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Wie war das eigentlich?

Das wurde ich heute gefragt. Gemeint war Tobias Geburt und die Folgen. Tja, wie war das?

Drei Tage nach dem Kaiserschnitt, als ich mich seelisch eigentlich schon auf die Entlassung aus dem Krankenhaus vorbereitete, maß eine der vielen Krankenschwestern wieder einmal routinemäßig meine Temperatur. Sie lag bei 39 kommairgendwas; ich selbst merkte aber absolut nichts davon und fühlte mich wie immer. Kaum zu glauben, aber wahr. Mein Kaiserschnitt und die Schwangerschaft waren bis auf eine Blasenentzündung in der 27. Woche ziemlich unspektakulär verlaufen. Die üblichen Wehwehchen und ein etwas ungewöhnliches Rhesusfaktorproblem, OK, aber nichts wirklich Krankhaftes.  Am Abend das gleiche Spiel; ich hatte schon fast die 40°C erreicht. Da ich an dem Tag aber auch meinen Milcheinschuß gehabt hatte, nahm ich die Sache nicht ganz so tragisch. Dennoch wurde mir Blut abgenommen und man fand schnell heraus, daß meine Entzündungswerte extrem hoch waren. Ich selbst hätte noch immer am liebsten die Ärzte gefragt, wann denn bitteschön ihre Thermometer das letzte Mal kalibriert worden seien, denn ich fühlte mich eigentlich überhaupt nicht krank. Dennoch hatte ich schneller als ich schauen konnte einen Venenzugang in der Ellenbeuge und bekam prophylaktisch pro Tag drei verschiedene Antibiotika verpaßt, in der Hoffnung, das Fieber schnell senken zu können. Gleichzeitig wurde nach den Erregern gesucht.

Allerdings fand man keinen Entzündungsherd. Meine Nieren wurden mehrfach geschallt, da ich über leichte Rückenschmerzen auf der rechten Seite klagte; zur Sicherheit wurde ich sogar per Taxi noch in die Urologie in einem anderen Teil der Klinik verfrachtet. Auch dort fand man nichts. MRT, CT, Röntgen, Ultraschall… nach ein paar Tagen hatte ich sie alle durch, allerdings hatte man sich dabei auf meinen Unterleib und die Lunge konzentriert, da hier der Verdacht auf eine Entzündung am nächsten lag. Am 5. Tag nach dem Kaiserschnitt fand man auf diesem Weg dann in der Tat eine Thrombose in der Vene des linken Eierstocks. Ich wurde zu einer weiteren Woche mit Breitbandantibiotika intravenös sowie Clexane für mehrere Monate verdonnert und konnte somit erst knapp zwei Wochen nach der Geburt meines Sohnes mit ihm das Krankenhaus verlassen. Meine Rückenschmerzen waren dabei von Tag zu Tag ebenfalls besser geworden. Im Gepäck hatte ich einen Marschbefehl zu meinem Hausarzt, um die Heparintherapie fortsetzen zu können. Zugleich hatte man noch einen Wochenflußstau festgestellt, aufgrunddessen ich weiterhin einmal pro Woche in die Klinik zur Nachkontrolle kommen sollte. Gesagt, getan…

Ca. vier Wochen nach meiner Entlassung hatte ich zwei Nächte, an denen ich abends Schüttelfrost bekam, der sich nachts als Fieber um die 39°C entpuppte. Tagsüber war es komischerweise weg. Mein Weg führte am dritten Morgen direkt in die Ambulanz der Frauenklinik, wo allerdings nichts gefunden wurde - der Wochenflußstau war mittlerweile verschwunden, alles in bester Ordnung. Nur meine Rückenschmerzen waren komischerweise wieder da…

Noch am gleichen Tag kam ein Anruf vom Oberarzt der Urologie, der zuvor meine Nieren geschallt und nichts gefunden hatte. Sein Chefarzt hätte nachträglich noch meine Ultraschallaufnahmen gesehen und gemeint, am oberen Pol der rechten Niere etwas entdeckt zu haben, vermutlich einen Tumor. Ich solle mich bitte von meinem Hausarzt nochmals zum CT überweisen lassen; er würde ihn schon vorab kurz informieren, wieso, weshalb und warum. Na klasse. Bei Nieren sind 95% aller Tumore bösartig, soviel weiß selbst ich als Laie.

Mein Hausarzt - Allgemeinmediziner, ehemals jedoch Urologe - hörte sich die Geschichte kopfschüttelnd an, schallte nochmals meine Niere und fand… nichts. Um mich jedoch zu beruhigen, überwies er mich in der Tat zum CT, damit ich ganz sicher sein könne, daß auch wirklich nichts sei. Das CT zeigte jedoch eine “Raumforderung” von ca. 3x4 cm Größe; der mich untersuchende Professor meinte auf mein Drängen hin, es handle sich mit größter Wahrscheinlichkeit um ein Nierenzellkarzinom. Das war das allererste Mal in meinem Leben, daß ich einer Ohnmacht nahe war und mir schon leicht schwarz vor Augen wurde.

