Sind Sie tolerant gegenüber Leuten mit braunen Augen?
Danke, Creezy. Und schade, daß ich diesen Eintrag nicht schon eher gelesen hatte. Mir ging nämlich noch vor ein paar Tagen Ähnliches durch den Kopf. Als Kind, so ca. Mitte der 70er, haben meine Eltern mir auf meine Nachfrage schlicht erklärt, daß nicht alle Frauen Männer lieben und nicht alle Männer Frauen, sondern eben stattdessen jemanden vom selben Geschlecht. Ungefähr so, wie manche Leute eben lieber Apfel- statt Käsekuchen essen oder umgekehrt. OK, alles klar. Damit war das Thema für mich durch. Für meine Eltern übrigens auch.
Erst als Teenager lernte ich, daß “homosexuelle Handlungen” bis zum 21. Lebensjahr strafbar waren. Heiraten(!) hingegen konnte man schon ab 16, wenn die Eltern einverstanden waren, und ab 18, seit man in diesem Alter volljährig wurde. Zu allem Überfluß war Vergewaltigung in der Ehe zumindest damals nicht einmal eine Straftat - ja, nicht einmal überhaupt ein Thema! Verstanden habe ich diese fragwürdige Logik nie, und als die entsprechenden Paragraphen in Deutschland dann endlich abgeschafft wurden, fand ich das einfach nur längst überfällig. Ein Relikt aus der Steinzeit, gewissermaßen, das längst über Bord geworfen gehört hätte. So wie die katholische Kirche ca. 30 Jahre nach der ersten Mondlandung denn auch endlich mal anerkannte, daß Galileo recht gehabt hatte mit seinem heliozentrischen Weltbild. Ungläubig staunend vernahm ich aber Anfang der 90er Jahre, daß die WHO Homosexualität aus der Liste der von ihr anerkannten Krankheiten strich. Wie jetzt, “streichen”? War das da vorher etwa aufgeführt??? Bei der WHO??? Mir stand lange Zeit der Mund offen. Eigentlich dachte ich auch, nun würde mich gar nichts mehr überraschen, was dieses Thema angeht. Ich lag falsch.
Nennt mich naiv, aber mir war trotz einiger Schwuler und Lesben im Freundeskreis bis vor kurzer Zeit nicht bekannt, daß eine beträchtliche Anzahl noch immer derart von den Konventionen unserer Gesellschaft unter Druck gesetzt sind, daß sie sogar einen Partner vom jeweils anderen Geschlecht heiraten. Nicht, weil sie sich nach vielen Jahren plötzlich neu orientieren, sondern obwohl sie sich bereits zum Zeitpunkt der Heirat darüber im klaren sind, daß diese Wahl… nun, sagen wir mal “suboptimal” ist. Die Gründe, die dahinterstecken, scheinen überaus vielfältig zu sein, sie reichen offenbar von der schlichten Angst, als Schwuler oder Lesbe “aufzufliegen” bis hin zum Wunsch, Heterosexualität quasi zu herbeizuzwingen, um endlich die innere Zerrissenheit zu beseitigen. Der GAU war in vielen Fällen vorprogrammiert, mit mehr als traurigen Folgen für alle Beteiligten.
Je mehr ich las und je mehr ich hörte, desto klarer wurde es mir, daß diese innere Zerrissenheit im Grunde nur zur Hälfte wirklich innerlich ist. Auf der anderen Seite zerrt nämlich die Außenwelt. Mit welchem Recht eigentlich? Aus welchem Grund? Nachdenklich und sehr betroffen stellte ich fest: Erst, wenn “homo oder hetero” für alle Menschen endlich den selben Stellenwert erlangt hat wie z.B. die Augenfarbe, kann dieser zerstörerische Druck, diese Zerrissenheit verschwinden. So viel Kummer, unterdrückte Liebe, Selbstzweifel und viele verschenkte Lebensjahre gehen nach wie vor auf das Konto der öffentlichen Meinung - wegen nichts und wieder nichts.
Was lehrt mich das für meine eigenen Kinder? Vor allem lehrt es mich, daß es wohl doch nicht ganz ausreicht, Selbstverständliches einfach selbstverständlich vorzuleben, solange es nicht für alle
verständlich ist. Da ist streckenweise wohl doch etwas mehr Offensive gefragt.