Teddybären
Jaja, OK, ich hab’s schon wieder getan, ich geb’s ja zu. Aber was kann ich dafür, daß ich ein Morgenmuffel bin und die Nivea-Tube nun mal fast genauso aussieht wie die Zahnpastatube? Jedenfalls von hinten und wenn ich meine Brille noch nicht aufhabe. Aber ab morgen steht eine der beiden Tuben woanders im Bad, das schwöre ich, so wahr mein Spitzname Calamity Jane lautet!
Übrigens bin ich schon so oft gefragt worden, wie der Spitzname denn zustande kam, daß ich’s wohl endlich mal aufschreiben muß. Der nächste, der fragt, bekommt dann einfach nur noch die URL dieser Seite hier genannt.
Also, angefangen hat das Ganze 1992 an der Uni in Rennes. Das Jahr war irgendwie verhext! Ich hatte vorher zwei Jahre Grundstudium in Kingston absolviert und war dann von dort zu einem Pflicht-Austauschjahr nach Frankreich gegangen. Im Gegensatz zu Kingston war die Uni Rennes in einem ziemlich alten Gebäude untergebracht, mit dicken Wänden, Säulen, Parkett und Holztüren, von denen die Hälfte klemmte. Unter anderem leider auch die, die zu einer der Damentoilette-Kabinen im Erdgeschoss führte. Eines Abends fand nun für alle frisch eingetroffenen ERASMUS-Studenten eine Begrüßungsparty mit unseren französischen Profs statt, in deren Verlauf ich auch einmal einem natürlichen Bedürfnis nachkommen mußte. Da wir aber schon eine Woche Vorlesungen hinter uns hatten, wußte ich bereits um die klemmende Tür und war eigentlich darauf eingestellt, daß diese sich nicht immer ohne weiteres öffnen ließ. So auch diesmal, also drückte ich zunächst etwas kräftiger dagegen, und als das nichts half, benutzte ich meine Schulter und Hüfte unwillig schimpfend derart schwungvoll als Rammbock, daß die Elastizität des Holzes arg strapaziert und die gesamte Fakultät in ihren Grundfesten erschüttert wurde. Obwohl ich aber schon fast einen Abdruck meiner selbst in der Tür hinterlassen hatte, ließ sich selbige zu meiner grenzenlosen Verblüffung immer noch nicht öffnen. Tja, ein schüchternes “Un moment, s’il vous plaît…”, das aus dem Inneren der verschlossenen Kabine ertönte, machte mir dann auch sogleich klar, wieso… Also rief ich irgendeine Entschuldigung, von der ich hoffte, daß sie einigermaßen französisch klang, ergriff die Flucht und begann, in weitem Abstand zum Tatort unschuldig pfeifend im Säulengang auf und ab zu spazieren. Allerdings mußte ich so sehr lachen, daß ich dennoch meiner Freundin von meinem Mißgeschick erzählte. Als sich dann noch die Tür zu den Damentoiletten öffnete und eine unserer französischen Professorinnen verschreckt um sich blickend herauskam, gab’s für uns kein Halten mehr!
Wenige Wochen später: Calypso hat vom Vortag noch etwas Linseneintopf übrig und will diesen nun in der Mikrowelle im Studentenwohnheim aufwärmen. Eintopf aus dem Kühlschrank, Wasser drauf, kurz umrühren, rein in den Apparat und eingeschaltet. Dann geht’s ans Tischdecken. Jenes findet allerdings ein jähes Ende, als ein Donnerschlag aus der Mikrowelle die friedliche Stimmung in der Küche ganz erheblich beeinträchtigt. Offensichtlich hatte Klein-Calypso nicht gut genug umgerührt, so daß im Eintopf eine Wasser- oder Luftblase entstanden war, die sich nun - den physikalischen Gesetzen treu - unter Energiezufuhr um einiges schneller ausdehnte als der sie umgebende Eintopf. Das Resultat war eine Explosion mittleren Ausmaßes, schallendes Gelächter unter den französischen Kommilitoninnen und der Ausfall des Mittagessens für Calypso. Die mußte nämlich erst einmal eine halbe Stunde lang die Mikrowelle reinigen. Und von den Linsen war ohnehin nicht mehr viel da.
Noch ein paar Wochen später brachte ich den Hausmeister des besagten Studentenwohnheims schwer ins Grübeln. War doch eines Morgens eine der Toilettentüren von innen verschlossen, die Kabine selbst jedoch leer… Nun ja, da mir durch das verrostete Schloß der übliche Fluchtweg mitten in der Nacht plötzlich versperrt worden war, mußte ich leider auf die Türklinke steigen und durch den 50-cm-Schlitz zwischen Türkante und Decke klettern, und zwar im bodenlangen Nachthemd. Da wußte ich dann, wie sich ein Brief anfühlt, den man durch einen zu engen Briefschlitz würgt.
