, organisatorisch und finanziell. Als Betroffener kann man leicht sagen: “Hey, mein Leben ist lebenswert!” Das ist aber nur eines von zwei entscheidenden Argumenten, sich für ein Kind mit Behinderung zu entscheiden. Der zweite ist: “Kommen wir als Eltern bzw. als Familie damit klar?” Dem muß m. E. genausoviel Gewicht beigemessen werden. Ich kenne Geschwister von z.B. Schwerst- bzw. Mehrfachbehinderten, die zwar wissen, daß ihr Geschwister gerne lebt. Die aber selbst niemals ein behindertes Kind wollen würden. Weil sie wissen, in welche Lage sie damit auch den Rest der Familie bringen. Und ich kann sie verstehen.

@Christian: Wie gesagt: Im Grunde ist der Gesetzentwurf, der ein komplettes Verbot der PID in Deutschland vorsieht, auf europäischer bzw. internationaler Ebene betrachtet sowieso ein Schuß in den Ofen. Ein Papiertiger. So effizient wie eine Nichtpinklerecke im Schwimmbecken. Man treibt die Leute damit nur ins Ausland und wird noch einen Tacken rückständiger als Deutschland bei der Fortpflanzungsmedizin eh schon ist. Siehe Thema “Eizellspende”.



<s>Kleine</s> Große Bitte am Rande: Wenn schon nichtexistente Mailadressen angegeben werden, dann nehmt bitte das Häkchen bei “Über Folgekommentare informieren?” raus. Die ganzen Rückläufer nach jedem neuen Kommentar rauschen nämlich sonst permanent als “nicht zustellbar” in mein Postfach. Das nervt.



Danke für dieses Post. Ich bin hier völlig bei dir.
diese Unlogig begreife ich nicht und auch nicht, wieso Deutschland in diesesm Punkt wieder mal aus der ‘europäischen’ Reihe tanzen muss.
bleibt nur zu hoffen, dass die Anzahl der Abgenordneten mit Verstand und für die Logik größer ist, als die des Rests.

LG Bine



Ein rigoroses Verbot der PID in Deutschland ist meines Erachtens ein weiterer Schritt ins europäische/weltweite Abseits und die Rückständigkeit.
Warum sollte man diesen einzigartigen Fortschritt nicht zum Wohl aller Beteiligten nutzen?
Angesichts der Tatsache, dass Abtreibungen bis zur 12. SSW nach Beratung aus welchem Grund auch immer(man braucht nur diesen Schein!) straffrei sind, ist es für Paare, die sich seit Jahren Kinder wünschen, doch nur legitim, alle Mittel ausnutzen zu können, um mehr(!) Sicherheit zu haben, ein gesundes Kind zu bekommen.
PID bedeutet nicht zwangsläufig auch den Persilschein für eine Abtreibung, vielmehr haben die Eltern deutlich mehr Chancen, sich auf schwierige, wenn auch nicht unlösbare Aufgaben einzustellen - und sich so vielleicht noch bewusster FÜR ein Kind zu entscheiden -egal unter welchen Umständen, obwohl die Diagnostik vielleicht andere Entscheidungen vermuten lassen würde.
Dass an dieser Stelle Ethikkommissionen in die genaueren Regelungen (was beispielsweise teilt man den Eltern mit, was nicht) einbezogen werden, halte ich allerdings für ein Muss, wenn nicht gar für eine Selbstverständlichkeit.



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