Zurück beim Hausarzt, bewaffnet mit den CT-Aufnahmen, versuchte jener, ein Bett in der Urologie für mich zu organisieren. Die Urologie - leider oder gottseidank eine der besten der Republik -  stellte sich quer. So schnell sei sowieso keine OP möglich, sie hätten keine Betten, keine Kapazitäten etc., etc., blabla. Und überhaupt könne man mich sowieso nicht sofort operieren, da ich ja noch Heparin zur Blutverdünnung nähme und das erst abgesetzt werden müsse.

Eine Alternative wäre Münster oder Hagen gewesen, wo der ehemalige Chef meines Hausarztes in der Urologie tätig war. Es kam jedoch anders. Der mich behandelnde Arzt aus der Frauenklinik bot an, mich mitsamt Tobias(!) wieder stationär aufzunehmen, mich dort mit Antibiotika zu behandeln um das nachts immer noch vorhandene Fieber zu senken, das Clexane durch Fragmin zu ersetzen und überhaupt alles Weitere in die Wege zu leiten, damit nicht noch mehr Zeit verloren ginge. (Es war übrigens der selbe Arzt, der im August 2004 Saskias Ausschabung verhindert hatte, obwohl vier andere Ärzte sie bereits zur verhaltenen Fehlgeburt erklärt hatten.) So landete ich also wieder in der Frauenklinik, diesmal allerdings in der Onkologie. Trotz des dortigen Bettenmangels erhielt ich mit Tobias zusammen ein Einzelzimmer; das gesamte Team war unglaublich lieb zu mir. Wann immer eine Untersuchung anstand, konnte ich meinen Sohn oben in der Säuglingsstation abgeben, wo er dann auch gefüttert und sogar “bekuschelt” und “bespielt” wurde, wenn ich zu lange verhindert war. :o) Zwar durfte er nicht zu den anderen Säuglingen ins Babyzimmer, aber es fand sich immer ein Plätzchen im Schwesternzimmer für ihn.

In der Zwischenzeit wurde bei mir unter anderem per Szintigramm getestet, wie gut meine beiden Nieren jeweils funktionieren, denn es war ziemlich sicher, daß ich die rechte verlieren würde. Auch dort fand sich ein dicker Schatten im Bild der rechten Niere. Das vermutete Karzinom. Die Nierenwerte an sich waren jedoch prima. Sollte ich also eine davon verlieren, würde die andere mit größter Wahrscheinlichkeit deren Funktion mit übernehmen. Mir selber ging es jedoch besch… Eines Abends erwischte mich der oben bereits erwähnte Arzt beim Weinen, setzte sich zu mir und versuchte mich vorsichtig zu trösten. Er ist wirklich einer der liebsten Menschen, die ich je kennengelernt habe.

Am 28. November kam abends Marc in die Frauenklinik, um Tobias mit nach Hause zu nehmen.

Am 29. November, einen Tag vor der OP, wurde ich um sechs Uhr morgens in die Urologie verlegt. Lunge röntgen, EKG, Blasenspiegelung & Stent in den Harnleiter, Blutabnahme, Narkosegespräch, OP-Aufklärung - der Tag ging gottseidank schnell vorbei. Vom Tag der OP selbst weiß ich nicht mehr allzuviel. Morgens bekam ich eine Tablette zur Beruhigung verpaßt, am frühen Nachmittag ging es auf in den OP. Es schien nur eine Sekunde später zu sein, daß ich mich im Aufwachraum wiederfand und ein OP-vermummter Arzt mir erklärte, meine Niere sei futsch, es habe sich aber nicht um einen Tumor, sondern nur um einen Nierenabszeß gehandelt. Der allerdings sei bereits mit dem Zwerchfell verklebt gewesen und habe sehr dicht an den großen Blutgefäßen gesessen, so daß eine Drainage nicht mehr möglich gewesen sei. Man mußte die Niere entfernen. Anschließend wurde nochmals mein Oberkörper geröntgt, um sicherzustellen, daß das Zwerchfell nicht perforiert worden war.

Tja, ab da ging es dann aufwärts. Nach ein paar Tagen kam sogar ein Anruf aus der Frauenklinik. Der selbe Arzt, dem ich schon Saskias “Rettung” 2004, die schnelle Aufnahme in die Klinik und den Trost an einem der schlimmsten Abende verdankte, rief extra an, um sich zu erkundigen, wie es mir denn gehe. Gleiches tat übrigens mein Hausarzt. :o) Am zehnten Tag wurde ich entlassen und muß seither “nur noch” alle 6 Wochen zur Überprüfung der Nierenwerte durch meinen Hausarzt. Die Ursache der ganzen Chose muß wohl die Blasenentzündung in der 27. Schwangerschaftswoche gewesen sein, die unentdeckt in eine der Nieren aufgestiegen ist und dann zu dem Abszeß geführt hat. Kommt wohl selten vor, aber es kommt eben vor. Erste Anzeichen für einen solchen Abszeß sind intermittierendes Fieber, das nachts um die 39°C liegt, tagsüber aber auf eine fast normale Temperatur sinkt. Und falls so ein Ding platzt, kann man anscheinend von Glück sagen, wenn man die daraus resultierende Blutvergiftung überlebt.

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