Naaaaaaaaain, das ist noch lange nicht alles! Im selben Semester waren eine Freundin und ich während der Osterferien alleine in unserem jeweiligen Wohnheim geblieben, da sich eine Nachhausefahrt wegen der bevorstehenden Examen nicht gelohnt hätte. (Über französische Muttersöhnchen-Studenten, die für jedes Butterbrot nach Hause fahren, damit Mami es ihnen schmieren kann, lasse ich mich hier lieber nicht aus…) Eines Abends war uns dann nach etwas mehr Abwechslung zumute und wir verabredeten uns zu einem Kinobesuch. Da wir noch nicht zu Abend gegessen hatten, beschlossen wir voher kurz einkaufen zu gehen und bei mir im Wohnheim noch schnell eine kleine Mahlzeit zuzubereiten. Nun ja, sei es, weil wir die uns noch verbleibende Zeit überschätzt hatten, sei es, weil wir einfach zu faul waren—wir entschieden uns beim “Stoc” für zwei Dosen Ravioli und trabten wieder nach Hause. Dortselbst angekommen mußte ich aber leider feststellen, daß ich eine wichtige Tatsache übersehen hatte: Ich besaß nämlich gar keinen Dosenöffner! Und weit und breit war kein Mensch im Wohnheim, der uns hätte aushelfen können. Da Not jedoch bekanntlich erfinderisch macht, haben wir uns mit meiner Schere beholfen. Die war anschließend allerdings im Eimer—und unsere Zeitersparnis auch.
Muß ich jetzt eigentlich noch die Flasche Lambrusco erwähnen, die die selbe Freundin und ich uns drei Jahre später (da wohnte ich seit einem Jahr schon wieder in Deutschland, in meiner ersten eigenen Wohnung) abends zu unserer Lieferservice-Pizza bestellt haben und die wir ebenfalls nicht öffnen konnten, weil ich keinen Korkenzieher besaß—und auch das vergessen hatte? Gottseidank habe ich aber jede Menge netter Nachbarn… *g*
Oder den roten Notizzettel, den ich vor dem Waschen in der Hosentasche meiner weißen Jeans vergaß?
Oder die Lampe, die ich bei dem Versuch die Glühbirne zu wechseln, von der Decke abriß?
Oder die Hautcremetube, die eben leider immer noch aussieht wie meine Zahnpasta, jedenfalls von hinten, wenn ich keine Brille trage?
Ihr glaubt, Stan & Ollie waren Chaoten? You ain’t seen nothing yet! ;o)
Und dann war da noch… Eine interessante Unterhaltung via ICQ gestern abend, die mich ein wenig zum Nachdenken brachte. Soll ich’s tatsächlich wagen, mit A. das Teddybärenbuch zu machen? A. die Story, ich die Illustrationen? Immerhin ist A. meine beste Freundin… Ja, stimmt, ich zeichne gerne [ Bsp. 1 ] [ Bsp. 2 ] [ Bsp. 3 ] [ Bsp. 4 ], aber ich mag es eigentlich nicht, wenn dieses Hobby zur Verpflichtung wird, wenn mir Termine im Nacken sitzen, die Sache zu verbissen wird, um jeden Preis auf der Stelle, am besten schon gestern, auf jeden Fall aber ohne Pause in einem Affentempo durchgezogen werden soll. So war’s damals bei dem Video, das wir gemeinsam gemacht haben. Nie wieder, und beim Zeichnen erst recht nicht! Da gibt es nun mal Tage, an denen nichts gelingt und an denen ich den Bleistift am besten gleich wieder weglege. Das Buch an sich würde ich schon gerne illustrieren, aber wie mache ich es A. klar, daß ich es nicht ausstehen kann, selbst beim Abendessen noch gehetzt zu werden, so wie damals? Ich habe schon versucht, mit ihr darüber zu reden, aber ihr Argument ist, daß man “konsequent” sein muß. Konsequent oder verbissen??? Und wer hat denn gesagt, daß ich irgendwann mittendrin abbrechen und aufgeben würde? Ich will nur mehr Zeit haben. Es ist so schade, daß ein schönes Projekt nur deshalb nicht realisiert wird, weil wir uns in einem derart schwachsinnigen Punkt wie dem Arbeitstempo nicht einigen können. Aber ich weiß genau, wenn ich jetzt zusage, sitzt sie mir jeden Tag im Nacken und fragt nach, wie weit ich denn schon gekommen bin, drängelt mich, hetzt mich. Dann bekomme ich erst recht nichts Gescheites mehr auf die Reihe. Mit Wut und Frust im Bauch zeichnet es sich nicht sehr gut, es wäre nur noch lästig und die Freundschaft könnte eventuell auch einen Knacks bekommen. Vermutlich ist die eigentliche Frage: Wo hört Kompromißbereitschaft auf, und wo fängt das Gehetztwerden an? Ich möchte nicht zu einem Menschen werden, der nur noch für und mit sich selbst arbeiten kann. Es macht Spaß, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen, wie die Zeichnungen für den Charity-Kalender, an dem ich mich dieses Jahr ja nun schon zum dritten Mal beteilige—aber bei den Teddybären bin ich wirklich ratlos…