Werden wie die Kinder. Oder: Liebe deinen Nächsten
Zufällig ergab sich heute auf der Arbeit ein Gespräch darüber, wie schwierig es manchmal ist, die eigenen Wünsche noch wahrzunehmen, weil der Verstand einem sofort mit zig Argumenten dazwischenfunkt: Dieser und jener Wunsch ist doch überflüssig…, das brauchst du doch gar nicht…, andere haben doch schließlich auch nicht…, erst mußt du aber noch…, was soll XY von mir denken…, ich darf nicht so egoistisch sein…, das ist unbescheiden…, was ich einmal zugesagt habe, darf ich nicht absagen…, dann ist YZ enttäuscht… So tönt er unentwegt, der Verstand. Anfangs wispert er noch zögerlich, schlußendlich predigt er förmlich mit Mikro und Lautsprecher von der Kanzel. Und ist bald so fix mit dem Argumentieren, daß man den unverfälschten Wunsch, das eigentliche Bedürfnis, schon gar nicht mehr wahrnimmt. Sondern nur noch “will”, was man “wollen soll”. Was man meint, das die anderen wollen, das man will. (Spätestens bei dieser Spekulation wird es für das eigene Ich übrigens ziemlich haarig. Ich sage nur: Watzlawick und der Nachbar mit dem Hammer.) Und man wundert sich irgendwann, wenn man sich ausgelaugt, mut- und wertlos und nicht geschätzt fühlt und nicht einmal mehr die Ursache dafür ausmachen kann. Weil man sein eigenes Warnsystem in bester Absicht höchstpersönlich selbst lahmgelegt hat. Klar, seiner Umwelt hat man es leicht gemacht und subjektiv gutgetan. Aber sich selbst??? Wie gut kann es einem wirklich gehen, wenn man das Wohlbefinden und die Zufriedenheit anderer zum Maßstab der eigenen Lebensqualität macht? Oder anders gesagt: Isn’t everybody’s darling also everybody’s Depp?
Dabei fiel mir eine Beobachtung ein, die ich schon länger häufig bei Saskia mache. Auch zunehmend bei Tobias, seit er ein Gefühl für sein “Ich” entwickelt hat. Die beiden antworten auf Fragen, ob sie dies oder das wollen, ganz spontan das, was ihnen als Allererstes durch den Kopf schießt. “Ja.” “Nein.” Oder auch ganz ohne Nachfrage, einfach so. “Das will ich nicht!” “Ich will jetzt xyz!” Ohne Rücksicht darauf, ob sie damit irgendwen beleidigen, enttäuschen, pikieren oder erstaunen.
Probiert das als Erwachsene mal aus! Gar nicht so einfach! Man hat ja mit der Zeit gelernt, daß man Kompromisse eingehen muß. Man hat gelernt, daß wer immer nur nimmt und immer nur an sich denkt, schnell keine Freunde mehr hat. Es werden einem Sprüche wie “Geben ist seliger denn Nehmen” als ultimative Weisheit um die Ohren gehauen. “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst” kommt meist mit dem Unterton von “liebe deinen Nächsten und vergiß dich selbst” daher.
Bitte wie bringt man in Anbetracht dieser moralischen Kakophonie einem Kind bei, sich selbst trotz allem noch zu hören? Weiterhin die Balance zu halten zwischen seinem bisher gesunden “Selbst-Bewußtsein” (im wahrsten Sinn des Begriffs!) auf der einen - und dem für glückliche Beziehungen und Freundschaften nötigen Maß an Empathie, Rücksicht und Hilfsbereitschaft auf der anderen Seite? Ich bilde mir ja ein, in unserer Familie noch die beste Nein-Sagerin zu sein, wenn es mir zu bunt wird. Mir wurde das aber auch schon als Charakterfehler und Egoismus vorgeworfen.
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Nachtrag, auf gut Glück. Weil mir da gerade ein Mail-Dialog einfällt, dessen ich mich im Nachhinein sehr schäme:
Von Dir und für Dich freue ich mich ernsthaft über jedes “Nein”, jedes Schweigen und jede Absage, die Dir gut tun und Dich entlasten. Auch und gerade, wenn sie mir gelten. Versprochen.