Vorlesung
Beim Schreiben des letzten Eintrags schoß mir durch den Kopf: Lesen bzw. Vorlesen war als Kind eigentlich meine erste - und lange auch meine einzige - Aufgabe im Haushalt meiner (blinden) Eltern. Irgendwie hatte ich es geschafft, mir das Lesen noch zu Kindergartenzeiten selbst beizubringen, und so hatte ich einen Ausweis der Stadtbibliothek lange bevor auch nur meine Schultüte ausgesucht war. Ich las viel, ich las schnell. Und ich las vor. Kontoauszüge, meteorologische Berichte, offizielle Schreiben, Bücher… Es dauerte nicht lange und in der Schule machte sich Unmut breit, wenn ich an Lesewettbewerben teilnehmen wollte. Was dazu führte, daß ich meistens verzichtete. Stattdessen las ich Ephraim Kishon auf Feiern des Blindenvereins oder später Jugendbücher auf Klassenfahrten der Soester Blindenschule. Mit Beginn des Studiums hörte das Vorlesen fast ganz auf, und ich mußte schnell feststellen, daß es sich auch hierbei um eine Fähigkeit handelt, die trainiert werden muß, wenn man nicht holprig werden will.
Inzwischen hat der Lese- bzw. Bücherwahn auf meine Tochter übergegriffen. Ich lese wieder vor und habe schon fast meine alte Form zu Bestzeiten erreicht. “Schade” ist nur, daß die Lütte sich inzwischen auch schon das Alphabet und das Zusammenziehen von Buchstaben zu Wörtern beibringt und vermutlich bald selbst lesen kann.
Aber Tobias ist ja auch noch da. *g*