Soziales Pflichtjahr - zum Glück schon lange vom Tisch
Mit der nun beschlossenen Verkürzung des Wehrdienstes geht natürlich auch eine solche des Zivildienstes einher. Und schon liest man wieder die ersten Forderungen nach einem sozialen Pflichtjahr, weil ja nun der Pflegebranche die Zivis fehlen werden bzw. sich deren Einarbeitung kaum noch lohnt.
Sehen wir für den Moment mal ab davon, daß ein Soziales Pflichtjahr schon 2004 für verfassungs- und völkerrechtswidrig erklärt wurde, weil mit Zwangsarbeit gleichzusetzen. Sehen wir des weiteren erst einmal davon ab, daß Zivis keine echten Jobs gefährden dürfen. Und sehen wir auch davon ab, daß auch die karitativen Verbände gar nicht wirklich Wert darauf legen, unwillige Zwangsverpflichtete auf die Pflegebedürftigen loszulassen. Nachtrag: Und von den finanziellen Aspekten reden wir lieber überhaupt nicht. Sehr interessante Lektüre auch im Hinblick auf andere Aspekte.
Beschäftigen wir uns stattdessen mit der Tatsache, daß es Leute gibt, die für Pflegeberufe schlicht nicht geeignet sind. Ich bin zum Beispiel eine von ihnen. Ich mag nicht von fremden Menschen angefaßt werden, ich mag sie meinerseits nicht anfassen - und schon gar nicht will ich gezwungen werden, sie anzufassen. Schon die sich immer weiter ausbreitende Buss-Bussi-Sitte ist mir unangenehm; ich will mein Gesicht nicht zur Begrüßung an das eines anderen drücken müssen. Ist mir zuwider. Erzwungene physische Nähe zu Fremden macht mich aggressiv.
Und nun gehe ich mal richtig ans Eingemachte: Mir wird sogar physisch übel, wenn ich bei einem Kleinkind eine versch…e Windel wechseln muß. Ja, sogar bei meinen eigenen Kindern. Bis sie jeweils ca. 3 Jahre alt waren, hat es mir nichts ausgemacht, aber dann kam irgendwann der Punkt, an dem ich am liebsten danebengekotzt hätte und auch tatsächlich meistens würgen mußte. Wie ich bei einem Erwachsenen reagieren würde, lasse ich lieber mal offen. Besser würde es aber mit Sicherheit nicht. (Gottseidank hat sich das Problem hier zu Hause von selbst erledigt, denn irgendwann um dieses Alter herum werden Kinder ja schließlich trocken und sauber.) Ich liebe die zwei, keine Frage, das wird auch jeder bestätigen, der uns kennt. Aber es gibt eben Dinge, die gehen bei mir nicht oder nur im allergrößten Notfall, und auch dann nur mit innerlichem Sträuben. Da hilft selbst die vielbeschworene Mutterliebe nicht. Ich habe es gemacht, klar. Aber nicht ohne den Wunsch, am liebsten weit, weit wegzulaufen. Je-des-mal.
Während ich dies hier schreibe, suche ich nach einem Vergleich: Was würde ich lieber tun als einen noch dazu fremden Menschen eng physisch zu betreuen oder gar seine Ausscheidungen zu beseitigen? Mir fällt auf Anhieb nichts ein, das ich nicht lieber täte. Einen verstopften, stinkenden Abfluß reinige ich ohne mit der Wimper zu zucken, aber als Pflegepersonal wäre ich eine Katastrophe für mich selbst und den zu Pflegenden. Und es ist mir auch umgekehrt schon passiert, daß ich mit Fieber und Puddingbeinen lieber mein eigenes Erbrochenes weggewischt habe (das macht mir übrigens auch bei anderen nichts aus), statt zuzulassen, daß mein Partner bei dieser Tätigkeit vor Ekel ohnmächtig umkippt. Das macht aber weder ihn noch mich in meinen Augen zu bösen, asozialen Menschen und es hat auch nichts mit mangelnder Liebe zu tun.
Wer nun argumentieren möchte, es gebe für Leute wie mich ja auch noch anderer Arten, im sozialen Bereich Hilfe zu leisten, der sei nun wiederum auf die oben genannten Argumente gegen Zwangsarbeit verwiesen. Was eigentlich passieren müßte, wäre eine Steigerung der Attraktiviät der Pflege- und sonstigen sozialen Berufe. Es gibt sicherlich genügend willige Geeignete - wenn sie denn mit diesen Berufen halbwegs komfortabel sich selbst und eine Familie ernähren könnten. Dann wäre auch die geforderte Kontinuität des Service und ein wachsender Erfahrungsschatz gewährleistet. Statt hier etwas zu ändern jedoch Jugendliche und junge Erwachsene zwangszuverpflichten, ist ganz sicher nicht der richtige Ansatz.